Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 11 (11.3.1927)
- Date
- 1927-03-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 lOliiB^^ DIE WAHRHEIT ungarische Regierung noch keinen Groschen gespendet. Diese jüdischen Studenten leben — mit wenigen Ausnahmen —, auf die Unterstützung ihrer Glaubensgenossen angewiesen, die beim besten Willen nicht die nötigen Hilfsmittel aufbringen können, darbend und nur von ihrem Idealismus aufrechterhalten, im Auslande. Wenn die Auslandsinstitute des Grafen Klebeisberg einen Sinn haben sollen, dann können sie offenbar nur für ungarische Studenten nichtjüdischer Konfession gedacht sein. Durch ein einziges, die Konfession betreffendes Wort hätte Graf Klebelsberg jeden Zweifel unmöglich gemacht. Er glaubte aber sicher, dieses eine Wort sich ersparen zu dürfen. * * * Die Budapester Filmzensur hat einen Film, in welchem ein jüdischer Arzt als Entdecker des Krebsserums die Hauptrolle spielt, verboten. Aus der Begründung des Verbotes ist ersichtlich, daß die Männer, die in dem hohen Zensurrate Sitz und Stimme haben, zwar nicht die, die Volksgesundheit so schwer bedrohende Krankheit erhalten wissen wollen, aber es doch für bedenklich halten, daß das Judentum in einer Weise dargestellt wird, als ob es berufen wäre, das Heil der Menschheit irgendwie zu fördern. Die Herren wünschen vielleicht, daß, wenn schon dieses Sujet im Film behandelt wird, zu dessen Bekämpfung geistig so überragende Männer wie etwa Ivan Hejjas und Konsorten berufen sind. * * Gotthold Ephraim Lessing, der vor mehr als einem Jahrhundert in seinem „Nathan" den Kampf gegen die menschheitschändende Intoleranz aufgenommen, würde, wenn ihn Nachrichten aus diesem irdischen Jammertale erreichen könnten, einigermaßen erstaunt sein, wenn er hörte, welche Befürchtungen bayrische Behörden kürzlich an die Zulassung des Nathanfilms knüpften. Und zwar auf Grund der Gutachten der „Sachverständigen". Diese meinten, die Vergiftung der Volksseele, die die Folge wäre, könnte sogar zu Tätlichkeiten führen! Wen verkennen diese „Sachverständigen"? Lessings „Nathan" oder die Volksseele? Von Lessing kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er durch das Hohelied der Toleranz, das einen edlen Juden auf die Bühne tringt, keineswegs zu Tätlichkeiten gegen dessen Glaubensgenossen aufreizen wollte. Vielleicht glaubt er sogar, um ein vielzitiertes modernes Wort zu gebrauchen, etwas für die „Sanierung" der Volksseele zu tun, welche durch eifrige Hetzer vergiftet worden war. Oder fürchten die „Sachverständigen", daß die sanierte Volksseele durch den Anblick eines braven, edlen Juden wieder rezitiv werden könnte, während es eine ungemein versittlichende Wirkung übt, wenn man in den so zahlreichen antisemitischen Hetzjournalen, mit denen Bayern gesegnet ist, die Juden ungestraft immer als die Verkörperung aller Schändlichkeiten hinstellt? Die oberste Filmprüfungsstelle in Berlin hat den Münchener Beschluß aufgehoben; offenbar denkt man in Berlin, wenn man die Juden wegen des Shylock, der in Wahrheit kein Jude, sondern ein Christ war, nicht totschlägt, wird man ihnen auch den Nathan verzeihen, den Lessing nach einem Juden zeichnete, den er gekannt hat. _..... Ego. ff.. W<miiwgk&item vom (Ta£e jiSj Die Neuwahlen und das Pessach-Fest. In dem Leitartikel „Die christlichnationale Einheitsfront" in der vorigen Nummer unseres Blattes haben wir auch die Eingabe des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde an den Bundeskanzler erwähnt, in welcher die Regierung auf das Zusammenfallen des in Aussicht genommenen Wahltages mit dem letzten Tage des Passah-Festes aufmerksam gemacht wurde. Da nun der 24. April dennoch als Wahltermin endgültig festgesetzt worden ist, hat Bundeskanzler Dr. Seipel an den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde folgendes Schreiben gesandt: „Entsprechend meinem Schreiben vom 27. Februar an Sie, habe ich bei den Vorberatungen für diese Entscheidung auf die Bedenken aufmerksam gemacht, die Sie bei mir namens vieler Ihrer Glaubensgenossen vorgebracht haben. Bei der Abwägung der Gründe für die Wahl des 24. April oder eines späteren Tages als Wahltermin konnten sich aber die Regierung und die Mehrheitsparteien nicht anders als für den frühesten Termin entscheiden, da sie auf die Abkürzung der erfahrungsgemäß an Beunruhigungen reichen Wahlvorbereitungszeit und vor allem darauf Bedacht nehmen mußten, daß nicht auch noch der 1. Mai in diese Vorbereitungszeit einbezogen würde. Ich glaube mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen, daß für diese Absicht gerade auch die österreichischen Staatsbürger Ihres Glaubens volles Ver-. ständnis haben werden. Aus den Gründen, die ich schon in meinem Brief vom 27. Februar anfführte, hoffe ich, daß sicher keine irgendwie beträchtliche Zahl jüdischer Staatsbürger durch die Vorschriften ihres Glaubens an der Ausübung des Wahlrechtes behindert sein wird." Hochschulkrawalle. „Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." Dies ist der Leitgedanke der hakenkreuzlerischen Hochschulpolitik, die man zum Unterschied von der von den Großmächten in China angeblich betriebenen Politik der offenen Tür als eine Politik der eingeschlagenen Tür bezeichnen könnte. Es ist aber auch eine Politik der eingeschlagenen Köpfe, welche von den hakenkreuzlerischen Rowdys an unseren Hochschulen betrieben wird, sobald sicli eine Hochschulbehörde nicht den Befehlen der völkischen Studentenschaft und vor allem dem Diktate ihres Führers des Herrn Diplom-Kaufmannes Robert K ö r b e r widerspruchslos fügt. Das Rektorat der Wiener Universität mit dem Rektor M o 1 i s c h an der Spitze hat bekanntlich längst vor diesem mitteleuropäischen Bandenführer bedingungslos kapituliert. Nicht so das Rektorat der Wiener Handelshochschule, deren Rektor G r u n z e 1 Widerstand zu leisten versuchte. Er hat nämlich den an dieser Hochschule bestehenden „Concordia-Klub", der verschiedene Parteirichtungen umfaßt, trotz des diesbezüglich an ihn ergangenen Befehles der „Deutschen Studentenschaft" nicht verboten und er hat außerdem seine Zustimmung dazu erteilt, daß auf dem diesjährigen in der Hochschule für Welthandel stattgefundenen Balle auch Professoren nichtarischer Abstammung eingeladen werden! Diese unerhörte Herausforderung des völkischen Gefühls konnten sich natürlich die Hakenkreuzler nicht gefallen lassen. Etwa 80 hakenkreuzlerische Studenten, von denen drei Viertel der Technik und Hochschule für Bodenkultur angehörten, besetzten Samstag, den 5. d. M., um 10 Uhr die Aula der Hochschule für Welthandel, riefen: Juden und Ausländer hinaus!", sangen studentische Lieder und hörten sich eine Ansprache des Diplom-Kaufmannes Körber an, in der dieser heftig gegen Rektor G r u n z e 1 und Professor Oberparieiter polemisierte. Andersgesinnte Studenten wurden beflegelt, auch ging man gegen sie mit Stöcken und Gummiknütteln los. Auf der Straße vor der Hochschule attackierten noch vor Eintreffen der Polizei zwanzig Hakenkreuzler einen ihrer Gegner und hieben ihm mit einem Riemen über den Kopf. Sollte der Rektor Grunzel sich nicht doch veranlaßt sehen, dem Beispiele seines Kollegen von der Universität zu folgen und sich dem Terrorismus der hakenkreuzlerischen Studentenschaft zu fügen, dann lehnen diese schon jetzt die Verantwortung für alle Folgen, die sich aus dieser seiner Haltung ergeben könnten, ab. Auf der Suche nach dem Referenten ... An der Berliner Universität besteht ein sogenannter „Politischer K1 u b", der jedem Studenten zugänglich ist und in dem über aktuelle außen- und innerpolitische Probleme in sachlicher, bisweilen