Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 11 (11.3.1927)
- Date
- 1927-03-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHELT 11^^ gewisse Bedeutung hatte, als er vorgelesen wurde, bevor das Urteil gefällt wurde. Geschrieben ist er aber schon gleich nach dem Mord. Nur eins verstehe ich nicht, fuhr sie fort, wie konnte es zugehen, daß mich am Montag keinerlei Ahnung beschlich von dem, was geschehen würde? Das hätte ich doch in mir fühlen müssen. Früher hatte ich einmal derartige Ahnungen. Als Walter zum Reichsminister ernannt war, wagte er nicht, es mir zu sagen. Ich las die Nachricht in der Zeitung und war tief bestürzt. Als ich meinen Sohn bald darauf sah, fragte ich: „Warum hast Du das getan?" Er antwortete sehr ernst und traurig: „Weil kein anderer da war..." Sie sichtete den literarischen Nachlaß Walters und gab seine Briefe heraus, unter denen die an sie selbst gerichteten zeigen, was sie ihm gewesen. Sie starb, 82 Jahre alt, am 28. Juli 1926. Reichskanzler Dr. Marx richtete am 29. Juli aus Anlaß ihres Ablebens an ihren Schwiegersohn, den Bankier Andreae, folgendes Telegramm: „Soeben erhalte ich die Nachricht von dem Ableben der Frau Geheimrat Rathenau. Namens der Reichsregierung und in meinem eigenen Namen spreche ich Ihnen das innigste Beileid aus, das ich den übrigen Hinterbliebenen zu übermitteln bitte. Der unerbittliche Tod hat dem segensreichen Wirken dieser wahrhaft edlen Frau ein Ziel gesetzt. Der Verlust des geliebten Sohnes durch ruchlose Hand hat ihr eine tiefe Wunde geschlagen, aber ihr unerschütterlicher Glaube an die Menschheit hat ihr die Kraft gegeben, im Sinne ihres großen Toten ihr Werk der Nächstenliebe fortzusetzen. Ihr Andenken aber wird in Ehren fortleben." (Fortsetzung folgt.) Glossen. Dr. Riehl ruht nicht, er will Otto Rothstock, den Mörder Bettauers, als geistig Gesunden aus dem Irrenhaus befreien. Der Konsequenz dieses Verteidigers ist die gebührende Anerkennung zu zollen. Er hat, die kurze Zeit der Verhandlung im Gerichtssaal ausgenommen, unerschütterlich an seiner Meinung über Rothstock festgehalten. Er hat nach der Mordtat das hohe Lied von dem vorbildlichen Idealisten Rothstock gesungen und er ist sicherlich auch heute davon überzeugt, daß man in ihm keinen Narren erblicken darf. Dieser Dr. Riehl, so unermüdlich in der Verteidigung der Judenfeinde, wie selbst auch ausdauernd in seiner Beschimpfung des Judentums, soll nach dem in der Einheitsfront zum Ausdrucke gelangten unerforschlichen Ratschlüsse Dr. Seipels das Mandat für die Leopoldstadt erlangen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich ein jüdischer Wähler finden könnte, der diesem Dr. Riehl den Weg ins Parlament ebnen wollte. Gäbe es einen solchen, würde vielleicht selbst Dr. Riehl ihn als Narren erklären. Die Hochschule für Welthandel war wieder einmal der Schauplatz häßlicher Händel und abscheulicher Raufereien. Die Hakenkreuzler waren u. a. erbittert darüber, daß deutsche Studenten sich so weit vergessen konnten, zu ihrem Balle Professoren nichtarischer Abstammung zu laden. Den Hakenkreuzlern genügt es nicht mehr, daß die Professoren nach ihrer Pfeife tanzen; die nichtarischen Professoren sollen überhaupt nicht tanzen. Bei einem Kampfspiel auf dem Sportplatz hatte sich neulich ein Teil der hakenkreuzlerischen Jugend gleichzeitig dem Sport und der Judenhetze gewidmet. Das Verhalten dieser Jünglinge wurde in der Oeffentlichkeit scharf gegeißelt. Ein unbefangener, wahrheitsliebender Mensch wird jedoch in Erinnerung an die Szenen, deren Schauplatz in regelmäßiger Wiederkehr unsere Wiener Hochschulen sind, sich nicht dem Eindrucke verschließen können, daß die Empörung über den hakenkreuzlerischen Sportpöbel zu weit ging. Gewiß, die unflätigen Schimpfworte aus dem reichen antisemitischen Wortschatze klingen niemals ästhetisch. Das brutale Dreinschlagen mit Fäusten und Knütteln wird keinem gesitteten Menschen gefallen. Aber man vergesse doch nicht, daß der Sportplatz schließlich nicht mit den den höchsten Idealen der Menschheit geweihten Stätten der Universität verglichen werden kann; man bedenke doch, daß man an Jünglinge, die angeblich unter dem veredelnden und erhebenden Einfluß der erhabenen Wissenschaften stehen, andere Anforderungen stellen darf als an Menschen, die in dem muskelstärkenden Sport den einzigen Inhalt ihres Lebens erblicken. So lange die hakenkreuzlerischen Studenten es mit dem Schimpfen über die „Saujuden" mit jedem Spelunkenbesucher aufnehmen, so lange man es duldet, daß auf der Universitätsrampe und selbst in den Hörsälen jüdische Studenten und Studentinnen mit Knütteln überfallen werden, so lange sollte man für Exzesse antisemitischer Raufbolde auf dem Sportplatze nur zarte, höfliche Worte der Zurückweisung suchen. """ :*: * Das Hakenkreuzierblatt, das bisher nur eine beschränkte Mordliste auflegte, sorgt nun für eine Erweiterung seiner gegen die Juden gerichteten mörderischen Agitation. Es reproduziert ein in der „Morgenzeitung" erschienenes Mazzoth-Inserat unter dem Titel: „Handel mit MenschenbSut". Kann die schurkische Ritualmordbeschuldigung deutlicher ausgesprochen werden? Kann die zu Ostern so beliebte Mordhetze gegen die Juden ungenierter inszeniert werden? Es wäre doch interessant zu erfahren, wann auch der Staatsanwalt merken wird, daß da wirklich ein Handel mit Menschenblut geplant wird. Aber yoü dem — Hakenkreuzierblatt. * * * Man nenne mir einen Possendichter, der durch einen lustigen Einfall einen so überwältigenden Lacherfolg erringen konnte, wie ihn der ungarische Unterrichtsminister dieser Tage durch eine ganz ernst gemeinte Kundgebung erzielte. Graf Kuno Klebelsberg verkündete nämlich, daß die ungarische Regierung, in Anerkennung der hohen Bedeutung, die der Verbindung der ungarischen Kultur mit den anderen Nationen zukomme, Auslandsinstitute errichten wolle, die einzelnen, besonders befähigten Studenten auch das ergänzende Studium an fremden Universitäten ermöglichen wird. In Wien soll der Anfang gemacht werden. Wer lacht da nicht? Weiß denn nicht die ganze Kulturwelt, daß die ungarische Regierung dank dem Numerus clausus seit Jahren schon unermüdlich dafür sorgt, daß viele Hunderte ungarischer Studenten, darunter auch — wie aus ihren Zeugnissen ersichtlich — viele glänzend befähigte Köpfe ihren Studien an auswärtigen Universitäten obliegen? Allerdings für die leibliche Erhaltung dieser Studenten hat die