Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 11 (11.3.1927)
- Date
- 1927-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 liilllilllllliilllllllllllllllll lllllitt^ DIE WAHRHEIT glauben, daß Sie, durch Ausschließung der Juden vom Chargieren, etwa unsere Universität oder unser Volk vor einer drohenden Ueberfremdung bewahren, oder auch nur den geringfügigsten deutschen „Belang" verteidigen. Das Ganze ist eine Aeußerlichkeit, ähnlich wie die Frage der zwei Reichsflaggen, an und für sich bedeutungslos, jedoch höchst gefährlich, sobald man sich darauf versteift. Es ist schon einmal ein Riese an einer Buttersauce erstickt. Mein Rat wäre, die Türen zu öffnen, niemanden auszuschließen. Mit einer einzigen freundlichen Gebärde könnten Sie, meine Herren, eine alte und täglich wachsende Verstimmung und Verbitterung und ein Aergernis, mit dem gegen unsere Alma mater gehetzt wird, aus der Welt schaffen. Sie werden nicht leicht wieder Gelegenheit finden, mit so geringer Mühe unserer Universität einen so großen Dienst zu erweisen. Meine Herren, bei der Jahrhundertfeier haben die studentischen Korporationen durch ihr Mitwirken die Farbigkeit und großartige Festlichkeit des Bildes in eindrucksvollster Weise gesichert und erhöht. Ich als Jubiläumsrektor bin Ihnen für Ihre freudige und wirkungsvolle Hilfe außerordentlich dankbar und freue mich, Ihnen heute persönlich danken zu dürfen. Alle Welt hat sich gefreut an der Art, wie die Studentenschaft im Fackelzug, Festzug, auf der Bühne und bei dem Kommers in Erscheinung getreten ist. Ich bin der Letzte, den Wert des dekorativen Moments bei akademischen Festen zu unterschätzen. Wenn aber das Festbild auf einer Ungerechtigkeit aufgebaut wird, freut es mich nicht mehr, und ich müßte bei unseren nächsten Feierlichkeiten den studentischen Schmuck der Chargierten ablehnen, wenn er nicht anders als um den Preis einer Ungerechtigkeit zu haben wäre.1) Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grun v/ald. (Fortsetzung.) Die blinde Mutter. Von Josef B. Ehrlich. Da meine Mutter das Augenlicht verloren hatte, mich also dem Gesichte nach nicht kannte, so fühlte sie sich einseitig nur im Genüsse ihrer Liebe befriedigt und wurde desto besorgter und unruhiger um mich. Die Pflege und Wartung, die ich als Säugling erforderte, konnte sie selbst mir nicht angedeihen lassen, sie vermochte aber auch nicht, mir eine Wärterin aufzunehmen, denn durch den Verlust ihres besten Sinnes war sie ja um ihren kleinen Erwerbszweig gekommen. Was also war zu tun? Nichts, wenn nicht die Vorsehung Anstalten getroffen hätte, der augenblicklichen Not zu steuern. In unserer Nachbarschaft wohnte ein reicher Jude, namens David Posner; er war fromm und überaus wohltätig, nicht minder aber seine Gattin Rosele, denn was er an den Männern, das hat sie an ihrem Geschlechte getan. Rosele kannte, meine Mutter und gedachte ihrer mit mancherlei Wohltat Nun erfuhr sie von ihrer trostlosen Lage und sann auf Mittel, wie ihr am besten geholfen werden könnte. Sie bestellte eine gewisse Freide, die Gattin des bürgerlichen Schusters Samuel, und zahlte ihr einige „Zwanziger" die Woche, damit sie mich in die Pflege nehme. Ich mußte aber bei der Mutter säugen, denn Freide führte mit ihrem Manne eine kinderlose Ehe. Samuel nahm mich öffentlich an Kindesstatt an, nur sprach er dabei eine Bedingung aus, in welche meine Mutter unter vielem Kraftaufwand der Selbstüberwindung endlich einging. Ich solle nämlich derart von ihm erzogen werden, daß ich ihn „Vater", seine Gattin „Mutter", meine Mutter aber nur beim Namen „Gütele" nennen sollte... Doch durfte die Mutter, obschon sie am Sabbate bei uns speiste, am hellerleuchteten Tische nicht sitzen, damit nicht etwa ihre stete Nähe und Zärtlichkeit mich um die Neigung bringe, die ich dem Samuel und seiner Freide bereits zu vollen Befriedigung erwiesen hatte. So saß sie denn fern am Ofen, einsam im Dunkeln, mit geschlossenen Augen, aß *) Daraufhin hat der Korporationsausschuß, da sich zur Aufnahme der ausgeschlossenen Verbindungen die Stimmen nicht einigen konnten, beschlossen, daß bis auf weiteres bei gemeinsamen akademischen Feiern nicht mehr chargiert werden solle und daß der Korporationsausschuß aufzulösen sei. die schnell verabreichte Speise, aß sie mit Tränen und Herzenskummer und durfte nicht klagen, durfte nicht murren. O, hätte sie nur mich gesehen! Ach, die Seligkeit, welche eine Mutter in dem Lächeln ihres Kindes findet, der beglückende Genuß in seinen heiteren Augen sich zu spiegeln, war ihr für immer versagt. Und zu ihrem noch größeren Schmerze merkte sie, daß ich ihr Mißtrauen zeigte, denn, wenn sie zumal mit offenen Armen mich an ihre Brust rief, da wendete ich mich schnell zurück, fester meine Freide umhalsend, und schrie die Arme hinweg. Freide lachte zwar herzlich darüber, mit ihr Samuel; meine Mutter aber ließ die Arme sinken, seufzte auf in ihrer Qual und tappte mit bebenden Lippen nach der nahen hölzernen Tür... Da im Cheder jede Knabe besonders unterrichtet zu werden pflegte, so habe ich mein Viertelstündchen täglich an der Seite des Behelfers zugebracht, dafür aber den ganzen lieben Tag mit den verschieden gearteten Knäblein und Mädlein auf Wiesen und Plätzen mich weidlich herumgetrieben. Um diese Zeit pflegte meine arme blinde Mutter, von einem kleinen Mädchen geführt, dort zu erscheinen, um mich zu sprechen, mit betastenden Händen. Sie fragte die Gespielen alle mit hinhorchendem Ohr, wo ihr Kind Jossele sei. Ich aber schämte mich ihrer kläglichen Gestalt, zog mich weit hinter die Knaben zurück und schrie: „Das ist meine Mutter nicht! Meine Mutter heißt Freide und hat Augen zu sehen!" Dabei hatten noch die Knaben ihr mutwilliges Spiel, denn, damit sie sich täusche, warfen sie ihr jedesmal einen anderen Gespielen zu und sie ergriff ihn mit hastiger Lust. Das geschach jeden Tag. Ihr sehnsüchtiges Bestreben, mich zu herzen und zu umarmen, schlug immer fehl. So ließ sie sich denn zum Behelfer führen und bezahlte ihn eigens dafür, daß er mir meine Unarten zurechtweise, daß er mir einschärfe, daß nur sie meine Mutter sei. Ach, was half mir das Einschärfen? Mir fehlte die Ueberzeugung, die erst später durch mächtige Ereignisse in mir geweckt werden konnte. Bitter klagte meine Mutter: „Er ist ja mein Kind, mein letztes, einziges, von zwölf unglücklich geborenen! Ach, ihr entwöhnt ihn ja ganz meinem Herzen, euch ruft er Vater, Mutter euer Weib, — mich nennt er nur mit Namen, wie man eine Fremde nennt, spottet mein und flieht mich. Ein Mädchen muß ich bezahlen, daß es mich führe von Ort zu Ort, und mein eigenes Kind kann mir weder Stütze noch Stab sein." Also, stritten sie immer um das elterliche Vorrecht, doch meine Mutter mußte sich ihrem Schicksale ergeben, harrend der Zukunft mit göttlich starker Geduld. Die Mutter Walter Rathenaus. Frau Mathilde Rathenau, die der Frankfurter Bankiersfamilie Nachmann entstammte, spielte als Gattin Emil Rathenaus im gesellschaftlichen Leben Berlins eine durch ihre ungewöhnliche Geistigkeit berechtigte führende Rolle, und ihr Haus war Jahrzehnte hindurch ein Treffpunkt des künstlerischen, literarischen und politischen Lebens in Berlin. Nach dem Tode ihres Gatten, im Jahre 1918, zog sie sich ganz aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und lebte nur ihren Kindern. Ihrem Sohne, Walter, war sie nicht nur Mutter, sondern auch die vertrauteste Freundin und Beraterin, mit der er alle seine literarischen Pläne besprach. In seinem, im Verlag Reißner erschienenen Erinnerungsbucb „Gespräche und Briefe Walter Rathenaus" gibt Ernst Norlind eine Unterredung mit Mathilde Rathenau wieder, in der sie sich über die Motive äußert, die sie zurAbsendung des berühmten Schreibens an die Mutter des Rathenau-Mörders Ernst Techow, bewogen haben. Ich will Ihnen erzählen, sagte Frau Rathenau, wie der Brief entstand. Eine Zeit nach dem Morde wurde mir gesagt, daß Frau Techow sich nicht öffentlich zeigen könne, ohne daß man sie beschimpfte. Dies ergriff mich so tief, daß ich ihr sofort schrieb. Es war, als wenn mein Sohn mir die Worte eingab. Gerade so würde er gehandelt haben. Bedenken Sie die Lage dieser armen Mutter im Verhältnis zur meinigen. Als mein Sohn starb, erhielt ich tausend und abertausend Briefe und Telegramme aus der ganzen Welt. Frau Techow dagegen empfing täglich ebensoviel Beweise von Verachtung und Unwillen und was war da wohl natürlicher, als daß ich ihr schrieb? Ich war die einzige, die sie trösten konnte... Können Sie sich vorstellen, daß wirklich jemand zu mir kam und äußerte, daß wohl nicht viele Mütter so gehandelt haben würden; können Sie das verstehen? Ich habe niemals einen Menschen gehaßt, wie sollten mir jetzt solche Gefühle kommen? Mein Verlust konnte mir dadurch doch nicht ersetzt werden. Das Gericht hat inzwischen den Brief aufbewahrt und ich begreife, daß er eine