Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 10 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Hl DIE WAHRHEIT diese Geste schulde? Lächerlich! Ist der Dreyfus- Fall in Deutschland, der Einzug flejjas' ins ungarische Parlament geeignet, Rumänien einzuschüchtern? Warum sollte Europa, das all die Jahre her gegenüber den an Juden verübten Greueln sich zu einem jedes Trappisten würdigen Schweigens zwingen konnte, just im rumänischen Falle die Sprache wiederfinden? * * * Die Regierung Horthys hat in jüngster Zeit unter anderem die Verordnung erlassen, wonach öffentliches Fluchen streng bestraft wird. Diese Verordnung ist im Grunde genommen nur eine Ergänzung der seit langem bestehenden Verpflichtung, in allen Gotteshäusern an den Festtagen öffentlich den Segen Gottes für den Gouverneur zu erflehen. Bei der Abgeordnetenwahl in Czongrad ist der Kandidat der Rassenschützler jämmerlich durchgefallen. Allem Anscheine nach ist also der überwiegende Teil der Czongrader Bevölkerung schon so weit zur Besinnung gekommen, daß sie einem Mitglied der Partei der Bombenwerfer nicht auch die Immunität der Abgeordneten sichern will. Vielleicht werden die Czongrader am Ende noch dafür sorgen, daß auch die Immunität der Herren Mörder aufgehoben wird, die seinerzeit durch eine in das Bailokal geschleuderte Bombe drei Menschen töteten. Die Czongrader kennen die Namen der Mörder ganz genau; sie brauchen sie nur vor Gericht zu nennen. Ego. y»»»».».»—................. „Union dentsdtösterrehblsttaer Jaden" Mitgliedschaft Leoooldstadt Einladung zu der am Mittwoch, den 9. März, VsSUhr abends, im Sitzungssaale des Bezirksrates für den II. Bezirk* II. Karmelitergassft 9, stattfindenden Vereins Versammlung Tagesordnung: 1. Baurat Wilhelm Kempler: Die neuen Friedhoffanlagen der Kultusgemeinde. 2. Bezirksrat Dr. Koloman Freuder: Demokratie und Judentum. 3. Diskussion. Von Mitgliedern eingeführte Gäste, auch Damen, herzlich willkommen! Hochachtungsvoll „Union deufsdtösterreldilsdier Joden" Der Präsident: Dr. Jakob Ornstein Mitgliedschaft Leopoldstadt der „Union" Der Obmann: Med.-Rat Dr. Heinrieb Haase ^jWahwheiten Unendlich traurig ist es, wenn man beobachtet, welche Eindrücke von Deutschland Ausländer nach Hause mitnehmen, die den Judenhaß sozusagen aus erster Quelle fließen sehen. Diese Eindrücke schaden, je weiter sie kundgetan werden, einem vernünftigen, ruhigen Nebeneinanderleben der Völker unendlich. Die Beobachter irren sich aber sehr, falls sie glauben, die erdrückende Mehrzahl der Deutschen schwöre auf das Banner dieser Radikal- Völkischen. Immerhin ist es lehrreich zu erfahren, was Henri B e* r a n d, ein maßgebendes Mitglied der Schriftleitung des Pariser „Journa 1", über seine Eindrücke vom deutschen „Rassenhaß" seinem Blatte mitgeteilt hat. Auf Anraten zweier seit langen Jahren in Deutschland ansässiger französischer Landsleute begab sich Berand nach dem Cafe" Wilhelma in Charlottenburg. Der Direktor des Lokals, erzählt der Franzose, hat auf jedem Pfeiler eine Aufschrift anbringen lassen, in der er seine Kundschaft auffordert, die „Unbekannten und Fremden" nicht zu erschlagen. Diese menschenfreundliche Vorsicht erstreckt sich auf Israeliten und Franzosen. B6rand macht die treffende Bemerkung, daß die aufliegenden radikalen Rechtsblätter gerade — wie in allen Ländern — ihren Lesern stets dasselbe Gebräu vorsetzen können. Neben den Vorwürfen, die man Frankreich mache, sei in den erwähnten Zeitungen von der Notwendigkeit von Pogromen die Rede. Berand sagt dann wörtlich: „Das ist ihr Lieblingsthema. Wir haben keine Ahnung in Frankreich, was der Antisemitismus der reaktionären Deutschen eigentlich ist. Er bedeutet weder eine Meinung, noch ein Gefühl, noch einen körperlichen Gegendruck. Er ist eine Leidenschaft, eine wirkliche Besessenheit von Trunkenen, die selbst vor einem Verbrechen nicht zurückschreckt. Rathenau, Kurt Eisner, Rosa Luxemburg fielen nicht so sehr wegen ihrer Handlungen als wegen ihrer Abstammung." An anderer Stelle heißt es: .,\Vas hat das alles mit dem Haß gegen Frankreich zu tun? wird mau einwenden. Einen Augenblick! Frankreichistfürcinen wahren Rassefanatiker nur eine im Dienste des Judentums stehende verjudete Armee. Ludendorff hat das zuerst gesagt. Frankreich ist also jüdisch wie die Sowjets, der Völkerbund, das amerikanische Bankwesen und die deutsche ReDublik. Selbst H i ndenburg wird als Aushängeschild für jüdische Machenschaften benutzt. Man glaubt vielleicht, daß ich übertreibe. Wir werden das gleich sehen: In den Augen eines lutherischen Nationalisten, des Reinsten unter den Reinen, bedeutet das schwarzrotgoldene Reichsbanner die Vereinigung der revolutionären, jüdischen Internationale (rot), der internationalen jüdischen Bank (gold) und des vatikanischen Roms (schwarz). Ja, der Papst ist gemeint, der Papst und der ganze römische Katholizismus haben sich mit dem Ghetto gegen die reine und heilige lutherische, gegen die auserwählte nordische Passe, besonders gegen Deutschland, verbündet! Ja, dahin kann die Masseneinbildung führen." Die Schilderung des fr=nzösischen Schriftstellers über den Inhalt bestimmter völkischer Anschauungen ist leider zutreffend. Daß solche Versttegenheiten dazu dienen können, den wohlwollenden Ausländer irgendeines Landes mit Achtung vor deutscher Arbeit und Kraft zu erfüllen, wird jeder Einsichtige verneinen müssen. Ein Erzbischof aus jüdischem Haus. Der in Wilna verstorbene Erzbischof Ma t u I e w i t s c h. der erste Litauer, der das Amt eines Wilnaer Bischofs bekleidet hat, stammte, w i e die ,.Y d i s c h e S t i m e" zu melden weiß, von Juden ab. Seine Mutter noch war eine geborene Jüdin. Erzbischof Matulewitsch solbst pflog freundschaftliche Beziehungen zu den Juden Wilnas und pflegte die Geistlichen des Wilnaer Kirchensprengels aufzufordern, in den Predigten dem Antisemitismus entgegenzuwirken. Rohling 88 Jahre alt. Wie Prager Blätter berichten, feierte der katholische Theologieprofessor Johann Bernhard August Rohling, der seit zehn Jahren in völliger Zurückgezogenheit in Salzburg lebt, am 15. Februar seinen 88. Geburtstag. Wenn je ein Antisemit, so hätte er, der streitbare Vertreter einer streitbaren Kirche, es verdient, von seinen Gesinnungsgenossen nicht schmählich im Stiche gelassen zu werden. Doch wer denkt heute noch an Rohling, wer erinnert sich noch des «nst so gefährlichen Judenfeindes? Sein Stern ist längst erloschen,