Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 10 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Glossen. Herr Rektor Molisch mag sich dieser Tage schmerzlich an das bewährte Wort des Kriegsmannes erinnert haben, der zu Gott fleht, er möge ihn vor seinen Freunden schützen. Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" hat nicht dem Drange widerstehen können, in der Berichtigungsaffäre Molisch—Renner für den Rektor Partei zu nehmen. Schön. Aber sie hat diese Aufgabe in die Hand eines Menschen gelegt, der wirklich zu jenen Journalisten zählt, auf die das Wort Bismarcks sagt, daß sie „ihren Beruf verfehlt haben." Dieser Herr schreibt zum Beweis, daß Dr. Renner kein Recht hatte, das ihm von Rektor Molisch in den Mund gelegte Wort von der „Mörderzentrale" zu berichtigen, unter anderem in einem Atem folgende Sätze: „Es ist eben herausgekommen, daß das Wort „Mörderzentrale" als Bezeichnung für die Universität von Doktor Renner wirklich nicht gebraucht w a r." „Länger als ein Jahr ist es her, daß Dr. Renner sich in scharfen Ausfällen gegen die Universität ergangen hat. Ebensolange ist das Wort von der „Mörderzentrale", aus dem Munde Dr. Renners entsprun- I gen, bekannt." I Wem dauert der Rektor Molisch nicht, wenn er, von einem Dr. Renner angegriffen, auf den Schutz der „Dötz" herunterkommt. Sein schärfster Gegner wird vielleicht, von Mitleid erfaßt, fragen, ob er es verdient, sieh einen solchen Feind zugezogen zu haben? * * V Noch ist die traurige Erinnerung an die Szenen nicht verblaßt, bei welchen sogar die Sicherheit junger Studentinnen in den Räumen der Universität bedroht wurde, und man erfährt durch den sensationellen Kasseneinbruch, daß auch sonst die unsichersten Verhältnisse an der Universität herrschten. Mit großer Ergriffenheit erzählte der Rektor einem Interviewer der „N. Fr. Presse", daß er wiederholt sich an das Ministerium mit der Bitte um Einführung eines ständigen Nachtwächterdienstes gewendet habe, aber ohne jede Antwort geblieben sei. Die Unsicherheit an der Wiener Universität bildet aber seit langem eine um so bedauerlichere Erscheinung, als ihre Folgen sich nicht nur in finsteren Nachtstunden, sondern auch am hellichten Tage bemerkbar machten und doch jede Urgierung bei den kompetenten Stellen wegen Abschaffung der Mißstände vergeblich blieb. Der nächtliche Einbruch, dem die goldene Kette des Rektors glücklicherweise nur vorübergehend zum Opfer fiel, war sicherlich ein höchst beklagenswerter Fall, aber die vielen Rippenbrüche und eingeschlagenen Köpfe, die bei den Kämpfen auf der Rampe und auch in den Lehrsälen zu verzeichnen waren, füllen auch kein Ruhmesblatt der Wiener Universität. * * * * Aus dieser rassenschützlerischen Jugend dürften schon in nächster Zukunft dank dem Numerus clausus die Aerzte hervorgehen, denen sich auch jüdische Kranke anvertrauen sollen. Wird diesen [Menschenfreunden immer die hübsche Devise: „Leben und leben lassen!" vor Augen schweben? Was kann man von Studenten erwarten, die sozusagen einem Universitätsprofessor drohen, daß, falls er nicht freiwillig die Professur zurücklege, Ereignisse eintreten werden, für die die akademische Jugend schon heute die Verantwortung ablehne. Man weiß übrigens nicht, was man an dieser Drohung mehr bewundern soll, die Logik oder die Vorsicht, die in ihr zum Ausdruck gelangt. Der Mann, dem man die Pistole an die Brust setzt, soll freiwillig tun, was man von ihm erpressen will, und der Staatsanwalt wird schon heute darüber belehrt, wen er anzuklagen habe, falls ein Unglück geschehen sollte. Ein neuer Beitrag zu der Lehre: Nicht der Mörder ist schuldig, sondern sein Opfer. * * * Graf Adalbert Sternberg hat sich in seinem jüngsten Vortrag, der einer Polemik gegen den Grafen Keyserling galt, auch einen seiner beliebten Exkurse auf das theologische Gebiet gegönnt, das ihm jetzt sicherlich viel sympathischer als die Spielräume des Jockeyklubs ist. Er führte da unter anderem aus: Christus habe sich in seiner Lehre immer auf das Alte Testament berufen, das infolgedessen eine höhere Autorität als die Evangelien bedeutet. Man wird es nach dieser kleinen, jedem Juden aus dem Herzen kommenden Kraftprobe glaublich finden, daß ein wohlwollender Zuhörer nach dem Vortrage bemerkte, Graf Sternberg werde es, auf diesem Wege fortfahrend, noch dahin bringen, daß die Hakenkreuzler eine peinliche Prüfung seines Stammbaumes unternehmen. Aber ebenso glaubwürdig erschiene es, wenn der schlagfertige Graf Sternberg die Warnung mit der Antwort quittieren würde: Ob Altes Testament, ob Neues Testament — ich verbeuge mich doch immer wieder nur vor dem jüdischen Geist! * * * Schröder begnadigt! Die ihm wegen Ermordung des Kaufmannes Hellbing auferlegte Todesstrafe, wurde, wie amtlich gemeldet wird, durch Erlaß des preußischen Staatsministeriums in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Offenbar hat die Regierung das Verhalten des Untersuchungsrichters und anderer Amtspersonen, die vielleicht nicht weniger als der Mörder selbst, die Spur des Verbrechens auf den Juden Haas lenken wollten, als höchst berücksichtigungswürdigen Milderungsgrund gelten lassen. * * * Der Freispruch des rumänischen Studenten Totu, der im Czernowitzer Gerichtsgebäude einen jüdischen Studenten hinterrücks niedergeschossen, hat wohl auf manchen erschütternd, aber sicherlich auf niemanden überraschend gewirkt. Warum sollen denn behördliche Funktionäre, die ungestraft, ja wohlwollend die Aufforderung zu Mord und Todschlag dulden, einen Jüngling verurteilen, der das offene Wort in meuchlerische Tat umwandelte? Ueberraschend wirkt schon die Nachsicht, daß die Regierung angeblich die Absicht hege, eine Revision des Prozesses anzuordnen. Glaubt der rumänische Ministerpräsident vielleicht, daß er dem irritierten Rechtsgefühl des zivilisierten Europa wenigstens