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Die Wahrheit · 1927-03-04 · Heft 10 (4.3.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 10 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT . i 11 min i iiiiiiiiiiiim «Ii Seite 5 Achtzig Jahr, die gute Alte! Und die Stirn noch ohne Falte, Braun das Aug1 und schwarz das Haar. Freudig, wie sie immer war. Froh des Tags, den Gott gegeben, Keine Müh* noch Arbeit scheuend. Und mit jedem sich erneuend Im erneuten Vorwärtsstreben. Ihrer Seele blieb der Schwung, Der sie irühe schon erhöhte, Leuchtend von Begeisterung; Und ihr Jugenddichter Goethe Blieb des Alters Morgenröte. Und so blieb sie selber jung. Ihrem Blicke blieb die Klarheit. Die von Kraft des Willens zeugt. Eine Mahnung uns zur Wahrheit. Die sich keinem Götzen beugt; Uns ein Beispiel der Belehrung, Einst wohl strenger, heute mild; Heut4 der liebenden Verehrung Schönen Lebens schönes Bild. Und ein leiser Duft kommt wieder. Lieblich füllend das Gemüt; Und ich glaub', es ist der Flieder, Der am neunten Mai geblüht. Und mich grüßt — was ist's? — Ich glaube. Rückwärts schauend manches Jahr, Daß es die Syringenlaube, Die in uns'rem Garten war, O, wie prangt in Frühlingsfrische Junges Grün und Blütenschnee; Und wie dampft schon auf dem Tische Bei dem Kuchen der Kaffee! Welche Lust und Augenweide, Deiner Sechse bunte Reih', Und du selbst im weißen Kleide, Strahlend wie der junge Mai. Strahlend wie der junge Morgen. — Und mit stolzem Kindersinn Blicken wir, von ihr geborgen. Zu der schönen Mutter hin. Und der Vater, längst geschieden. Lächelnd kehrt auch er zurück. — 0, du Heimat, voll von Frieden, 0. du Jugend, voll von Glück .... Und der traute Hügel winkt. Und das Bächlein murmelt sacht Unter Weiden, und es blinkt Am Rondell der Tulpen Pracht. Ach, wohl ist es lange, lange. Doch vergessen werd' ich's nie. Was auf uns'rem Erdengange Du uns gabst an Poesie. Was in deiner Liebe Fülle Meine junge Seele fand, Als sie zag noch in der Hülle Und sich selber nicht verstand. Als sie, flüchtend vor der Menge, Dir vertraut ihr erstes Leid. Und den ersten der Gesänge, Teure Mutter, dir geweiht. Habe Dank! Was tief empfunden Und auch tief verschwiegen war. In der heiligsten der Stunden Werd' es laut und offenbar. Und wiewohl nach allen vieren Richtungen der Welt zerstreut. Kommen wir und gratulieren Dir. geliebte Mutter, heut'. Die vom Meer aus Süd und Norden, Bringen ihren Glückwunsch dir — Aelter wohl, nicht alt geworden. Sind all deine Kinder hier. Und du selber, gute Alte, Blühst noch frisch am neunten Mai, Und der liebe Gott erhalte, Schütze, segne dich und walte. Daß es lang noch, lang so sei! Viele wurden alt und greiser. Von der Jahre Last beschwert; Doch du machst es wie der Kaiser, Den du stets so treu verehrt. Und nach abermals zehn Jahren Kommen in noch größeren Scharen Kind und Kindeskind herbei — 0, das wird ein schöner Mai! Und wie heute, beim Beginn Eines festtäglichen Schmauses. Feiern wir alsdann des Hauses Neunzigjähr'ge Kaiserin! 1 m. (Fortsetzung folgt) Das Problem der Ostjuden. Eine Schrift von Dr. Paul Nathan. Die neue Schrift*) von Dr. Paul Nathan gliedert sich in folgende Abschnitte: Das Problem der Ostjuden (Vergangenheit — Zukunft). — Wachsender Antisemitismus, wachsende Verfolgungen. — Die gegenwärtige Lage. — Während die erstgenannten Kapitel die geschichtlichen Voraussetzungen der „Judenfrage" und deren Gestaltung bis zum Weltkriege behandein. ist das letzte, den größten Teil der vorliegenden Schrift einnehmende Kapitel dem aktuellen Judenproblem gewidmet, wie es sich aus der gegenwärtigen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation in den östlichen Nachfolgestaaten und in Sowjetrußland selbst ergibt. Es spricht für die Sachkenntnis und Objektivität des führenden jüdischen Politikers und politischen Denkers, daß hier die eigentüchen Wurzeln der historischen und aktuellen Judenfrage in jenem elementaren historischen Depossedierungsprozeß aufgedeckt werden, der für das tausendjährige Schicksal der Diasporajudenheit bestimmend geworden ist. Das große historische Drama beginnt mit der zwangsläufigen Abwanderung der rheinischen Juden infolge der Kreuzzüge ostwärts nach dem polnisch-litauischen Gebiet und südwärts längs der Schwarzmeerküste nach dem russischen Süden und dem Krimgebiet. Ursprünglich infolge ihrer besonderen, den „Wirtsvölkern'* überaus nützlichen Wirtschaftsfunktionen umworben und jahrhundertelang wohlwollend geduldet, werden sie in neuer Zeit mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Industrialisierung der östlichen Agrarländer als überflüssig empfunden und depossediert. Es ist ein Verdienst, diese soziologische Grunderkenntnis angesichts aller ideologischen Verdunkelungsversuche so klar und eindeutig hervorzuheben, wie es Paul Nathan hier tut. Den eigentlichen Schwerpunkt der Darlegungen dieser Schrift bildet die sozialpolitisch begriffene und im Hinblick auf die gegebenen aktuellen Lösungsmöglichkeiten erörterte Ostjudenfrage. Hier spricht Paul Nathan als ein Erkennender und politischer Führer, dem die Geschichte recht gegeben hat Er darf mit berechtigter Genugtuung feststellen, daß die Erkenntnis, daß die östliche Judenfrage nur im Osten selbst gelöst werden könne, heute, nach der Einwanderungssperre in den Vereinigten Staaten und der Klärung der Kolonisationsmöglichkeiten Palästinas, von niemand mehr ernstlich bestritten wird. Für den aktuellen historischen Moment lautet die Formulierung: Nicht Auswanderung sondern Binnenwanderung. Und zwar vor allem in bezug auf die Juden Sowjetrußlands selbst, die — nahezu drei Millionen Seelen — heute einem weit furchtbareren Depossedierungsprozeß anheimgefallen sind, als es je in der zaristischen Zeit der Fall war. Wurden sie damals vom Lande abgesperrt und in den Städten und städtischen Berufen, hauptsächlich im Handel, zusammengepfercht, so werden sie heute kraft der neuen sowjetistlschen Wirtschaftsentwicklung und Staatsraison, die die Handelstätigkeit auf ein Minimum reduziert, wieder zur Landwirtschaft hingedrängt. Dabei verkennt der Verfasser die Bedeutung der auch in Sowjetrußland gegebenen Möglichkeiten für die jüdische Handels- und Handwerkstätigkeit keineswegs, was gegenüber allen Einseitigkeiten durchaus richtig ist Die gesamten Gedankengänge und die Grundauffassung des Verfassers beruhen auf der zwar nicht deutlich ausgesprochenen, aber überall vorausgesetzten Erkenntnis, daß sich am eigentlichen Wesen der östlichen Judenfrage, die sich aus einer gewaltsamen Zusammenballung und Einschließung der jüdischen Millionenmassen in einem engen „Rayon" ergab, auch unter den neuen politischen Verhältnissen nichts geändert hat. Die ursprünglich politischen Hemmungen der Freizügigkeit sind von sozialökonomischen abgelöst worden. Durch die Randstaatenbildung hat diese wirtschaftliche Isolierungspolitik eine akute Verschärfung *) Dr. Paul Nathan: „Das Problem der Ostjuden". Philo-Verlag, Berlin SW. 68. Lindenstraße 13.

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