Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 10 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Uli iiiii m WAfÄHÖf ffäüfca, wie dies den moralischen, kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen der Zedt, des Ortes und des Volkes entspricht Sind diese Voräussetzunigien unklar und verworren, zwiespältig und widerstrebend, dann wird die von diesen abgeleitete Politik einen ähnlichen Charakter annehmen. Dies ist nun meistens dann der Fall, wenn sich das geistige Leben in einem Uebergangsstadium befindet, wenn Altes mit Neuem ringt, Geister der Vergangenheit mit den Dämonen der Zukunft im Kampfe stehen und die Ueberlieferungen, die alteingewurzelten Sitten und geltenden Rechtssatzungen den Forderungen eines unaufhaltsamen und oft ungezügelt vorwärtsstrebenden Lebens streitbar entgegentreten. Diesem Kampfe entspringt dann ein Gewächs, das auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft oft läuternd und reinigend zu wirken vermag, auf dem Gebiete der Politik aber in allen seinen Formen und Abarten eine Gefahr bedeutet: Der Radikalismus. Dieses Unkraut auszuroden und den Gruppen und Parteien, die sich von dieser Giftpflanze nähren, das falsche Heilmittel zu entziiehen, das den Geäst narkotisiert und das Gemüt aufpeitscht, hat ein Mann unternommen, der nicht nur die hierzu notwendige Geistes- und Willenskraft besitzt, sondern auch auf seinem Posten steht, von dem aus seine Stimme weithin gehört wird: der Rektor der Universität München. Professor Dr. Karl Vossler hat sich als Geschichtsforscher bereits einen hervorragenden Namen gemacht, besitzt er doch ■eine Eigenschaft, welche uns für einen Historiker besonders wichtig erscheint: er ist ein Fanatiker der Objektivität, einer Objektivität, welche die deutsche Geschichtsforschung leider oft vermissen läßt. (Es sei nur an Treitschke und Spengler erinnert.) Aber auch dort, wo Professdr Vossler aus seiner Gelehrtenstube heraustritt und sich an die Allgemeinheit wendet, dort wo er sich mit Problemen des Geisteslebens und Fragen der Politik beschäftigt, bewahrt er seine Gelehrtenitugend, was um so rühmlicher erscheint, weil heute Mut, sehr viel Mut dazu gehört in Deutschland objektiv bleiben zu wollen. Und er ist Rektor der Alma Mater Mona;hensis! Mit erfrischender Klarheit tritt uns seine Gesinnungsreinheit und Vorurteilslosigkeit in den Reden entgegen, die er als Rektor der Münchner Universität — ein leuchtendes Beispiel für andere Rektoren! — bei den verschiedensten Anlässen gehalten hat und die im Verlage Max Hueber in München unter dem Titel „Politik und Geistesleben" in diesem Jahre erschienen sind. Dieser Titel ist das Thema der ersten Rede der Sammlung, welche Rektor Vossler anläßlich der ReichsgründungsfeieT der Münchner Universität gehalten hat. Schon diese erste Rede, aus der wir im folgenden einige Stellen anführen wollen, ist eine Tat, ja noch mehr, sie ist eine mutige und entschlossene Tat Wurde sie do±i bei einer Reichsgründungsfeier vor einer zum großen Teil entweder völkisch oder monarchistisch oder klerikal eingestellten Professoren- und Studentenschaft gehalten: ,.... Die Trugbilder und Gespenster, die ich heute scheuchen möchte, sind zahlreich und gefährlich. Es ist die ganze politische S^hwarmgeisterei die damals als Bismarcks Wille eine feste und klare Staatsordnung schuf, abgedrängt wurde in die dunkleren Winkel des öffentlichen Lebens. Man konnte glauben, sie sei erledigt Inzwischen ist sie längst wieder über uns hereingebrochen und füllt den Vordergrund und verwirrt die Gemüter: immer in neuen Verpuppungen die alte Unvernunft: ein metaphysisches, spekulatives, romantisches, fanatisches, abstraktes, rationalistisches und mystisches Politisieren. Alle diese Unterarten von Unart, so verschieden Und feindlich äuch: gegeneinander, entstammen, wenn ich mich nicht täusche, samt und sonders einer Störung des Verhältnisses zwischen dem geistigen Leben und dem politischen Wollen der Völker. einem Mißklang zwischen fhner Kultur und ihrer Politik.-- Kommilitonen! Sie haben in den letzten Jahren viel getan, um den Alkoholismus aus dem studentischen Leben zu entfernen; aber seit einigen Jahren laufen Sie Gefahr, sich an politischen Phrasen und Mythen geistig zu betrinken. Wenn die akademische Jugend es nicht vermag, sich nüchtern zu halfen, so sehe ich der Zukunft des Reiches* dessen Gründung wir "heute'feiern, mit Besorgnis entgegen!" •Rektor Vossler gibt den Studenten in seiner eigenen Person ein nachahmenswertes Beispiel von geistiger Enthaltsamkeit und Nüchternheit, indem er sich von Schlag Worten und Phrasen nicht berauschen läßt Aber Nüchternheit allein genügt nicht. Sie kann uns wohl davor bewahren, daß wir einen unnchtigeh Weg wandeln und eine falsche Richtung einscHlageti, sie ist "aber nicht imstande, uns den richtigen Weg zu weisen, sie muß sich paaren mit Glauben: „Den echten Politiker und großen Staatsmann erkennt man daran, daß er nicht nur — was wir Professoren zu predigen nicht müde werden — historisch fühlt und denkt, sondern vor allem daran, daß er für die kommenden Dinge eine richtige Witterung hat, daß er voll von ihnen ist. Ein solches Zukunftsgefühl, gemischt aus Demut und Keckheit, kann ich mir nur auf religiösem Grunde denken,. Wenigstens wüßte ich keinen schöpferischen Staatsmann und keine fruchtbare Staatskunst, die nicht von einem lebendigen Glauben getragen wären, sei es Vertrauen in das eigene Glück, in die Sache, in die Sendung, in das eigene Volk oder, auf höherer Stufe, in den Sinn des Welt- und Menschengeschickes, in Gott. Weniger durch Wissen um Vergangenes und Gegenwärtiges als durch gläubiges Ewigkeitsbewußtsein wird das politische Wollen und Handeln der Völker in eine innerliches und gedeihliches Verhältnis zu ihrem übrigen Geistesleben, zu ihrer Sittlichkeit, hrer Erkenntnis und Phantasie gebracht.----" Als wissenschaftlich denkonder, als nüchterner und vor allem als gläubiger Mensch ist ihm ein Gefühl fremd, das das geistige und politische Leben Deutschlands untergräbt: der Haß, der den Geist verschließt und das wissenschaftliche Verstehen und Begreifen unmöglich macht. „Dem Philister ist immer irgend etwas verhaßt und feindlich, das er nicht begreift: sei es, daß er die Fremdvölker haßt oder eine Partei oder ein Bekenntnis oder was weiß ich. Heute ist Deutschland zerrissen vom Klassenhaß. Der Student, der dem Klassenhaß oder dem Rassenhaß dient, erniedrigt sich in die Fron der materiellen Interessen". (Schluß folgt.) Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Meiner geliebten Mutter zum achtzigsten Geburtstag. Von Julius Rodenberg. An Temperament, Raschheit des Entschlusses und Energie des Ausführens, an allen den Eigenschaften, die den Charakter eines Menschen über das mittlere Maß erheben, war meine Mutter meinem Vater überlegen. Sie war die stärkere Natur, die herrschende Kraft: sie regierte das Haus v/o die Zügel den schwächeren Händen zu entgleiten drohten. Ihrem scharfen Blick entging auch das geringste nicht. Streng gegen sich, verlangte sie viel auch von den anderen; aber wie dankbar war sie, wie sehr erzog sie uns zur Dankbarkeit, zur Pietät, zur Ehrfurcht! Rücksichtslos konnte sie nur werden, wo es um die Wahrheit ging, und nichts bestrafte sie bei ihren Kindern so unerbittlich, wie die Lüge. Im Verkehr mit den Menschen war sie von einer Liebenswürdigkeit, der nicht leicht jemand widerstand; jedem wußte sie etwas zu sägen, was ihm Freude machte, ihr warmer Anteil an fremden Geschicken erwarb ihr viel treue Freundschaft, wie sie selber stets der Armen und Hilfsbedürftigen beste Freundin war. Von meinem Vater ward sie sehr geliebt; mit einer Art von Stolz, ja mit Respekt sah er zu ihr empor und in allen wichtigen Entscheidungen sich ihr unterzuordnen, erschien ihm das Natürliche. Sie wiederum, wo ihr in den Büchern und namentlich den Zeitungen etwas unverständlich blieb, wandte sich unbefangen an ihn um Belehrung. „Was vermöchte ich dem noch hinzuzufügen? Ist mir doch, als ob sie noch einmal alle wieder auflebten, die diese Jahre mit mir geteilt haben; als ob auf die Stufen dieses Hauses die Mutter träte, um ihr Kind heimzurufen. „Ich komme! Ich komme!", gab ich zur Antwort, wenn ich an den langen Sommerabenden vom Spiel auf der Straße mich nicht trennen konnte. Nun ist der lange Sommertag des Lebens wirklich zu Ende, und es ist Abend geworden. Und abermals vernehm ich die Stimme, die mir ruft — es ist nichts Trauriges darin, es ist die Liebe der Mutter, die Liebe der Heimat, und wie einst das Kind, so antwortet heute der Fünfundsiebzigjährige mit dankbarem Blick auf das Elternhaus: ,Ich komme! Ich komme!'" * * * Aus der Kindheit — 9. Mai 1884. — Kommet, kommet all' herbei! Kommt, heut' ist der neunte Mai. Blumehspender, Kranzeswinder, Kinder, Kind's- und Kindeskirider, Kömmt in einer großen Schaar: Heute wird sie achtzig Jahr.