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Die Wahrheit · 1927-03-04 · Heft 10 (4.3.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 10 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHSHßtt Seiu3 suchte, in einer vor zehn Jahren (1917) erschienenen Abhandlung die Gründe dieses antimaimunischen Umschwunges darzulegen und sie auf das Lehrhaus des Rabbi Nissim Gerundi in Barcelona zurückzuführen. Tatsächlich war zur Zeit Spinozas in den jüdischen Kreisen ein philosophisches Vakuum eingetreten. Da brauste der Sturmwind von Frankreich heran. Rene Descartes (Renatus Cartesius), sonst auch ein hervorragender Mathematiker, stellte ein neues System auf, den Dualismus zwischen Geist und Materie, wobei er die Welt mit einer Uhr verglich, die zwei Zifferblätter hat. Die Werke Descartes erschlossen dem jungen Spinoza eine Fülle neuer Ideen; nun .begann bei ihm dieselbe Entwicklung zum Vorschein zu kommen, wie wir sie bei anderen führenden Geistern des Judentums, von Philo in Alexandrien angefangen über Sadia Gaon, Ibn Gabirol, Jehuda Halevi, Maimonides, bis Nachmann Krochmal, den so wenig gewürdigten jüdischen Philosophen der Neuzeit. Zuerst ein restloses Sichhingeben an die neue Idee, dann aber das Bestreben, über sie hinauszugehen und seine eigene Note in sie hineinzubringen. Die ersten Schriften Spinozas waren Descartes gewidmet; doch dem vom jüdischen Geiste gesättigten Manne konnte der Dualismus nicht entsprechen und so schritt er über seinen Meister hinaus. Spinoza erklärte die Welt als eine Einheit, nannte sie Substanz, bezeichnete sie als „Deus sive natura" und wurde so der Schöpfer des Pantheismus. Die von seinem Meister erlernte mathematische Methode verwendete er als äußere Form seines Hauptwerkes, „Die Ethik", die er in lateinischer Sprache niederschrieb und die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Spinozas Gedanken wirkten neben denen Kants ungeheuer befruchtend auf die moderne Welt und sind aus ihr nicht mehr auszuschalten. Sein System ist ein Zyklopenbau, neben dem manche Werke späterer Philosophen zwerghaft erscheinen. Von was ehedem Heiligen gedient hatte, in den Dienst des Unheiligen treten; kein Gegenstand, der gottesdienstlichen Zwecken geweiht war, darf weltlichem Gebrauche zugeführt werden, wie es so sinnig und schön das Beispiel der zerbrochenen, steinernen Tafeln lehrte, die, trotzdem sie entweiht und wertlos geworden, dennoch in der Bundeslade neben den zweiten ganzen ruhen mußten. So gilt es für jeden Thoraschmuck, jedes heilige Buch, selbst für das zerlesenste und zerrissenste Gebetbuch, daß sie, wenn sie gar nichts mehr dienen können, in der Erde vergraben werden, um nicht, entwürdigt und entehrt, in Unrat und Abfall ein Bild gefallener Größe zu bieten. Nicht minder feinfühlig ist aber das andere Streben, im Heiligen emporzusteigen, was für jede Dienstleistung und jede Handreichung im heiligen Dienste gilt und bezweckt, dem geringsten Dienste eine höhere, bessere Bedeutung abzugewinnen. Man mag es kleinlich finden, wenn sich diese Vorschrift bis auf das Band, mit dem man die Thora umwindet, erstreckt und gefordert, wird, sie von unten nach oben und nicht umgekehrt zu wickeln, aber in den Kleinigkeiten offenbart sich das Streben nach aufwärts und ist bezeichnend für alles. Denn nur ein ganz großer Glaube an das Heilige wird wie im Großen so im Kleinen und Kleinsten der Würde, die dem Heiligen zukommt, eingedenk bleiben und unbeschadet aller irdischen Vergänglichkeit dem Heiligen und allem, was ihm dient, Ewigkeitswert verleihen können. Eine Religion, die den Satz „man steigt im Heiligen empor und nicht hinab" verkündet und allenthalben der Betätigung zuführt, kann sicher sein, daß sie nie, wie man zu sagen pflegt, zum „alten Eisen" geworfen wird, denn sie heiligt sich selbst, weil sie sich selbst nicht entweiht und erniedrigt. den einen wurde er als Heide, als Gottesleugner verrufen; Herder, der selbst ein protestantischer Geistlicher war, nennt ihn „heilig", sein Vaterland hat ihm ein Denkmal errichtet. Hat er aber das letzte Wort der philosophischen Weltanschauung gesprochen? Ebensowenig, als bis zur Stunde die Grenzen des Uni v er sums festgestellt wurden. Die persönlichen Kämpfe Spinozas mit der Amsterdamer Gemeinde, die zu seiner Ausschließung führten, sind wohl beklagenswert, dürfen aber keinesfalls derart aufgebauscht werden, wie dies von dem Judentum übelwollender Seite geschieht. Kein einziger großer Geist, der mit der Anschauung seiner Zeit in Konflikt geriet, fand die Lebensbahn geebnet. Diese Kämpfe waren aber auch Veranlassung, daß nicht bloß Spinozas großer Geist, sondern auch seine Charakterstärke zum Vorschein kam. In einer Seelenreinheit, wie wir sie nur bei wenigen erlesenen Geistern der Menschheit finden, verzichtete er auf alles, was ihm das Leben bieten konnte: Genüsse und Ehren, um sich die Unabhängigkeit seines Denkens zu bewahren. So schlug er ein namhaftes Stipendium, das ihm die Amsterdamer Gemeinde in Aussicht stellte, wenn er sich fügen würde, aus; ebenso lehnte er eine ihm angebotene Professur in Heidelberg ab (1673). Er bestritt seinen bescheidenen Lebensunterhalt vom Ertrage des Schleifens optischer Gläser, so daß später das Wort entstand: Spinoza habe der Menschheit die Gläser geliefert, durch die sie eine neue Welt erblicken sollte. In seinem „Theologisch-philosophischen Traktat" sowie in anderen kleineren Schriften liegen unwillige und unbillige Aeußerungen Spinozas gegen die Bibel vor. Hierin hat er einen nicht unbedeutenden Vorgänger, Elisa ben Abuja, genannt Acher. Dieser lehnte sich im talmudischen Zeitalter gegen die Lehren des Judentums auf. Sein Schüler Rabbi Meir aber verließ ihn trotzdem nicht. Er aß — wie die Weisen meinten — den Kern, die Schalen warf er weg. Alle aus Groll und Grimm und gereizter Stimmung weit über das Maß hinausgehenden Angriffe Spinozas gegen das Judentum sind als Aeußerlichkeiten, als Schalen anzusehen; seine geistige Größe, seine Seelenreinheit bilden den bleibenden wertvollen Kern seiner Persönlichkeit die mit allen ihren Vorzügen und Schwächen nur aus seinem jüdischen Ursprung erklärt werden kann. Wenn nunmehr, 250 Jahse nach seinem Tode, gleichsam aus seinem Grabe — wie bei Elisa ben Abuja — geistige Feuersäulen emporsteigen, darf auch das Judentum seinen Mantel darüber ausbreiten und ihm zurufen: Ruhe bis zur Morgen- Politik und Geistesleben. Die Zwiespältigkeit des deutschen Geistesleben unserer Tage, das Unausgegorene, Unreife und Unbestimmte, das fest allen Gebieten geistigen Schaffens anhaftet und in Wissenschaft Philosophie und Kunst die merkwürdigsten Blüten treibt, es wirkt sich auch auf politischem Gebiete aus, denn Politik ist ebenfalls ein Teil des geistigen Lebens eines Volkes, sie ist die Kunst, Staat und Gesellschaft, die Beziehungen der einzelnen Bürger untereinander und zur Gesamtheit so eioia-

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