Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 10 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT gen, die vom Unken Flügel der Christlichsozialen ausgingen, sich doch innerhalb der Partei durchsetzen würden. Die Verbindung, welche die Christ- Hchsozialen nunmehr mit den Nationalsozialisten, den erbittertsten Judenfeinden, eingegangen sind, die Tatsache vor allem, daß der Verteidiger eines Rothstock, Gattermeyer und Konsorten Dr. Walter Riehl, einer der wütendsten Verfechter des Rassenantisemitismus in den am stärksten von Juden bewohnten Bezirken an hervorragender Stelle auf der Einheitsliste kandidiert werden soll, dürfte nun auch jenen, welche bisher an den Antisemitismus der Christlichsozialen nicht glauben wollten, die Augen öffnen. Auch die Großdeutschen haben sich bisher von den extremsten Vertretern des Rassenantisemitismus freizuhalten verstanden und auch immer ihre fortschrittlichen und freiheitlichen Tendenzen betont. Nunmehr hat sich auch in dieser Partei die radikalantisemitische Strömung durchgesetzt. Darum ist es notwendig, der „Christlichnationalen Einheitsfront" die Maske vom Gesicht zu reißen, damit dieses in seiner ganzen Häßlichkeit, in seiner abstoßenden Verzerrung gesehen werden kann, darum ist es notwendig, allen jenen, die bürgerlich gesinnt sind, immer wieder zu sagen, daß bürgerliche Gesinnung mit Rassenhaß ebensowenig gemein hat wie mit Klassenkampf, daß bürgerliche Gesinnung von Antisemitismus, Klerikalismus und Nationalismus ebenso sehr entfernt ist wie vom marxistischen Radikalismus. Barudi Spinoza und das \ Judentum. \ Von Rabbiner Dr. M. R o s e n m a n n. Die Kulturwelt begeht andauernd in einer Reihe von Veranstaltungen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen den 250. Todestag des großen Denkers Baruch Spinoza (21. Februar 1677). Von mancher Seite wird hämisch Ausschau nach der Stellungnahme des Judentums gehalten. Die Antwort des Judentums kann nicht anders lauten, als daß Baruch Spinoza nicht bloß Blut von seinem Blute, sondern auch Geist von seinem Geiste gewesen ist und daß gerade dessen Unbeugsamkeit auch seinen Glaubensgenossen gegenüber ihn als Sohn des Volkes „mit hartem Nacken" erkennen läßt. Gewiß, Spinoza hat dem Judentum gegrollt, viele scharfe Worte gegen dasselbe geäußert und ebenso wurde ihm von der Gemeinde in Amsterdam hart mitgespielt. Trotzdem wird das Judentum auf ihn nicht verzichten und ihn nicht verleugnen, ebensowenig wie das griechische Volk Sokrates, das italienische Giordano Bruno und Galilei und das englische John Wicliff, denen gegenüber ihre Zeit- und Volksgenossen sich weit ärger benommen hatten. Das Judentum, dessen Bibel die Fehler und Vergehen auch der Größten aus seiner Mitte offen darlegt, hat es nicht nötig, das Verhältnis Baruch Spinozas zur Gemeinde Amsterdam irgendwie zu beschönigen. Das waren bloß Akzidentien, um philosophisch zu sprechen. Die Amsterdamer Juden waren zumeist Marranen, d. h. Männer und Frauen, die ihr Leben den Fangarmen der Inquisition entrissen hatten und den Kerkern und Autodafes entflohen waren, um in den freien Niederlanden ihrer Ueberzeugung leben zu können und mit um so stärkerem Eifer den überlieferten Anschauungen zu folgen. In den schärfsten Gegensatz zu ihnen trat nun Baruch Spinoza. Dieser hatte in seiner Jugendzeit sein Wissen hauptsächlich aus dem Talmud und den jüdisch-philosophischen Schriften geschöpft.;|i Das Ansehen der jahrhundertelang herrschenden maimunisch - aristotelischen Weltan- ||schauung war damals im Verblassen begriffen. ÜDr. M. Joel hat vor Jahrzehnten in umfangreichen Studien festgestellt, daß Spinoza von den Werken Chasdai Crescas, der ein Gegner Maimonides' war, stark beeinflußt wurde; ich selber ver- Q/~ Feuilleton Aufsteigen im Heiligen! Von Dr. V. Kurrein. .Moses stellte die Wohnung auf, gab ihre Fußgestelle, setzte ihre Bretter, gab ihre Riegel und stellte ihre Säulen auf." 11, 40, 18 Man spricht oft von der Wellenlinie des Lebens. Auf und nieder geht die Bahn, auf der wir schreiten. Dem Aufstieg folgt ein Niedergang wie dem Wellenberge das Wellental, und es scheint eine weise Einrichtung der Natur zu sein, daß jeder Höchstleistung eine Entspannung, jedem Begeisterungsrausche eine Ernüchterung, der Kraftentfaltung die Ermüdung wie der Arbeit die Ruhe folgen muß. „Am Anfang geht es groß und mächtig, am Ende weise und bedächtig", sagt Goethe, aber auch was zwischen Anfang und Ende liegt, ist nicht immer, ja nur selten ein ununterbrochener Aufstieg und Höhenflug, sondern weit eher der Weg des mit den Wellen kämpfenden Lebenschiffleins, ein Auf- und Nieder, ein Steigen und Sinken. Man darf es gut und richtig nennen, daß „die Bäume nicht in den Himmel wachsen", daß die Himmelsstürmer wieder de- und wehmütig zur Erde zurückkehren müssen und wie der geistvolle Samuel al Chofni sagte: „Achre dargo t'wir", dem Hochmute der Fall folgen muß. Nur auf einem Gebiete setzt das Judentum dieser Regel eine Schranke, will ihr keine Geltung und durchgreifende Macht gestatten, sondern fordert vielmehr das Gegenteil, den ungestörten und unstörbaren Aufstieg: auf dem Gebiete des Heiligen. „Man steige im Heiligen empor, aber nicht herab", lehrt der Talmud und hat dieses Wort zu einem Grundsatze gemacht, der sich auf religiösem Gebiete im Großen und Kleinen durchgesetzt hat. Was niedrig ist, muß erhöht werden, will es dem Heiligen dienen; was hoch ist, darf nicht herabsinken, so lange es im Dienste des Heiligen steht, und selbst wenn es seinem Zwecke und seiner Bestimmung entsprochen hat. Diese Ansicht, das Niedrige zu erhöhen, folgern die Alten aus jener Schriftstelle von den 250 kupfernen Pfannen, die für die Darbringung des RäucherWerkes dienten; denn sie wurden, nachdem sie durch den Untergang der 250 Empörer Korachs unbrauchbar geworden, neuerdings zu Platten geschlagen und zum Ueberzuge des kupfernen Altares verwendet, also wieder heiligem Zwecke zugeführt. Für den Grundsatz „man steige im Heiligen nicht hinab", zieht der Talmud die Stellen von der Aufrichtung der Stiftshütte heran: „Moses stellte die Wohnung auf, gab ihr Fußgestelle, stellte ihre Bretter und gab ihre Riegel und stellte ihre Säulen au f." Bei diesem Vorgange war Moses gewiß öfter genötigt, die Decke der Wohnung wieder herabzunehmen und wieder aufzulegen, aber nirgends schreibt die Thora „Moses nahm die Zeltdecke herab", sondern beginnt und schließt den Satz mit den Worten „Moses stellte auf." Dieser Gedanke, der eine Entwürdigung des Heiligen verbietet und die Deklassierung des Hochwertigen und Hochstehenden verhindert wissen will, ist von vorbildlichem Feingefühl. Tatsächlich gibt es keinen trostloseren, niederdrückenderen Anblick, als wenn man Größe und Heiligkeit von einst und ehedem im verwahrlosten Gerumpel des nüchternen Alltags findet. Darum darf nichts,