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Die Wahrheit · 1927-03-04 · Heft 10 (4.3.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 10 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£rscfkeint Jeden $*eitag dfeeis diese* JlUmmer: SO 9vosdfcem D/E WAHRHEIT Agfib'-b'/K Cestmvidkisdke Wodhensdkvift für indische Jnteressen (|||| lferdjjfeniIptingen der „Union deulsdkösfen. Juden" Redaktion und AämlnUttßtloa: Wien IL, JYeinesfeaJ?« Jfr. 13 Feiwaf 41-3-/« XLIII. Jahrgang__Wien, 4. Marz 1927_Nummer 10 Die christlichnationale Einheitsfront. Am 24. April, also in sieben Wochen, dürfte die österreichische Wählerschaft zur Urne gehen. Sie wird zu entscheiden haben, wie und von welchen Männern Oesterreich in den nächsten Jahren regiert werden soll und — es wird eine schicksalsschwere Entscheidung sein, die an diesem Tage getroffen werden wird. Bis vor kurzem war man sich über den Wahltermin durchaus nicht im klaren, ja man wußte nicht einmal, ob die Wahlen im Frühjahr oder im Herbst stattfinden werden, und erst in allerletzter Zeit haben sich Regierung und Majorität dahin geeinigt, die Wahlen in den Nationalrat am 24. April abzuhalten. Aus Zweckmäßigkeitsgründen werden daher auch die Wahlen in die Landtage und in den Wiener Gemeinderat an diesem Tage stattfinden. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde hat nicht ermangelt, der Regierung die religiösen Bedenken, die ein Teil der Judenschaft gegen den 24. April, der der letzte Tag des Pessach-Festes ist, als Wahltag hegt, sofort zur Kenntnis zu bringen, doch hat sich die Regierung, an deren Spitze ein Mann steht, bei dem man doch einiges Verständnis für religiöse Anschauungen voraussetzen sollte, rücksichtslos über diese Bedenken hinweggesetzt und die Vorstellungen, welche die Vertreter der religiösen Interessen der Judenschaft im Interesse ihrer strenggläubigen Glaubensgenossen erhoben haben, vollständig ignoriert. Die kurze Frist, die uns noch von den Wahlen trennt, hat natürlich alle politischen Parteien veranlaßt, ihre Anstrengungen mit einem Male zu vervielfachen, um die Unschlüssigen, Zweifelnden und Indifferenten unter den Wählern in ihr Lager hinüberzuziehen. Denn zwischen Rechts und Links, zwischen den reaktionären Massen auf der einen Seite und der in den sozialdemokratischen Gewerkschaften organisierten Arbeiterschaft auf der anderen Seite befindet sich das Heer derjenigen, die nicht in dem einen oder anderen Sinne parteimäßig festgelegt sind, vor allem die besten Schichten des Mittelstandes. Um diese zu gewinnen, haben sich Christlichsoziale und Großdeutsche in^vielen Wahlkreisen zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen die Sozialdemokratie entschlossen und diese beiden Parteien, denen sich noch die Nationalsozialisten angeschlossen haben, werden „Christlichnationale Listen" in vielen Wahlkreisen und vor allem, auch in Wien selbst aufstellen. Es werden bereits auch die Name» derjenigen Politiker genannt, welche an der Spitze dieser Listen stehen dürften, und zwar spricht man davon, daß im ersten Wiener Wahlkreis (I., III., IV. Bezirk) Dr. Seipel, Dr. Dinghof er und Schmitz, im zweiten Wiener Wahlkreis (IL, XX., XXI. Bezirk) Abg. Volker, Dr. Walter Riehl und Dr. M a t a j a an den ersten Stellen kandidieren werden. Es ist somit klar, daß die „Christlichnationale Liste" nicht jene bürgerliche Einheitsfront darstellt, die als Vertreterin der Interessen der bürgerlichen Bevölkerung unseres Staates sich auszugeben das Recht hätte. Wenn wir schon die Zweiteilung der Bevölkerung, in Bürgerliche und Nicht bürgerliche, in „Bourgois" und Proletarier", die einer klassenkämpferischen Ideologie entsprungen ist, aber von den nichtmarxistischen Parteien bedenkenlos aufgenommen wurde, für vollständig verfehlt und auch für sehr gefährlich halten, so ist es noch falscher, unter dem Deckmantel des „Bürgertums", die sich in vieler Hinsicht widerstreitenden Tendenzen von Ultramontanismus und Nationalismus zusammenfassen. Ja es-ist eine bewußte Irreführung der Wählerschaft, wenn ihr unter der Maske einer bürgerlichen Einheitsfront eine völkisch-klerikale Wahlgemeinschait präsentiert wird. Gewiß, die Erbitterung über die radikalen Tendenzen innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie und über die Art und Weise, in welcher sie diese in Wirklichkeit umsetzt, wo sie sich an der Macht befindet, ist in allen erwerbenden Ständen eine große, so groß aber ist diese Erbitterung nicht, daß sie das gesamte Bürgertum blind machen würde, welche Gefahr es für den Staat bedeutet, wollte man ihn ganz einer christlichsozial-großdeutsch-hakenkreuzlerischen Gesellschaft von Politikern ausliefern, die nur aus wahltaktischen Gründen ihre parteipolitischen Sonderbestrebungen zurückgestellt haben, um sie dann nach ihrer Wahl um so energischer und zielbewußter zu verwirklichen. Daß Dr. Seipel ein Antisemit ist, darüber hat er selbst die Welt niemals im unklaren gelassen, dennoch aber haben sich gewisse Kreise des freisinnigen Bürgerturas der allerdings trügerischen Hoffnung hingegeben, daß gewisse GegenstFÖmtm-

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