Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 illlinifflllHBOM^ DIE WAHRHEIT ................................................................................................o WaLtkwheiten vom (ßage )^ ,*tlMIIMMMIMMI»WI>MIMMt«M*MMMiMI>HMIIMMMIUMIIIIHHI*IIIIM»MMtHIIIIHW •* - **«^ Die Einheitsfront gegen die Demokratie. Amtlich wird verlautbart: Unter dem Vorsitze des Vizekanzlers a. D. Dr. Fink fand am 18. d. M. im Parlament eine Parteienverhandlung über die Wahlordnung zum Nationalrat statt, an der für die christlichsoziale Partei Vizekanzler a. D. Dr. Fink und Abgeordneter S c h ö n s t e i n e r, für die sozialdemokratische Partei Abgeordneter Dr. D a n n e b e r g, für die großdeutsche Volkspartei Abgeordneter C1 e s s i n und für den Landbund Abgeordneter Amann teilnahmen. Die Parteienvertreter einigten sich dahin, daß grundsätzliche Aenderungen an der bestehenden Wahlordnung nicht vorzunehmen seien. Alle Parteien sind sich also darin einig, daß die nächsten Wahlen mit dem gleichen mangelhaften und jeglicher Demokratie hohnsprechenden Wahlrechte durchgeführt werden sollen. Wozu dann überhaupt wählen, wenn sich die großen Parteien bereits im Vorhinein durch Beibehaltung des starren Listenwahlrechtes ihren Besitzstand garantiert haben? Wozu die Aufregungen und großen Kosten eines monatelangen Wahlkampfes, wenn dabei nichts anderes herausschauen soll als eine Neuauflage unseres alten Parlamentes? Einzig und allein darum, um dem Volke abermals Sand in die Augen zu streuen, um es in dem stolzen Bewußtsein der Selbstbestimmung zu wiegen, seinem Selbstgefühle auf billige Art zu schmeicheln und dabei doch das zu tun, was man will. Da wäre es wohl einfacher, wohlfeiler und vor allem ehrlicher, die Abgeordneten würden sich durch einen Parlamentsbeschluß, der bei den gegenwärtigen Verhältnissen zweifellos die zu Verfassungsänderungen notwendige Zweidrittel-Majorität erlangen würde, ihre Mandate auf Lebensdauer garantieren. Doch die Unzufriedenheit mit dem Wahlrechte ist, das wissen die Parlamentarier ganz genau, sehr tiefgehend und hat weite Kreise der Bevölkerung ergriffen. Das ist mit ein Grund, warum eine wahrhaft demokratische Partei trotz des herrschenden Wahlrechtes, oder besser gesagt Wahlunrechtes, verpflichtet ist, ihre Stimme, die Stimme des demokratischen Bürgertums, zu erheben. Freigesprochen! „Es war ja nur ein Jud!" so durfte wohl der Jassyer Gymnasiast T o t u, der sich am 19. Februar vor dem Schwurgericht in Kimpolung wegen Ermordung des jüdischen Studenten Fallik zu verantworten hatte, zu seiner Rechtfertigung gesprochen haben. „Es war ja nur ein Jud!" so brüllte die ganze antisemitische Presse Rumäniens seit Wochen und Monaten und ihre tierischen Instinkte steigerten sich immer mehr zur wilden Raserei, je näher der Tag der Gerichtsverhandlung kam: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig!" Diese Erkenntnis wurde den Gehirnen des rumänischen Durchschnittsbürgers in allen möglichen Varianten eingehämmert: „Der Ermordete ist schuldig,, denn er war ein Jud! Er hat sich an der rumänischen Nationalehre vergangen, indem er an einer Demonstration gegen einen cuzistischen Professor teilgenommen hat und dieses furchtbare Verbrechen konnte nur durch den Tod gesühnt werden." Zu diesem Zwecke ist bekanntlich der Jassyer Gymnasiast Totu eigens nach Czernowitz gekommen und hat, um für die beleidigte Nationalehre Rache zu nehmen, den Studenten Fallik meuchlings ermordet. Deswegen stand er vor den Geschworenen und diese sprachen ihn frei. Sie sprachen ihn frei, erstens, weil der Ermordete ein Jude war, zweitens, weil sie unter dem Eindrucke der wütenden Preßkampagne standen und drittens, weil sie im Falle der Verurteilung des von der antisemitischen Presse gefeierten und verhätschelten Mordknabens selbst Unannehmlichkeiten zu befürchten hatten. Da sämtliche Schuldfragen von den Geschworenen verneint wurden, ist Totu sogleich nach der Urteilsverkündigung auf freien Fuß gesetzt worden. Dieser Freispruch vervollständigt die Serie der Freisprüche, welche in den letzten Jahren gegen Judenmörder in Rumänien gefällt wurden und entspricht durchaus dem Bilde, das sich die gesamte Kulturwelt von den rumänischen öffentlichen Zuständen gemacht hat. Hier helfen keine Ableugnungs- und Beschönigungsversuche, wie sie wohl von Seiten der regierungsfreundlichen Presse und den diplomatischen Vertretern Rumäniens im Auslande wiederum unternommen werden dürften; sie alle werden die furchtbare und nunmehr neuerdings bestätigte Tatsache nicht aus der Welt schaffen können, daß sich ganz im Osten Europas ein Staat befindet, in welchem Juden straflos ermordet werden dürfen. Protest gegen die rumänischen Judenverfolgungen. Dieser Tage fand in Paris im Saale der Societöes Savantes eine von der Liga für Menschenrechte veranstaltete eindrucksvolle Kundgebung statt, die sich gegen die Judenverfolgungen in Rumänien und die sonstigen gegen die rumänischen Juden verübten Gewaltakte richtete. Tausende von Personen zollten den Worten des Präsidenten der Liga, Prof. Victor Bäsch, Beifall, der über die Geschichte der Judenverfolgungen in Rumänien berichtete. Als zweiter Redner sprach der Deputierte Leon Blum, Führer der französischen Sozialisten. Es sprachen noch Prof. L a n g e v i n und Advokat Crocos. Emigranten aus Rumänien berichteten als Augenzeugen über wilde Judenexzesse und traten so den rumänischen Ableugnungsversuchen entgegen. Ein „würdiger Nachfolger". Unter diesem Titel veröffentlicht die „Deutschösterreichische Tageszeitung" vom 15. d. M. einen Artikel, der sich mit einem Artikel des Herrn Alfons Hahn von der Deutsch-Demokratischen Hochschülervereinigung beschäftigt und in dem erklärt wird, daß der Vorsitzende dieser Vereinigung, Heinz Braun, nunmehr amtsmüde geworden sei, daß Herr Hahn die Geschäfte übernommen habe und nunmehr „erlogene Berichte in verschiedenen Judenblättern" loslasse. Der Verfasser dieses Artikels, der es, nach echt teiutscher Sitte, vorzieht, sich hinter einem anonymen —sch— zu verbergen (es dürfte sich um den Vorsitzenden der „Deutschen Studentenschaft" Dr. Ponschap handeln), begeht aber in seinem Artikel nicht nur alle Fehler, die er Herrn Hahn vorwirft, sondern er erleidet auch eine glänzende Blamage. Er wirft Herrn Hahn vor, daß er bewußt lüge, wenn er erklärt, daß die Studentenschaft des Deutschen Reiches lange nicht so antisemitisch sei wie die hiesige „Deutsche Studentenschaft", und er meint, es müsse sich deshalb um eine Lüge handeln, weil man eine so grenzenlose „Unkenntnis der Hochschulverhältnisse" keinem Studentenführer, auch nicht dem der Deutsch-Demokratischen Hochschüler zumuten kann. Mancher Hochschulführer scheint allerdings über die Stimmung in Preußen weit weniger informiert zu sein, denn 'bereits am Tage nach dem Erscheinen des Artikels des Herrn —sch— brachten sämtliche Tageszeitungen Meldungen aus Preußen, in denen dargelegt wurde, daß die Deutsche Studentenschaft Preußens nunmehr für die Abschaffung des Arier-Paragraphen in Oesterreich im Einvernehmen mit dem Kultusminister Dr. Becker einträte. Das also sind die guten Informationen des Gewährsmannes der „Dötz", der es wagt, anderen Studentenführern Uninformiertheit und Verlogenheit vorzuwerfen. Im selben Artikel macht dieser Herr auch die ganz aus der Luft gegriffene Mitteilung, daß Heinz Braun wegen „seines gemeinen Vorgehens gegen die Deutsche Studentenschaft von einem Verein, dem er angehörte, auf eine durchaus nicht ehrenvolle Art ausgeschlossen wurde." Welcher Verein das sein soll, ist aber wohlweislich nicht gesagt. Man sieht also, auch hier Lüge und Unverstand, gerade jene zwei Eigenschaften, die —sch— Herrn Hahn vorgeworfen hat. Es wäre also nur zu wünschen, daß sich die „Dötz" für ihr Hochschulreferat einen „würdigeren Nachfolger" als Herrn —sch— aussucht. —ah— Lord Plumer. Der Jerusalemer „Miraat el Scharek" schreibt über die Gepflogenheiten des jetzigen und des früheren Oberkommissärs von Palästina unter anderem: „Der frühere High Commissioner pflegte am Neujahrstage ein Fest zu veranstalten, zu dem die hohen Regierungsbeamten, die Notabein der Stadt und die Journalisten geladen waren. Er unterhielt sich mit den Eingeladenen und erkundigte sich nach ihren Verhältnissen und wurde auf diese Weise mit den Anschauungen und Gefühlen des Volkes der Regierung gegenüber vertraut. Der gegenwärtige High Commissioner lädt niemanden ein und wird nicht eingeladen und will niemanden sehen, außer die Zöglinge der Schulanstalten, wenn sie Fußball spielen. Bei alledem wundert er sich dann, daß es Beschwerden und Proteste gegen ihn gibt" Eine empfindliche Strafe hat der als erbitterter Judenfeind bekannte verantwortliche Redakteur des Berliner „Deutschen Tageblattes" Dr. Lipper t für f.ine Beschimpfung Walter Rathenaus davongetragen. Dr. Lippen, der erst kürzlich wegen Beleidigung des Wohlfahrtsrmnisters Hirtsief er eine Strafe erhielt, wurde, vom Schöffengericht Berlin-Mitte wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte einen Brief veröffentlicht, der schwere Beschimpfungen Walter Rathenaus enthielt.