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Die Wahrheit · 1927-02-25 · Heft 9 (25.2.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 9 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Kulturwelt trauert um Georg Brandes als einen seiner besten Söhne. Sein Name und sein Werk werden richtunggebend bleiben in unserer Zeit und in kommenden Zeiten. Dr. Franz Josef Weiß Glossen. Vor wenigen Tagen, fast zur Stunde, in der vor 250 Jahren Baruch Spinoza die Augen geschlossen, von denen Ernst Renan sagte, „sie hätten am tiefsten Gott geschaut", ist Georg Brandes aus dieser Welt geschieden. Immer noch wächst die Wirkung der Geisteswerke Spinozas, zu dem ein Goethe mit demutsvoller Ehrfurcht emporblickte, von dem Hegel, der seinerzeit Herrscher im Reiche der Philosophie war, bekannte, er sei „der Hauptpunkt der modernen Philosophie, entweder Spinozismus oder keine Philosophie". Wenn dem Lebenswerk Brandes auch kein die Jahrhunderte siegreich überdauernder Einfluß gesichert sein mag, so wird heute doch niemand bestreiten, daß er zu den leuchtendsten Geistern seiner Zeit zählte, ein begeisterter Kämpfer für Menschlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit war, auf dessen Wort die besten der gesitteten Welt lauschten. Wieder zwei Juden, an deren Todestag man sich erinnert, daß sie sich an der langen Reihe der ruhmvollen Gestalten anschließen, die das Judentum der Menschheit schenkte. Sie sind aus dem Volke hervorgegangen, das man an Anschlagtafeln der Wiener Universität in Bausch und Bogen besudeln und beschimpfen durfte. * Der Abgeordnete Leuthner hat in seiner Rede, in der er sich auch mit den letzten Vorgängen an der Wiener Universität beschäftigte, der Meinung Ausdruck gegeben, Herr Rektor Molisch fasse seine Rektoratspflichten so auf, als ob er sein Leben lang in Japan gewesen wäre. Kein Zweifel, Leuthner lag es ferne, durch diese Bemerkung den führenden Persönlichkeiten an den japanischen Hochschulen nahezutreten. Aber er sprach doch wie ein Mann, der vielleicht, weil er immer in Wien und nie in Japan lebte, trotz seines umfangreichen Wissens, nicht dazu gelangte, eine genauere Kenntnis über die dortigen Verhältnisse zu gewinnen. Die Gelehrten in Japan sind noch nicht so europäisiert, um auch wissenschaftliche Fragen vom Rassenstandpunkt aus zu beurteilen. Der Abgeordnete Leuthner hat offenbar nicht daran gedacht, daß auch die seinerzeitige Berufung des Professor Molisch an die Spitze eines wissenschaftlichen Institutes in Japan Zeugnis für diese Vorurteilslosigkeit ablegte. * Das neu erstandene Hakenkreuzlerblatt begnügt sich nicht mehr mit platonischen Klagen über die Verjudung der Literatur, sein Streben geht offenbar nach Schaffung eines dem geistigen Niveau seiner Verehrer entsprechenden judenreinen Schrifttums. Mit dem an dieser Stelle schon. gewürdigten „Wohnungsanzeiger für angehende Verrückte und priviligierte Mörder" war der verheißungsvolle Anfang gemacht. Demnächst soll, wie einem Inserate des Blattes zu entnehmen ist, eine Broschüre zur Popularisierung der bei den Hakenkreuzlern so beliebten „Ritualmorde" erscheinen. Diese Sache ist dringlich, denn die Ergebnisse sollen bereits zu Ostern 1927 eingeheimst werden. Es fehlen nur noch die Druckkosten. Diese sollen wenigstens vorläufig durch antisemitisches Geld gedeckt werden. Vorläufig — denn bekanntlich wurden mit der Ritualmordhetze nur zu häufig glänzende Saisongeschäfte gemacht, dank welchen mitunter zahlreiche üeschäftslokale jüdischer Kaufleute wie nach einem vollständigen „Ausverkauf aussahen. Für den Ritualmordglauben ist aber auch schon viel jüdisches Blut geflossen. Allerdings auch christliches, denn aus päpstlichen Gutachten ist ersichtlich, daß sich böse Judenfeinde zum Morde an ihren Kindern hinreißen ließen, um die Schuld an dem Verbrechen Juden in die Schuhe zu schieben. Vielleicht könnte man die Druckkosten der geplanten Broschüre doch für bessere Zwecke verwenden. Zum Beispiel zu einem Ehrengeschenk für Herrn Otto Rothstock? * Im jüdischen Versorgungshaus starb vor einigen Tagen im Alter von 104 Jahren die älteste Frau Wiens. Wieder ein neuerlicher Beweis, wenn auch nicht dafür, daß die Juden alle reich sind, so doch für ihre Vordringlichkeit. * * * Auch die ungarische Hauptstadt hatte wieder die Fortsetzung ihrer üblichen Universitätsskandale. Beth 1 en und Klebelsberg müssen erkennen, daß sie die Geister — wenn bei rassenschützlerischen Studenten dieser Ausdruck am Platze ist —, die sie gerufen haben, nicht so leicht loswerden. Die Regierung hatte es all die Zeit her verständnisvoll geduldet, daß die hervorragendsten Lehrer der Budapester Universität, die ihren eigentlichen wissenschaftlichen Rang begründet hatten,, aus rassentheoretischen Gründen davongejagt wurden. Nun aber wünschte dieselbe Regierung, daß bei der Ernennung des Dr. Adam zum Universitätsprofessor ein Auge über die konfessionell bemakelte und noch nicht vergessene Abstammung dieses Gelehrten zugedrückt werden möge. Dieser hervorragende Chirurg Ungarns soll nämlich bei einigen Ministern — auch Graf Bethlen hatte sich in einem kritischen Moment seinem Messer anvertraut — solch glänzende Operationen durchgeführt haben, daß die Regierung es — soll man sagen: schanden- oder ehrenhalber? — als eine unabweisbare Pflicht der Dankbarkeit erachtete, ausnahmsweise über die an Adam am achten Tage seines Lebens vollzogene Operation hinwegzusehen. Aber die rassenschützlerische Studentenschaft, unterstützt durch edle Mitglieder der Fakultät, wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Erscheinen Professor Adams in den Räumen der Universität; sie wollen sich zwar nicht operieren, aber doch in Stücke schneiden lassen, bevor sie von ihm etwas lernen. £ In politischen Kreisen wird ernstlich die Nachricht kolportiert, daß die unter Führung des Rassenschützlers Gömbös stellende Dreimännerpartei sich auflösen und in die Regierungspartei eintreten werde. Welche Undankbarkeit! Das Kabinett Bethlen, das so viel für diese Leute getan, hat es wahrhaftig nicht um sie verdient, durch einen so kompromittierenden Schritt öffentlich bloßgestellt zu werden. Ego.

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