Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064308--15224-3087996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 lllillä DIE WAHRHEIT wurde die berühmte Mimi Marlow. Ihre Eltern holten sie oft buchstäblich an den Haaren zurück nach Hause, aber ohne Erfolg. Und als dann auch noch eine zweite Tochter aus dem Hause Bass mit einem Offizier durchging, da starb Frau Bass an gebrochenem Herzen . . . Der Weltkrieg brachte — unfreiwillig — viele Juden nach Bruck und er brachte auch das chronische Judenleid dieser Stadt in ein akutes Stadium. Die armen Juden aus Galizieii, die dort von ihrem Vaterland in Baracken „untergebracht" wurden, hatten ein wahres Martyrium durchzumachen. Behörden und Bevölkerung kamen ihnen mit Mißtrauen und Feindschaft -entgegen und nur mit Mühe konnte der Schochet durch seine Interventionen die äußersten Härten mildern und die Beamten zu der Anschauung bekehren, daß der galizische Jude auch ein Mensch sei. Militarismus und Krieg haben in Bruck jüdische Familien zerstört und arme, verjagte Juden kasernhofmäßig mißhandelt. Da ein jüdischer Friedhof in Bruck nicht vorhanden ist, hinterließen die jüdischen Flüchtlinge in einer entlegenen Feldecke etliche Gräber, soferne sie nicht die Mittel aufbrachten, ihre Toten nach Mödling zu bringen, und auf dem christlichen Friedhof in Bruck befinden sich mehrere Gräber jüdischer Soldaten, deren Leben der Dienst des Vaterlandes als Opfer erheischte. Von jüdischem Leben ist heute in Bruck nur mehr das kleine Betlokal in einem Privathause übriggeblieben, in dem einige Male im Jahre ein Minjan zusammenkommt, einige getaufte und ebensoviele ungetaufte Judenfamilien. Der Schochet ist längst überflüssig geworden, da auf seine Dienste niemand mehr reflektiert, und hat sich als Kaufmann etabliert. Mit den letzten paar alten Männern wird auch das Minjan in Bruck in absehbarer Zeit aufgehört haben, da auch von Zuzug unter den heutigen Verhältnissen keine Rede sein kann, und so kann auch der Schochet die Mission, die er zwei Stunden weiter östlich noch erfüllt, hier nicht mehr ausüben. Jüdische Zeitungen, die den geistigen Zusammenhang mit dem Judentum der ganzen Welt herstellen könnten, werden natürlich auch hier nicht gelesen, und so bliebe nur noch die Wiedereinführung des alten Maggid, eines Wanderlehrers übrig, der ähnlich wie in alter Zeit, nur nicht so wahllos und willkürlich, etwa von dem neuen jüdischen Gemeindebund zu entsenden wäre. Unser Wanderlehrer allein könnte die letzten Reste wertvollen Volksgutes, er müßte Seelen retten; er müßte geeignete Aufklärungsliteratur verbreiten, verlorengegangene Fäden wieder anknüpfen, die Stützung kleiner Gemeinden und Gemeinschaften in die Hände nehmen, die Konservierung ihrer Einrichtungen besorgen, für eine gute jüdische Presse Propaganda machen und so viele wichtige Agenden erledigen. So würde dieser Maggid überall wieder Kenntnis säen, ohne die Begeisterung und Liebe zum Judentum nicht denkbar ist, und vielleicht lernen wir an diesem einfacheren Objekt auch, wie wir das sozial und kulturell unendlich differenziertere Großstadtjudentum wieder restlos um unsere Fahne scharen. Und es ist auch für unsere weitere geistige und politische Entwicklung nicht so ganz ohne Bedeutung, ob wir imstande sind, uns vor allem so weit innerlich zu konsolidieren, daß wir uns auch unserer kleinen und kleinsten Splitter annehmen: wir würden dabei Kraft und Mut gewinnen im Kampfe fürs Ganze; nur eine innerlich gefestigte und in Bruderliebe verbundene Judenheit kann auch mit politischen Erfolgen rechnen. l^eoA^ßrancfe^l Fast auf den Tag sind es 250 Jahre, daß ein Großer in Israel seine reine und edle Seele ausgehaucht hat, und wir müssen das Hinscheiden eines Mannes beklagen, den mit dem vor einem Vierteljahrtausend Verschiedenen nicht nur gleiche Abstammung verband, sondern die gleiche sprühende Kraft des Verstandes, die gleiche Reinheit des Herzens, die gleiche Stärke des sittlichen Wollens. Baruch Spinoza und Georg Brandes waren durchaus kongeniale Naturen, Erscheinungsformen eines Geistes, den wir, ohne uns zu überheben, als den jüdischen Geist bezeichnen können, eines Geistes, der am Sinai seinen Ausgang genommen und aus sich heraus immer neue Propheten, Philosophen und Lehrer der Menschheit gezeugt hat. Auch Georg Brandes war ein Lehrer der Menschheit, ein Mann, in dem ein großes Stück prophetischer Geist und ein ebenso großes Stück philosophischen Geistes wirkte. „MeineWeltanschauung stammt von S p i n o z a," pflegte Georg Brandes zu sagen und in der Tat war er gleich dem Weisen von Amsterdam von jener unerschütterlichen amor intellectualis dei durchdrungen, der bei diesem die Grundlage seines Denkens, Wollens und Handelns bildete. Diese gleiche geistige Einstellung setzte sich bei Spinoza in ein gewaltiges und in seiner unerreichten Intensität geradezu erschütterndes Naturgefühl um, während sie sich bei Brandes zu einem Menschheits- und Kulturbewußtsein sublimierte, wie wir es in gleicher Erhabenheit in unserer an Zivilisation so reichen und an Kultur so armen Zeit nicht wiederfinden. Georg Brandes war Jude, und Jude sein heißt Mensch sein, Mensch in seiner schönsten und edelsten Form: Mitfühlender, liebender und verstehender Mensch. Er verstand es, sich in die herrlichsten Schöpfungen des Menschengeistes zunächst auf dem Gebiete der Literatur, dann aber auch auf allen übrigen Gebieten menschlichen Schaffens tief einzufühlen dadurch, daß er die Seele der Schöpfer, Künstler und Gestalter verständnisvoll zu durchdringen vermochte, er verstand es aber auch, die großen Zusammenhänge, das Wirken und Walten des Menschheitsgeistes in seinen Schöpfern und Schöpfungen zu erfassen. Und deshalb war er, der Literaturforscher, dem man in seiner Heimatstadt Kopenhagen den Lehrstuhl verweigerte, mehr als ein „Literaturprofessor"; er war ein Kultur- und Menschheitsforscher, ein Philosoph im; ureigensten Sinne des Wortes, d. h. ein „Freund der Weisheit". Georg Brandes zählte die besten unter seinen Zeitgenossen aller Völker zu seinen Freunden und vielen jüngeren Talenten, deren Fähigkeiten er frühzeitig erkannte, verhalf er zu Erfolg und Ansehen. Durch seine ausgedehnten internationalen Beziehungen und noch mehr durch seine Werke trat er für die Annäherung und das gegenseitige Verstehen der Völker ein und suchte das Menschheitsgewissen wachzurütteln. Dies tat er im Dreyfus-, im H i 1 s n e r- und Belli s-P rozeß. im Burenkrieg, während der Armenier-Massakrierung und der grausamen Niederschlagung der russischen Revolution, dies tat er insbesondere auch während des Weltkrieges, dessen Ausbruch ihn auf das tiefste erschütterte. „Menschen," so rief er: „gedenket, daß ihr Menschen seid!" Ohne selbst sich an die äußeren Kultformen des Judentums irgendwie gebunden zu fühlen, war er doch beseelt von tiefstem jüdischen Empfinden. Allerdings war für ihn das Judentum etwas Höheres, Geistigeres und Erhabeneres als eine bloße Kultform oder eine Religionsgemeinschaft. Ferne stand er auch — wenn dies bei einem so großen Geiste wie Georg Brandes überhaupt betont werden braucht — jeglichem Nationaltsmus. „Niemals habe ich", sagte er, „das jüdische Volk als eine Nation betrachtet und ich bin auch heute davon überzeugt, daß es keine jüdische Rasse gibt." Dennoch aber verfolgte er die Aufbauarbeit in Palästina, die er als eine Kulturtat von besonderer Bedeutung schätzte, mit der größten Sympathie. Das Judentum und mit ihm die ganze