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Die Wahrheit · 1927-02-25 · Heft 9 (25.2.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 9 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT WmUUtm nicht minder, als die Philosophie. Ja gerade in Weimar finden wir eine Spinozagemeinde. Ihr Priester ist Johann Gottfried Herder. In mehr als einem Sinne der Fortsetzer Lessings, hat Herder gezeigt, wie nicht nur das geschichtliche Leben der Menschheit, sondern wie auch das psychophysische Wesen der Menschennatur unter dem Gesichtswinkel des Spinozismus zu betrachten sei. Und den dankbarsten Gläubigen fand Herder in dem Manne, der uns ewig das deutsche Bildungsideal verkörpert: in Goethe. In Goethe steht der Spinozismus auf seiner Höhe. Durch ihn ist er und wird er täglich die Religion Unzähliger. Ohne Spinoza kein Goethe, ohne Goethe kein Spinoza, nicht der Spinoza, wie wir ihn fühlen. Lesen wir das Glaubensbekenntnis im 1. Teil des „Faust", und wir verstehen Goethes dogmatische Wandlung durch Spinoza. Vergleichen wir Faust 2. Teil mit dem 1. und wir erkennen Spinozas moralische Einwirkung, die Ueberwindung der Leidenschaft, die Aussöhnung mit dem Leben. Ja selbst von der Lyrik des großen Heiden sagt Heine: „Der Spinozismus hat sich entpuppt, seine mathematische Hülle durchbrochen und umflattert uns als Goethe'sches Lied." Der alte Gegensatz zwischen Nord und Süd sollte bald wieder aufleben. Diesmal galt es dem Rigorismus der kantischen Ethik mit ihrem kategorischen Imperativ, der Unterdrückung des Triebs- und Gefühlslebens, welches doch im Zeitalter der großen Revolution allein berechtigt schien. Selbst der ernste Schiller, sonst gut kantisch gesinnt, spottet: „Gerne dien* ich den Freunden, doch tu' ich es leider mit Neigung. Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin." Und noch weit schärfer reden die Wortführer der Romantik. Im Spinozismus finden sie das Arsenal im Kampfe gegen die Kantianer. Selbst als die Wirren der Stürmer und Dränger der sittliche Ernst der Freiheitskriege ablöst und das Ichbewußtsein an die Stelle des romantischen Aufgehens im Chaos tritt, selbst da finden wir den Ichphilosophen Fichte in den Bahnen Spinozas. Noch weit mehr seinen Schüler S c h e 1- 1 i n g, der selbst in seiner Philosophie in der Hauptsache nur einen Neospinozasmus sieht. Es war ein genialer Versuch, das gesammte Wissen der Zeit als Spinozist zu systematisieren, ein Unternehmen, welches alsdann von Hegel mit dem Aufwand kühnster Begriffsdichtung bis ins Einzelnste durchgeführt wurde. Diese Nebelbauten zerstörte von Grund aus die exakte Naturforschung. Und doch sind auch ihre Vorkämpfer mehr oder minder Geister vom Geiste Spinozas. Oken, Johannes Müller, Fechner, Wundt, Häckel, Czolbe, Noir6, sie alle führen die Ergebnisse ihrer Forschung zu Spinoza hin. Die neuen Entdeckungen und Erfindungen, die Offenbarung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, die Entwicklungslehre, drängen in seine Spuren. Und die Philosophie die Entdeckungen, die Zeitphilosophen, wie Schopenhauer. Hartmann, Nietzsche, haben in den Bau ihrer Weltanschauung manchen Stein aus Spinozas Werkstatt gefügt. An seiner Esse hat ein Dav. Fr. Strauss seine schneidige Waffe geschmiedet, und Dan. Schleiermacher, der größte Theologe des Jahrhunderts, ruft: „Opfert mir ehrerbietig eine Locke dem Manen des heiligen verstoßenen Spinoza!" So hat denn die deutsche Theologie wieder gutgemacht, was gerade sie einst zuerst an Spinoza verbrochen hatte. Die neueste Zeit folgt diesen Spuren. Dahn, Dehmel, Anzengruber, Brandes, Fritz Mauthner, Langbehn, Popper-Lynkeus und vor allem Constantin Brunner beweisen, daß, was auch immer unsere Zeit von der Spinozas trennen mag, sein Geist ist modern — nicht geblieben, denn er war seinen Zeitgenossen um Jahrhunderte voraus, er ist es — geworden. Jüdische Grenzwacht Von L. Moses. (Schluß.) Wie es sich eigentlich ganz von selbst versteht, ist die Gattemdorfer Gemeinde infolge der starken Abwanderung rapid gesunken und es soll dort manchmal schwer sein, am Sabbat die für den Gottesdienst erforderlichen zehn Männer zusammenzubringen. Seit kurzem ist ein jüdischer Arzt in Gattendorf ansässig, wie ja in ganz Oesterreich der Arzt oft sogar der einzige Jude im Orte ist. Diese Tatsache ist natürlich um so mehr zu begrüßen, wenn dieser Arzt das Judentum bewußt zur Schau trägt und es würdig zu repräsentieren gewillt ist. In dem oberösterreichischen Städtchen Grein leben beispielsweise zwei Juden, ein Kaufmann und ein Seite 5 Arzt. Dieser jüdische Arzt nun genießt im ganzen Bezirk wegen seiner Menschlichkeit und Uneigennützigkeit einen Ruf, wie ihn kein zweiter Mann in der ganzen Gegend aufzuweisen hat. Und auch in einem in der Nähe Greins gelegenen Badeort konnte man die Feststellung machen, daß der jüdische Besitzer des Bades in der allgemeinen Wertschätzung weit hinter seinem jüdischen Anstaltsarzt zurückstand, der sich durch unentgeltliche Behandlung armer Leute und liebevolles Entgegenkommen rasch die Herzen der Einwohner erobert und die Feindschaft des arischen Gemeindearztes erworben hatte. Aber abgesehen von dieser äußeren Mission, die ja jeder Jude zu erfüllen hätte, gibt es eine innere Mission, die bei diesen in der Provinz verstreut lebenden Juden einzusetzen hätte, um ihren Verlust zu verhüten. Gerade im Burgenland sehen wir neben Dörfern, die fast nur von Protestanten bewohnt sind, auch einen Ort, in dem neben Katholiken und Protestanten noch ein paar Adventisten leben. Und wenn es sich da auch nur um einige wenige Personen handelt, werden sie doch von ihren Glaubensbrüdern in der ganzen Welt nicht vergessen und regelmäßig von Abgesandten besucht. Wir könnten von diesen kleinen Sekten viel lernen, da tausende Juden in Oesterreich ganz zusammenhanglos in Dörfern und Städtchen verstreut wohnen, die mit der jüdischen .Gemeinschaft im besten Fall nur durch den Steuerbogen der nächsten Kultusgemeinde verbunden sind. Es ist symptomatisch, daß der schon erwähnte jüdische Arzt in Gattendorf der einzige Abonnent einer jüdischen Zeitung in der ganzen Gegend ist. Die jüdische Zeitung kann also nicht allein die Aufgabe der Heranziehung und Erhaltung dieser Volkssplitter erfüllen, da sie erst durch intensive persönliche Aufklärungs- und Weckarbeit in diese Häuser an der Grenzwacht des Judentums eingeführt werden müßte. Bisher waren die paar Juden von Gattendorf und in den benachbarten Dörfern leiblich noch irgendwie mit dem Judentum durch den Schochet verknüpft, aber das ist, wenn hier kein innerer Wandel eintritt, nur noch vorläufig der Fall. Der Schochet von Gattendorf ist unbewußt ein Missionär des Judentums, er hält unter den Dorfjuden seines Bezirkes durch seine regelmäßigen Besuche den Zusammenhang und die jüdische Tradition aufrecht. Aber schon ist es manchmal schwer, das Interesse für rituelle Schlachtung bei diesen Juden zu erhalten, und ihre Kenntnis vom Judentum schwindet immer mehr und mehr. Wenn man von Gattendorf aus den träge dahinfließenden Leithafluß entlang westwärts geht, erreicht man nach einigen Stunden das ehemalige Grenzstädtchen Bruck an der Leitha. Ansehnliche Reste der alten Stadtmauer umgeben diese nette Stadt, die vor noch nicht allzu langer Zeit eine große Rolle im Leben der Wiener jüdischen Einjährigfreiwilligen gespielt hatte, und verleihen ihr ein altertümliches Gepräge. Heute ist der kriegerische Nimbus von Bruck gewichen und man hat nun um so mehr Muße, sich in die Geschichte des Städtchens zu vertiefen. Im 14. Jahrhundert gab es auch in Bruck, wie in so vielen anderen Städten und Städtchen des heutigen Oesterreichs, einen eigenen Judenrichter und im Stadtarchiv wird dort noch heute der aus dem Jahre 1388 stammende „Judenbrief" aufbewahrt, mit dem Albrecht III. den Rat der Stadt auffordert, ein Judenbuch zur Registrierung der jüdischen Geldforderungen anzulegen. Die „Wiener Geserah" {im Jahre 1421) machte auch der Gemeinde von Bruck ein Ende und nur ein Schüttboden im Hause eines Bäckermeisters in der Kapuzinergasse, der ehemaligen Judengasse, wird noch als die Synagoge jener alten Brucker Gemeinde gezeigt. Es dürfte freilich auch später noch Juden in Bruck gegeben haben, da unter den Wiener jüdischen Hausbesitzern im Jahre 1670 ein Hirschl Pruckh vorkommt (Pribram, Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Wien, I, S. 253) und auch heute noch jüdische Familien im ehemaligen Westungarn die Namen Bruckner und Brückner führen, die entweder auf Bruck a. d. L. oder auf Bruck a. d. M„ wo ja im Mittelalter ebenfalls Juden ansässig waren (s. Rosenberg, Geschichte der Juden in Steiermark), zurückzuführen sind. Erst nach dem Jahre 1848 haben sich wieder Juden in Bruck an der Leitha angesiedelt, die einen eigenen, der Kultusgemeinde Mödling angeschlossenen Minjanverein bilden. Ihre Anzahl war nie besonders groß, aber sie hatten aus ihren ungarischen Heimatgemeinden einen Schatz von „Jüdischkeit" mitgebracht, der sie vor dem Aergsten schützte, sie hielten einen Schochet, der zugleich die Funktionen eines Lehrers und Vorbeters ausübte und mieteten in einem Privathause ein Zimmer als Bethaus. Später freilich, als dann eine neue Generation Brucker Juden heranwuchs, da ging auch schon eine Tochter der Eheleute Bass, einfacher Durchschnittsjuden, die weder sonderlich fromm noch auch gerade freisinnig waren, zu den Brettern, die für sie schon die Welt bedeuteten, und

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