Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 lllilll^ DIE WAHRHEIT Freigeister des gesamten Europas. Und Holland war ja das Vaterland Spinozas, hier waren unter dem Schutze einer duldsamen Regierung Spinozas Lehren überraschend schnell ins Volk gedrungen. Man hörte sie auf der Gasse, ja man verkündete sie auf der Kanzel. Und das war die geistige Beute, die sich damals Jung-Deutschland aus der Ferne holte. Natürlich donnerte man nun von Kanzel und Katheder gegen dieses Gift der Fremde. Bald war auch der Herold gefunden, der die Getreuen alle in die Schranken rief. Es kamen die Zeitschriften auf, und die Presse benutzte man nun, um Spinoza vor aller Welt an den Pranger zu stellen, ihn zu verleumden und lächerlich zu machen. Bisher hatten selbst seine erklärten Feinde, die ihn aus unmittelbarer Nähe kannten, es nicht gewagt, seinen Charakter, seinen Lebenswandel anzutasten. Aber nun hörte man mit einem Male die grausigsten Märchen von seinem Leben wie von seinem Sterben. Ja selbst sein Bild wurde verzerrt, und die ergötzlichsten Aufschriften las man unter solchen Karrikaturen. Die Besonnensten endlich mühten sich, darzutun, indem sie selbst die Literatur des Auslandes plünderten, Spinoza sei gar nicht der Rede wert, er habe alles aus älteren Philosophen zusammengestohlen. Diese Taktik konnte nur einen Erfolg haben. Sobald das Wettern gegen Spinoza einmal Mcde wurde, brauchten doch Spinozas Anhänger nur diese Maske anzulegen, um seine Lehren bequem in Umlauf zu bringen. Das machte natürlich, daß man auch gegen den Antispinozismus mißtrauisch wurde, und bald war es gefährlich, gleichviel ob lobend oder tadelnd den Namen des Verfemten überhaupt noch zu erwähnen. So machte man denn aus der Not eine Tugend, Spinoza, so glaubte, so hoffte man, wurde am besten totgeschwiegen. In der Tat nahm damals die breite Masse des Volkes an geistigen Bewegungen überhaupt keinen Anteil. Aber in den höheren und höchsten Schichten, da ging nun die Drachensaat des Spinozismus auf. Die sie einst aus der Fremde mit heimgebracht hatten, waren inzwischen in staatliche und kirchliche Aemter eingerückt. Und so finden v/ir gar bald den einen Herd des Spinozismus in Berlin, dem nachmaligen Hauptsitz der Aufklärung, den anderen in Königsberg der Geburtsstadt Immanuel Kants. Erklärte Spinozisten sind in der Hauptstadt Preußens ein Staatssekretär Stosch und ein Gelehrter Wächter, in Königsberg der Staatsrat Lau neben dem Professor Fischer, ihnen gesellt sich im Süden sogar ein Geistlicher zu: der Pfarrer Lauckhardt. Daß man mit solchen Ansichten in die Oeffentlichkeit zu treten wagte, beweist schon, welche weite Verbreitung, welchen Anhang sie gefunden hatten. Aber noch mehr staunt man, wenn man liest, welchen angesehenen und hochgestellten Männern diese Ketzerschriften gewidmet werden. Und geradezu erheiternd wirkt es, zu sehen, wie eben ein solcher Ketzerbeschützer an anderer Stelle von Amtswegen den Ketzerrichter abgibt, hier den Spinozisten, dort den Gegner Spinozas spielt. Den herrschenden Gewalten wurde dabei immer ängstlicher zu Mute. Man griff zu den schärfsten Drohmitteln. Der Staupbesen winkte schon für das bloße Lesen jener Bücher. Aber damit beraubte man sich gerade der wirksamsten Waffe, sie zu bekämpfen. Wer hätte — was oft nicht schwergefallen wäre — diese Schriften widerlegen sollen, ohne sie lesen zu dürfen? Und so ging es denn damit, wie noch heutzutage mit konfiszierten Büchern: sie konnten nicht besser empfohlen werden. Inzwischen hatte sich der Kampf um, oder besser gegen den Spinozismus auf ein neues Gebiet hinübergespielt. Deutschland hatte seinen ersten Philosophen erhalten. Was sich bis dahin in Deutschland Philosophie genannt hatte, war nichts weiter, als Hiifsarbeit der Kirche gewesen. Erst L e i b n i z ist der Mann, der auf den Titel eines deutschen Philosophen vollen Anspruch hat. Leibniz hatte, wie viele andere Deutsche, Spinoza besucht, er hatte mit ihm einige Briefe gewechselt und seine Schriften gelesen. Aber als man anfing, in seinen Lehren Spinozismus zu wittern, da glaubte er sich gegen diesen Vorwurf am besten zu verteidigen, indem er Spinoza mit den ärgsten Titeln überhäufte. Es glückte ihm ebenso wenig, wie seinem Schüler W o 1 f f, der dem Meister zur Seite sprang und damit die Meute sich selbst auf den Leib netzte. Aber Wolff hatte einen mächtigen Gönner, es war der Philosoph von Sanssouci. Es begann für Deutschland eine neue Zeit. Die Aufklärung war am deutschen Horizont heraufgezogen. Der große Friedrich, selbst des Spinozismus verdächtigt, ist es denn auch, dem diese Lehre ihre schnelle Verbreitung in Deutschland verdankt. Die Forderung der unbeschränkten Denk- und Glaubensfreiheit, welche Spinoza zuerst wissenschaftlich unerschütterlich fest begründet hatte, verkündet der bekannteste Ausspruch des großen Preußenkönigs. In Wolff, in Marquis d4Argens und Delamettrie begünstigt Friedrich den Geist Spinozas, die kleine Universität Duisberg, die /reisinnigste der deutschen Hochschulen, an welcher Cartesius, der Lehrer Spinozas, herrschte, nahm Friedrich in seine besondere Obhut. Er war einer der ersten Fürsten, die Freimaurer wurden. Vor allem aber hatten Friedrichs Siege im deutschen Volke ein Selbstbewußtsein geweckt, und in seinen Kriegslagern wurden Reden geduldet, die noch kurz zuvor einem jeden Acht und Bann würden eingetragen haben. Aber noch auf einer anderen, und zwar gerade der entgegengesetzten Seite öffnete sich dem Spinozismus eine breite Eingangspforte. Es erstand der Kirche aus eigenem Schöße ein gefährlicher Feind im Pietismus. Das war ein Rückschlag gegen die trockene Theologie der Leibniz-Wolff'schen Schule, wie wir ihn ähnlich auf jüdischem Boden im Chassidismus zu verzeichnen haben. Und ein Kind dieses Pietismus ist der Mann, in welchem der Spinozismus zum ersten Male einen würdigen und unerschrockenen Verfechter gefunden hat. Joh. Chr. Edelmann ist es, der diese Lehre in allen Schichten des Volkes zu verbreiten wußte, von den Kabinetten der Fürsten bis hinab zum Lakaien. Wohl ein jeder erinnert sich aus sommerlichen Streifzügen durch Wald und Feld des seltsamen Wuchses der Schachtelhalme, wie da aus einem und demselben Stamm zunächst ein kleinerer und nach einiger Zeit dicht daneben ein größerer Stengel aufschießt. So finden wir denn auch neben einem Edelmann den Geist, der zuerst im lieben Deutschland mit dem Mittelalter gründlich aufgeräumt hat oder, wie wir heute leider sagen müssen, aufräumen wollte: Gotthold Ephraim L e s s i n g. Lessing kannte Edelmann. Edelmanns erbittertster Gegner war zufällig auch der Vorgänger jenes Hamburger Hauptpastors, den Lessings „Anti-Goeze" verewigt hat. Lessing geht aber weit über Edelmann hinaus. Er hat zuerst den Spinozismus für den Fortschritt der Wissenschaft fruchtbar gemacht, seine „Erziehung des Menschengeschlechtes" ist der erste Versuch, einen Grundgedanken Spinozas auf die Behandlung der Geschichte anzuwenden. Aber am schwersten wiegt die Tatsache, daß ein Lessing sich offen zu Spinoza bekannte, den man nach seinem derben Ausdrucke bis dahin wie „einen toten Hund" behandelt hatte. Und gerade mit diesem Bekenntnis gab Lessing den Anstoß zu dem berühmten Streit zwischen Mendelssohn und Jacobi über Lessings Spinozismus. Diesem Streite haben wir es zu danken, daß Spinoza in Deutschland eine wahre zweite Heimat gefunden hat. Als Lessing kurz vor seinem Tode mit Fr. Heinr. Jacobi über Spinoza sprach, da konnte er unmöglich ahnen, welchen Mißbrauch der eitle Mann mit dieser Unterredung treiben werde. Jacobi, der Glaubensphilosoph, wollte nämlich beweisen, daß unser Denken ohne die leitende Hand der offenbarten Religion unfehlbar zum krassen Atheismus führen müsse. Da kam es ihm freilich nur zu gelegen, daß sich ein Lessing zum Spinozismus, das heißt nach damaliger Auffassung zum Atheismus bekannte. Als nun Jacobi unmittelbar nach Lessings Tode mit seiner „Entdeckung" hervortrat, hatte er sofort die Freunde Lessings gegen sich, vor allem den Mann, den Lessing selbst einen zweiten Spinoza genannt hatte, und der doch am besten um Lessings Glaubensbekenntnis zu wissen meinte, den größten deutschen Juden: Moses Mendelssohn. Mendelssohn, der erste Mann von Geltung, der in Deutschland Spinoza gegenüber einen müderen Ton anschlug, konnte es nicht dulden, daß man den Spinozismus ohne weiteres zum Atheismus stempelte, und noch weniger, daß man „seinen" Lessing zum Atheisten machte. Eine Schrift gab die andere, und so sehen wir denn bald das gesamte literarische Deutschland jener Zeit in zwei Lager geteilt: Hie Mendelssohn! Hie Jacobi! Man weiß, welche Umwälzung aller Verhältnisse sich damals vom Westen her in Deutschland vollzog. Aber diesseits des Rheines gab es, und das ist für das damalige Deutschland so bezeichnend, keine politische, sondern eine literarische Revolution oder genauer: eine Reaktion, die Reaktion des heißblütigen Südens gegen die nüchterne Schulphilosophie der Berliner Aufklärung. So scharen sich denn um Jacobi Geister wie Herder und Goethe, wie Jean Paul, Stolberg, Johannes v. Müller, Wieland, der Pietist Lavater, der übrigens trotzdem aus seiner Schwärmerei für Spinoza kein Hehl machte, und aus der Umgebung Kants, also am feindlichen Pole, Hamann, der Magus des Nordens, der seinem Namen zu Ehren gegen die Juden Mendelssohn und Spinoza werben möchte, aber gerade bei Immanuel Kant, auf den es am meisten ankam, damit am wenigsten Glück hat. Der Kampf wogte erbittert hin und her. Erst Mendelssohns Tod, den man damit in Verbindung brachte, machte den Gehässigkeiten ein Ende. Jacobi v/urde von seinen Freunden immer klarer durchschaut. Sie verließen ihn einer nach dem andern. Aber der Spinozismus war nun zu einer Macht geworden, zu der man unbedingt Stellung nehmen mußte. Er beherrschte die Naturforschung und'die schöngeistige Literatur