Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT i!!ll!!!IIIiHlllimil!0tllll llfflClillllllllil Seite 3 der wirtschaftlichen Trostlosigkeit, in dem ökonomischen Elend, in dem wir uns befinden. Was ist unter diesen Umständen zu tun? Sollen wir unsere warnende Stimme erheben? Sie wird ungehört verhallen. Denn die derzeit in der Regierung befindlichen Parteien, vor allem die Christ- Iichsozialen scheinen viel größeres Gewicht auf die Befriedigung ihrer agrarischen Wählerschaft zu legen als auf das Wohl ihrer Anhänger aus dem Gewerbestande, auf deren Stimme sie bei den kommenden Wahlen offenbar mit Sicherheit rechnen, während die Oppositionspartei, die sich so gerne als die „Vertreter des arbeitenden Volkes" bezeichnet, entsprechend den auf den letzten Parteitag gefaßten Beschlüssen unter der Bauernschaft größere Propaganda zu entfalten gedenkt und daher den Agrarzöllen nicht jenen Widerstand entgegenzusetzen in der Lage ist, zu dem sie als Partei der Industriearbeiterschaft eigentlich verpflichtet wäre. Wir österreichischen Juden können daher unter den gegenwärtigen Umständen nichts anderes tun, als auf das schärfste gegen die neuen Zölle, welche die Konsumenten aufs schwerste belasten und die Produzenten auf das empfindlichste treffen, zu protestieren und müssen zum Zeichen des Protestes — aber auch aus vielen anderen Gründen — jene Partei unterstützen, welche für Freiheit der Wirtschaft, für Wohlstand, Fortschritt und ökonomisches Gedeihen aller Stände eintritt. Dann, aber nur dann, werden wir unsere jüdischen Interessen fördern; dann werden wir aber auch die Pflicht erfüllen können, die wir als gute Juden und gute Oesterreicher uns selbst und unserem Staate gegenüber zu erfüllen haben. die stets fordern und verlangen. Nun ist aber das Auffallendste ein Satz in dem Spendenaufrufe der Thora: „sie sprachen zu Moses also: das Volk bringt zu viel; mehr als genug für die Arbeit des Werkes, das Gott zu machen geboten hat." Moses erläßt einen Aufruf „und das Volk wurde abgehalten vom Bringen." Es gibt also doch eine Religion, die sagt: „Genug!", die nicht mehr annimmt als sie braucht. Habsucht und Geiz kennen das Wort „Genug" nicht, es fehlt in ihrem Wortschatze, wie der weise Prediger sagt: „Wer das Geld liebt, wird des Geldes nicht satt." Der unselige Hunger nach dem Golde wird niemals befriedigt und der echte Geizhals wird sich selbst im Ueberflusse arm glauben. Mag die Tatsache reicher Spenden und überreicher Gaben die Gebefreudigen und den Opfersinn des Volkes ins beste Licht setzen, in gleicher Weise bleibt die Weigerung Moses, mehr als nötig anzunehmen rühmlich und ehrenvoll für die Einstellung der Religion, die das Volk weder aussaugen noch seiner Schätze berauben will. Die Religion Israels ist es nun, die sagt: „Genug!", die sogar sagt: „zuviel ist der Gaben" und für die Kopfsteuer die Bestimmung erlassen hat: „lo jarbe" nicht mehr als einen halben Schekel. Kann man die Menschen nach ihrem Verhalten beim Gelde beurteilen und bewerten, so kann man auch auf den inneren Wert einer Religion einen Rückschluß ziehen, wenn man Beweise hat, wie sie sich in Wünschen und Forderungen nach Geld und Gold verhält. Diese Religion ist nicht habsüchtig und die jüdische Kirche — sit venia verbo — war niemals reich, indem sie Schätze oder Reichtümer materieller Art aufgehäuft und verborgen gehalten hätte. Nur einen Reichtum besaß das Judentum und der ist mit einem Worte des Talmud bezeichnet: „en hazibur oni", „Eine Gemeinde ist nie arm zu nennen." Das heißt: Der Gemeinsinn Israels bringt stets die Mittel und Opfer auf, die zur Erhaltung des Judentums notwendig sind. Deshalb brauchten der jüdische Kultus und dessen Hüter keine irdischen Schätze zu sammeln. Der Gemeinsinn Israels wird stets seine Pflicht und Schuldigkeit tun, weil er weiß, daß die Religion Israels den Grundsatz hat, „nicht mehr als nötig" und nicht mehr nimmt, als sie braucht? Dr. V. Kurrein. Spinoza. Aus einem Vortrage aus dem Jahre 1899 von Dr. Max Gm nw a 1 d. Nichts scheint weniger modern als Spinoza, wie er sich dem flüchtigen Blicke bietet. Hier das nervöse, rastlose Hasten und Treiben, dort die verklärte Ruhe des Olympiers, ja kaum ein Zug unserer Zeit, dem nicht in Spinoza der Gegensatz sich finden ließe. Aber gerade das Bewußtsein, daß wir hinter dieser klaren freien Stirn, hinter diesem Frieden im Gemüte alle die Gegensätze der Gegenwart vereint und doch ausgesöhnt wissen, dieses Bewußtsein sagt uns deutlich: hier liegt auch für uns der Weg aus dem Zwiespalt des Lebens zum Frieden des Herzens. Spinoza empfand im Grunde nicht anders, als wir alle. Auch er fühlte menschlich, fühlte sich getrieben von dem mächtigsten der Triebe, dem Triebe der Selbsterhaltung. Mit diesem Triebe rechnet er als mit der Macht, der sich kein Wesen entziehen kann. Dieser Trieb ist ihm nichts anderes, als das seelische Perpetuum mobile. Die Kugel rollt, das Tier treibt der Instinkt, der Mensch will. Aber gerade in dem, was er will, offenbart sich sein Menschentum. Der edle Mensch will sein Bestes, indem er das Gute will. So wird der rohe Trieb der Selbsterhaltung zum Streben nach immer klarerem Denken, immer edlerem Fühlen und Wollen; denn dies ist die Steigerung des Guten. Die Liebe zum Ich und die Liebe zum anderen sind schließlich keine Gegenpole mehr, sie sind rechtverstanden ein und dasselbe. Und wie so das Prinzip der Entwicklung vereint, was man als Egoismus und Altruismus zu unterscheiden pflegt, so ergibt sich auch, daß Geist und Körper, daß Leib und Seele nicht nur keine Gegensätze, daß sie vielmehr im Wesen ein und dasselbe sind, nur bald unter diesem, bald unter jenem Gesichtspunkt betrachtet. So reichen sich der Physiologe und der Psychologe die Hände. Mit einem Worte: gar mancher Konflikt, der noch heute unser Denken beherrscht, hat bereits in Spinoza seine Lösung gefunden. Er ist aber nicht nur der treue Führer, er ist zugleich der Vater des modernen Denkens. Was Renaissance, was Reformation und Revolution begonnen haben, Spinoza und seine Schüler haben es kräftig aufgenommen und fortgeführt. Aber auch in den Neubildungen, die aus diesen Umwälzungen hervorgingen, auch in der Neugestaltung des gesamten geistigen, des religiösen und wirtschaftlichen Lebens der Menschheit bilden Spinozas Lehren ein wesentliches Ferment. Die mGderne Theologie wie die exakte Naturforschung, unsere Modephilosophen wie unsere Dichterheroen, unsere liberalen Staatsmänner, ja selbst der moderne Sozialismus wie auf der anderen Seite ein Bismarck, sie alle haben, mehr oder minder bewußt und nachweisbar von Spinoza gelernt. Gerade die Gegenwart liefert uns den besten Maßstab für die Bewertung Spinozas. Denn die Zeit, die man von gewisser Seite heute wieder heraufbeschwören möchte, das ist die Zeit, in der Spinozas Lehren zu wirken begannen. Wir;;enen nicht fehl, wenn wir von dieser Zeit, von dem Deutschland nach dem 30jährigen Kriege, sagen: sie war das protestantische Mittelalter. Das kirchliche Interesse stand im Vordergrunde. Die Geistlichkeit beherrschte das gesamte Denken und Leben des Volkes, vor allem die Staatsgewalt. Die Auffassung der Herrschermacht als eines Gottesgnadentums war damals allgemein. Nichts lag also näher, als der Gedanke: ein starker Altar für einen starken Thron. Und dafür zeigte sich der Staat wieder der Kirche erkenntlich, so oft es galt, den inquisitorischen Gelüsten der Geistlichkeit Rechnung zu tragen. Nun wird man freilich zugeben müssen, daß die damaligen Vertreter des Liberalismus nicht gerade geeignet waren, ihren!deen Achtung und Geltung zu verschaffen. Es waren Marktschreier, zügellose Schwarmgeister, mehr Libertiner als liberal. Die konnte man leicht mundtot machen. Aber nun trat Spinoza auf. Da war keine Spur von Phantasterei, da war kein Stäubchen an seiner Ehre, an seinem Charakter zu entdecken, und Spinoza hatte einen mächtigen Bundesgenossen im feindlichen Lager, es war der Verstand. An ihn allein wandte sich Spinoza mit unwiderlegbaren Beweisen, mit seiner unerbittlichen Logik. Was war da zu tun? Einem solchen Gaste konnte man nicht die Tür versperren. Er brauchte ja gar nicht anzuklopfen. Man holte ihn selbst herein. Es gehörte damals in Deutschland zum guten Ton und war deshalb für den Kavalier wie für den jungen Gelehrten, die sich in die Gesellschaft einführen wollten, eine gute Empfehlung, den Westen und vor allem Holland besucht, mit seinen literarischen Größen verkehrt zu haben. Holland war der industrielle Musterstaat, es war das gelobte Land der Denkfreiheit, das Stelldichein der