Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-02-25 · Heft 9 (25.2.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 9 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064308--15220-3087992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 m DIE WAHRHEIT der springende Punkt — wegen der hohen Produktionskosten in Oesterreich, die unsere Waren auf dem Weltmarkte nicht konkurrenzfähig erscheinen lassen. Eine richtig geleitete Wirtschaftspolitik müßte daher auf dem Gebiete der Handelspolitik eine Verminderung des Schutzzollsystems anstreben und auf dem Gebiete der Produktionspolitik unser heimisches Gewerbe, unsere heimische Industrie konkurrenzfähiger machen. Wie entledigt sich nun unser Staat dieser Aufgaben? Was tut die Regierung zur Förderung des wirtschaftlichen Gedeihens unserer Republik? Schwere Steuerlasten, ein kompliziertes und schwer zu verwaltendes System von direkten und indirekten Steuern und Abgaben drückt schwer auf die erwerbstätigen Stände.. Staat und Gemeinde häufen immer neue und unerträglichere soziale Belastungen auf die produktiven Unternehmungen, bis eine nach der anderen zusammenbricht. Je höher die sozialen Lasten, desto größer die Arbeitslosigkeit, je größer die Arbeitslosigkeit, desto höher die sozialen Lasten. Dies ist der Kreislauf, in welchem unsere Verelendung fortschreitet. Aber trotz der gesunkenen Kaufkraft unserer Bevölkerung sind die Lebenshaltungskosten bei uns um durchschnittlich zehn bis fünfzehn vom Hundert teurer als in den meisten europäischen Staaten, insbesonders sind die wichtigsten Nahrungsmittel, Getreide, Brot, Butter, Eier, Fleisch, Gemüse, die wir zum größeren Teile aus dem Auslande beziehen müssen, teurer als in anderen Staaten. Was tut aber die Regierung dagegen oder vielmehr, was beabsichtigt sie zu tun? Sie will die Zölle auf diese wichtigsten Nahrungsmittel noch weiter erhöhen, um es unserer Feuilleton „Mehr als genug". Sie sagten zu Moses: Das Volk bringt z uviel; mehr als genug zur Arbeit des Werkes, das Gott zu machen geboten bat. II., 36, 5. In dreierlei Dingen kann man einen Menschen erkennen: Durch sein Verhalten in Geldangelegenheiten, beim Weine und im Zorne. Wer jemals eine Sammlung für allgemeine Zwecke unternommen hat, kann die Wahrheit und Berechtigung des .ersten der drei genannten Punkte bestätigen. Tatsächlich hat es mit dem Geben wie mit der Gebefreudigkeit eine eigene Bewandtnis, aber sicherlich leidet beides, wenn sich Aufrufe und Sammlungen allzu oft wiederholen und den Vorzug der Seltenheit ihres Erscheinens einbüßen. Sammler und Spender werden Gegensätze, indem die einen ihre Angriffe auf das Geld der anderen mit allen Mittel ausführen, die anderen wiederum um jeden Preis diesen Angriffen ausweichen und entrinnen wollen. Sehr auffallend ist es darum, daß sich auch in der Thora solche Aufrufe zu Gaben und Abgaben häufen und drängen. Erst eriieß Moses den Aufruf, demzufolge, jeder zur Errichtung des Heiligtumes Gaben bringen sollte, Gold, Silber, Kupfer, Purpur, Karmesin, Byssus, Felle, Oel und Edelsteine. Dann erfolgte die Vorschreibung der Kopfsteuer des halben Schekels und schließlich sammelte Ahron die goldenen Ringe für das goldene Kalb und bald folgt ein ganzes Buch, das von Opfern spricht und handelt. Da ist also ausreichende Gelegenheit für das gebefreudige Herz und die offene Hand, sich zu betätigen. Um so auffallender ist nun: es ist jedesmal gegeben und gespendet worden. Man sieht also, einerlei ob für das goldene Kalb oder für das Heiligtum Gottes oder gar als Sühne für die Seele — man gibt und die Religion sammelt und holt aus dem Volke heraus, was sie braucht und brauchen kann. Wie sagt doch Landwirtschaft, die infolge rückständiger Methoden und unrationeller Arbeitsweise teurer arbeitet als die anderen Länder, auf diesem Wege zu ermöglichen, ihre Produkte zu erhöhten Preisen abzusetzen. Aber auf diese Weise wird nicht nur die arbeitende Bevölkerung aufs schwerste geschädigt, sondern auch der Landwirtschaft wird kaum dauernd geholfen werden; einzig und allein eine durchgreifende Landwirtschaftsreform kann unsere agrarische Produktion heben. Durch die geplanten Zölle werden also die Lebenshaltungskosten weiter gesteigert und wahrscheinlich neue Lohn- und Gehaltsforderungen der Arbeiter, bzw. Beamtenschaft ausgelöst werden. Wird diesen Rechnung getragen, dann müssen notwendigerweise die Produktionskosten weiterhin verteuert, dann müssen die Steuern abermals vergrößert werden. Die Gefahr weiterer Konkurrenz- Verminderung und Absatzstockung, erhöhter Arbeitslosigkeit und weiterer Steigerung der sozialen Lasten steht uns somit bevor. Außerdem werden jene Länder, die durch die Erhöhung unserer Agrarzölle betroffen werden, Abwehrmaßregeln ergreifen, indem sie ihrerseits die Zölle auf unsere Industrieprodukte erhöhen, was 'natürlich eine weitere Verdrängung unserer schwer um Absatz kämpfenden Industrie- und Gewerbezweige von den ausländischen Märkten zur Folge haben wird. Also um eines vorübergehenden Vorteils für einen Produktionszweig soll die gesamte Volkswirtschaft unserer Republik dauernd auf das schwerste geschädigt werden. Die österreichische Judenschaft und mit ihr der überwiegende Teil der österreichischen Bevölkerung geht also schweren, furchtbar schweren Zeiten entgegen und nirgends ist ein Lichtblick in Goethe: „Die Kirche hat einen guten Magen . . ." Aber Goethe hatte in der Opposition gegen die Habsucht der Priester schon einen Vorgänger in dem berühmten Korach, der mit dem Hinweise auf die „alles nehmenden Priester" das Volk gegen Moses und Ahron aufzuhetzen versuchte. Denn Korach, so berichtet der Midrasch, erzählte einst in öffentlicher Versammlung der horchenden Menge folgende Geschichte: „In meiner Nachbarschaft wohnt eine Witwe mit ihren beiden jungen Töchtern; sie bestellen ein Feld, dessen Ertrag sie schlecht und recht ernährt. Es ist Zeit des Ackerns. Moses erscheint bei ihr und spricht: ,Die Thora verbietet, Rind und Esel zusammenzuspannen!' Die Witwe befolgt das Gebot und müht sich allein ab. Es geht an die Aussaat, und wieder ist Moses zur Stelle und spricht: „Du darfst nicht zweierlei Saat ausstreuen!" Die Ernte reift, Moses erscheint und spricht: „Du darfst die Ecke des Feldes nicht abernten, die Aehren nicht nachlesen und die vergessene Garbe nicht einholen." Alles befolgt die Witwe und geht endlich daran, das Getreide in der Scheune zu dreschen. Nun erscheint Ahrcn und fordert die Anteile des Priesters, die Hebe, den ersten und zweiten Zehnt. Das ist der Witwe zu viel, und um den Quälereien und Steuern zu entgehen, verkauft sie das Feld und kauft sich für den Erlös zwei Schafe, die ihr nun die notwendige und kümmerliche Nahrung einbringen sollen. Die Schafe werfen Junge. Schon ist Ahron wieder da und sagt: ..Das Erstgeborene gehört mir" und nimmt es. Es kommt zur Schur, die Witwe hofft auf den Ertrag, aber wieder ist Ahron am Platze und spricht: „Die erste Wolle ist mein!" Voll Zorn schlachtet die Witwe die Schafe, um den ewigen Forderungen zu entgehen, aber — o Schrecken! — wieder fordert der Priester Schulter-, Kniestücke und Magen als Anteile des Priesters. Die arme Frnu verliert die Fassung, verwünscht den ganzen Besitz, aber in aller Ruhe erklärt Ahron. daß jetzt alles als Banngut dem Heiligtum verfallen ist, nimmt es und seht." „Seht ihr", so schloß Korach seine Rede, „so sind die Priester und so handeln sie unter dem Deckmantel der Religion." So und ähnlich klingt das alte und stets neue Lied vom Gotte Nimmersatt, von den Religionen, wie immer sie heißen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.