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Die Wahrheit · 1927-02-25 · Heft 9 (25.2.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 9 (25.2.1927)
Date
1927-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£rstfkeint jeden &eeita$ Preis dies« Jlummer: SO DIE WAHRHEIT Cestevveidkisdke Wocnenscnrift für jüdische Jnteressen Wevöff&ntfienungen der „Union dteutsdäösten. Juden" Redaktion und Administration: Wien #/.» J£einestmnße JICk. 13 Fernruf 42-2-16 XLIH. Jahrgang Wien, 25. Februar 1927_Nummer 9 Oesterreichische Wirtschaftspolitik. Das österreichische Judentum hat nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Interessen zu verteidigen! Darum ist es unabweisliche Pflicht eines Blattes, das jüdische Interessen vertritt, in einer Zeit, wo wirtschaftliche Fragen Regierung, Parlament und Oeffentlichkeit in so hervorragendem Maße beschäftigen, sich vom Standpunkte der österreichischen Judenschaft aus auch mit den Problemen der Wirtschaft zu befassen. Gibt es denn, so könnte man einwenden, in wirtschaftlichen Fragen einen jüdischen und einen nichtjüdischen Standpunkt, kann von jüdischen Wirtschaftsinteressen überhaupt die Rede sein? Gewiß verfolgt das österreichische Judentum weder in politischen, noen in wirtschaftlichen Fragen irgendwelche Soliderinteressen — eine Politik, welche auf Sonderinteressen beruht, müßte sogar im Interesse des Judentums auf das entschiedenste abgelehnt werden —, vielmehr decken sich die Interessen des Judentums und zumal der österreichischen Judenschaft in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht vollkommen mit dem wohlverstandenen Interesse des Staates und der Gesellschaft; denn ebenso, wie das Judentum in politischer Beziehung nichts anderes erstrebt als daß sowohl rechtliche als auch faktische Gleichberechtigung herrsche, daß Gerechtigkeit und Menschlichkeit Staat und Gesellschaft durchdringe, ebenso wünscht es auch in wirtschaftlicher Beziehung im eigenen Interesse und im Interesse des Staates nur das Aufblühen und Erstarken Oesterreichs durch Förderung des materiellen Wohlstandes seiner Bevölkerung- Damit sind wir aber bereits beim Kernpunkt des uns hier beschäftigenden Problems angelangt, nämlich bei der Frage: wie fördert die Regierung die österreichische Wirtschaft, bzw. kann von einer Förderung überhaupt die Rede sein? Die österreichische Judenschaft ist aufs innigste mit dem Wirtschaftsleben unserer Republik verschmolzen, sie nimmt in Handel und Verkehr, in Gewerbe und Industrie eine hervorragende Stellung ein und trägt durch ihre rege wirtschaftliche Tätigkeit und ihre Steuerleistung zur Förderung des allgemeinen Wohlstandes bei. Eine relativ große Zahl von Juden ist in freien Berufen tätig, zahlreiche Glaubensgenossen sind selbständige Unternehmer, eine noch größere Zähl Juden sind als Arbeiter und Angestellte in Handel, Gewerbe und Industrie beschäftigt und werden wegen ihrer Gewissenhaftigkeit und Geschicklichkeit von jüdischen und nichtjüdischen Unternehmern sehr geschätzt. Daher kommt es, daß die österreichische Judenschaft von den Schwankungen des Wirtschaftslebens in so hohem Maße getroffen wird; jede wirtschaftliche Erschütterung, jede Krise und Absatzstockung trifft stets auf die empfindlichste Weise die jüdische Bevölkerung, womit aber nicht gesagt sein soll, daß die übrigen Bevölkerungsschichten nicht ebenfalls hierdurch schwer zu leiden hätten. Es liegt hier nur ein gradueller Unterschied vor und von einem Interessengegensatz, wie er von manchen antisemitischen Politikern behauptet wird, kann natürlich keine Rede sein. Dieser graduelle Unterschied rechtfertigt aber den besonderen jüdischen Standpunkt, von welchem wir gesprochen haben, insofern als wir Juden infolge unserer innigeren Verflochtenheit mit der Wirtschaft den wirtschaftlichen Problemen wenigstens im gegenwärtigen Zeitpunkt den Vorrang vor den politischen, sozialen und kulturellen Fragen einzuräumen gezwungen sind, allerdings keinen wertmäßigen Vorrang, sondern bloß einen Vorrang der Dringlichkeit. Wir müssen also der österreichischen Wirtschaftspolitik, das heißt allen Bestrebungen zur Förderung der gesamten Volkswirtschaft unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Die Passivität der österreichischen Handelsbilanz, das Grundübel, an dem die österreichische Wirtschaft leidet, kommt daher, daß in Oesterreich mehr konsumiert als produziert wird. Ein Ausgleich könnte auf zweierlei Weise geschaffen werden, entweder durch Verringerung der Konsumtion oder durch Vergrößerung der Produktion. Das erstere erscheint deshalb unmöglich, weil erstens die durchschnittliche Lebenshaltung der Bevölkerung nur mehr schwer eine weitere Einschränkung verträgt und zweitens eine solche Einschränkung nur noch weitere Absatzstockungen und damit weitere Arbeitslosigkeit zur Folge hätte. Es kann daher die österreichische Wirtschait nur von Seite der Produktion her kuriert werden; eine Erhöhung der Produktion ist aber nur dann wirtschaftlich gerechtfertigt, wenn ihr ein gesteigerter Absatz entspricht. Warum aber ist der Absatz für österreichische Produkte ein so geringer? Im Inlande deshalb, weil die Kaufkraft einer kapitalsarmen Bevölkerung, wie es die österreichische ist, sehr schwach ist, im Auslande teils wegen der hohen Zollschranken, mit welchen sich die fremden Staaten und speziell unsere Nachbarstaaten abschließen, teils — und das ist

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