Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WÄHRHEI1 Erinnerungen an Adolf Sonnenthal. Heute, wo das Burgtheater das Publikum zwar weniger durch seine künstlerischen Leistungen als vielmehr durch das Auftreten ganz unkünstlerischer Strömungen fesselt, ist es an der Zeit, eines Mannes zu gedenken, der nicht nur ein großer Künstler war — einer der besten, die das .Burgtheater je besessen — sondern auch Jude. Keines von beiden, weder sein Künstlertum noch sein Judentum, hat man ihm nämlich übel genommen, weder sein energisches und selbstbewußtes Eintreten für die Kunst noch auch seine Abstammung aus einem guten jüdischen Bürgerhaus wurde damals zum Anlaß genommen, um gegen ihn ein „Verfahren" einzuleiten. Im Gegenteil, sein Herrscher überschüttete ihn mit den höchsten Auszeichnungen, die nur ein Künstler erlangen kann, während das Publikum, ein feinfühliges, kunstverständiges und von keinerlei Schlagwörter! aufgehetztes Publikum, Sonnenthal, seinen Sonnenthal über alle Maßen verehrte. Und er, der große Meister der Schauspielkunst, der jubelumrauscht und von nicht-enden-wollendem Beifall umgeben auf der Bühne zu stehen pflegte, stand demutsvoll an Freitag-Abenden und Samstag vor seinem Gotte: denn er war nicht nur Jude, sondern auch guter religiöser Jude, der dem Glauben seiner Väter als armer Schneidergeselle — so begann er nämlich seine Karriere — wie als gefeierter Künstler unverbrüchliche Treue bewahrte. Als er einmal bei einer großen Feier im Stadttempel zur Thora aufgerufen wurde, trug er mit seiner schönen, warmen und kraftvollen Stimme die Segenssprüche über die Thora so deutlich vor, daß jede Silbe bis in den letzten Winkel des ehrwürdigen Gotteshauses vernommen werden konnte. Im großen Tempel in der Tempelgasse betete er zu Kol-Nidre einmal in der Loge die „Al-cheten" voller Inbrunst, die rechte Hand auf das Herz legend, daß alle Umstehenden von der Weihe des Gebetes ergriffen wurden. Mit Wehmut gedenken wir heute des großen Künstlers, der nicht mehr unter uns weilt, und ein Gefühl des Stolzes beschleicht uns bei dem Gedanken, daß neben Männern der Wissenschaft auch Künstler aus unseren Reihen hervorgegangen sind wie Adolf Sonnenthal. Und gerade heute, wo gewisse Tendenzen, die mit der Kunst nichts zu tun haben, leider auch in unserem Burgtheater sich bemerkbar machen, wäre es an der Zeit, darauf hinzuweisen, was jüdische Künstler zum Aufblühen des Burgtheaters und zur Hebung des Ansehens von Wien als Kunststadt beigetragen haben. Insbesondere wäre es am Platze, einer kunstbegeisterten jüdischen Jugend den jüdischen Künstler Adolf Sonnenthal durch eine lebensvolle und Bildern vornehme Biographie näherzubringen. M. A. Der Antisemitismus in Sowjetrußland. Die Meldungen, welche über die Stimmungen und Strömungen in den breiten Volksmassen und in den führenden Kreisen Sowjetrußlands in letzter Zeit zu uns kamen, waren so widerspruchsvoll, daß man sich kein richtiges Bild von der inneren Lage des riesigen Reiches bilden konnte. Besonders über die Lage der Juden in der Sowjetrepublik werden die verschiedensten Gerüchte verbreitet, die von einer im Wachsen begriffenen antisemitischen Bewegung wissen wollen. Deshalb verdient eine Rede besonderes Interesse, die B u c h a r i n, einer der Führer der kommunistischen Bewegung, vor kurzem in Leningrad gehalten hat und die von den dortigen Blättern vollinhaltlich veröffentlicht wird. In dieser Rede befaßte sich Bucharin eingehend mit der Nationalitätenfrage in Rußland und wies auf das Anwachsen der chauvinistischen Stimmung, insbesondere in Kreisen der russischen Intelligenz sowohl als auch bei den Minderheitsvölkern hin. Dieser nationale Chauvinismus, den Bucharin vom kommunistischen Standpunkte aus auf das schärfste verurteilte, nehme immer mehr auch eine judenfeindliche Tendenz an. Bucharin wandte sich sodann sowohl gegen den großrussischen als auch gegen den kleinrussischen (ukrainischen) Chauvinismus und stellte mit Bedauern fest, daß sich nationalistisch-chauvinistische Tendenzen sogar in die Leitung der kommunistischen Partei eingeschlichen haben. Sehr eingehend sprach Bucharin über die antisemitischen Strömungen innerhalb der kommunistischen Partei und sagte: „Der Antisemitismus muß sehr stark bekämpft werden, aber auch von der Partei muß eindeutig unterstrichen werden, daß die Partei für den armen und gegen den reichen Juden ist. (!) Gerade jetzt, wo die Sowjetregierung an die Verwirklichung gewaltiger technischer Projekte gehe, ist eine besonders vorsichtige Politik gegenüber der Intelligenz notwendig. Die technischen Kräfte müssen gehütet werden und die Partei wird jeden Versuch einer Hetze gegen Spezialisten bekämpfen." Der Zusammenhang zwischen dem, was Bucharin über die „Intelligenz" und die „Hetze gegen Spezialisten" sagt, und seine Ausführungen über Antisemitismus erklären sich daraus, daß zahlreiche Juden als Techniker, Aerzte, Chemiker und Ingenieure an dem technischen Wiederaufbau der russischen Industrie arbeiten. Wandlung? Der polnische Innenminister hat ein Memorandum über die Politik der polnischen Regierung gegenüber den nationalen Minoritäten ausgearbeitet, das nunmehr, nach einer Meldung der „Ita", veröffentlicht worden ist. In diesem Memorandum heißt es u. a.: In der Ueberzeugung, daß der wirtschaftliche Antisemitismus Staats gefährlich ist, sieht es die Regierung als notwendig an, im Wirtschaftsleben das Prinzip der Objektivität und Gerechtigkeit zu wahren und auf dem Gebiete des Steuer- und Kreditwesens eine Gleichberechtigung eintreten zu lassen. Die Regierung wird alle noch aus .der Zeit der zaristischen Herrschaft und der Okkupation herrührenden Beschränkungen gegen die jüdische Bevölkerung abschaffen. Die Regierung wird nach Möglichkeit die Berufsausbildung untrer Juden fördern. Die Regierung lehnt jede Begrenzung religiös e,r oder nationaler Natur im Hochschulwesen ab. Diese Gedanken in dem amtlichen Schriftstück eines polnischen Ministers zu finden, ist überaus erfreulich. Wir fassen sie, ohne daran zu denken, daß Polen zur Zeit wieder den Anleihemarkt aufsuchen muß, als das entschiedene Bemühen auf, mit einer Tradition zu brechen, die Polen in den Ruf eines mittelalterlichen Landes gebracht hatte. Ein Kronzeuge der Völkischen? Der Bismarck mit den Kürassierstiefeln, dem rasselnden Säbel und der auftrumpfenden Faust ist ein beliebtes Idealbild der völkischen Kreise. Zu! gern würden &m den eisernen Kanzler auch als Judenhasser großen Ausmaßes für sich in Anspruch nehmen. Dieses Vergnügen gestört zu haben, ist das große Verdienst des leiden zu früh verstorbenen Ministerialrates Otto J ö h 1 i n g e r. Auch Emil Ludwigs Bismarck-Buch bringt eine Fülle von Material nach dieser Richtung, das der bekannte Schriftsteller Hermann Wendel in eimer Besprechung dieses Buches folgendermaßen zusammenfaßt („Vorwärts" vom 19. Dezember): „Auch sonst empfindet Bismarck nicht deutsch im »völkischen' Sinne. Er hält weder; die Deutschen für das auserwählte Volk der Erde noch die anderen Völker für minderwertig, und nicht einmal vor den Juden schlägt er drei Kreuze. Dem Bankier Bleichföder überträgt er Generalvollmacht zur Anlage seines Vermögens, den Dr. Cohen hat er durch Jahr und Tag als sehr geschätzten Hausarzt um sich, L a s s a 11' e nennt er einen der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen und bedauert jedesmal das Ende ihrer stundenlangen Unterredungen, den Reichstagspräsidenten S i m s o n lobt er als einen ,von reinster Vaterlandsliebe getragenen Mann, ein edles Gefäß, in dem stets die lautersten Empfindungen zusammengeströmt sind', und dem britischen Minister D i s r a e 1 i oder Beaconsfield (B. A. Cohnfeld macht der Witz daraus) bleibt er zeitlebens befreundet. Ja, mehr! Er wünscht, ähnlich wie Nietzsche, die Kreuzung des Adels mit Juden und zählt eine Reihe aristokratischer Häuser auf, deren jüdische Verbindungen .alles ganz gescheite, nette Leute' erzeugt hätten, und rühmt, daß die Juden in der Mischung der verschiedenen deutschen Stämme, einen gewissen Mousseux' brächten, den man nicht unterschätzen solle. Die .Kreuz-Zeitung' entblödet sich den nicht, mit seinen brandmarkenden Worten, ,die schändlichsten und lügenhaftesten Verleumdungen' gegen ihm zu schleudern. Der schön© Satz: ,Es gibt fast keinen Fehler, dessen sich die gegenwärtige Regierung nicht schon schuldig gemacht hätte, bloß um ihre skandalösen Beziehungen zu Berliner Finanziers zu verstecken', ist kein Anwurf der .Deutschen Zeitung' gegen die ,Judenrepublik', sondern ein Kotspritzer der Reichsglocke gegen Bismarck:" rtüt" II Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei £K60—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.-, Amerika lVs Doli.,Italien Lire40.—.EnglandSchilling 15.—, Rumänien Lei300.—.Jugoslawien Dinar 100.—