Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 9 suchen gerichtet, ihr für vier Vorträge Räume an der Universität zur Verfügung zu stellen. In diesem Vortragszyklus waren unter anderem die Vorträge des Abgeordneten Doktor Karl Renner über „Nationalwirtschaft, Weltwirtschaft und Weltfriede" und der Abgeordneten Emmy Freundlich „Die Wdtwirtschaftskonferenz" vorgesehen. Während für die Vorträge des Direktors der Bundeserziehungsanstalt Erich Tesar „Schule und Friede" und des Paul K e r y „Der Krieg der Zukunft" vom Rektorate die angesprochenen Hörsäle zur Vorfügung gestellt wurden, hat sich das Rektorat außerstande erklärt, den Vorträgen des Abgeordneten Dr. Renner und der Abgeordneten Freundlich die gleiche Begünstigung zuteil w>e r den zu lassen. Als Grund für diese Stellungnahme wird angegeben, daß Abgeordneter Renner im Jahre 1925 die Universität in einer heftigen Parlamentsdebatte a!is „Mörderzentrale" bezeichnet habe, während die Abgeordnete Freundlich bei einem seinerzeit an der Hochschule für Welthandel gehaltenen Vortrage Unruhe erweckt habe. Nichts wäre daher aufreizender als ein Vortrag dieser Dame über „Die Weltwintschaftskonferenz". Das Rektorat geht konsequent vor: Duldung der antisemitischen Plakate, die nicht als aufreizend befunden werden, Verbot pazifistischer Vorträge, die als aufreizend bezeichnet werden; Einrichtung von Schießstätten zur Wehrhaftmachung der Studentenschaft und Einstellung der internationalen Hochschulkurse, die zur zwischenstaatlichen Verständigung beitragen könnten. Welches aber ist das Ziel, das mit solcher Konsequenz verfolgt wird? . . . Alle, die an die Jahre des furchtbaren Völkermordens noch nicht ganz vergessen haben, schaudern zurück bei dem Gedanken an das Meer von Blut und an das Meer von Tränen! N. B. Die Zuschrift des Rektors an die Deutsch-Demokratische Hochschüler-Vereinigung hat in der breitesten Oeffentlichkeit lebhaften Widerhall gefunden und beinahe sämtliche Wiener fortschrittlichen Tageszeitungen ohne Unterschied der Parteirichtung haben sich eingehend mit ihr beschäftigt. So konnte auch die jüdischnationale „Wiener Morgenzeitung" nicht gut aus und sie brachte am 13. d. M. einen längeren Artikel über den „Anschlagkastenskandal". In diesem Aufsatz wird von einer „Zuschrift des Rektors, die als Antwort auf die Beschwerden gedacht ist", von einem „Ansuche n", die kompetenten Personen zur Rechenschaft zu ziehen, von einer „Beschwerde über eine Rede des Studentenführers Körber" und so weiter gesprochen, m i t keinem einzigen Worte aber wird in dem ganzen langen Artikel erwähnt, wer „angesucht" und sich „beschwert" und wer daraufhin die „Zuschrift des Rektors, die als Antwort gedacht ist", erhalten hat. Ist dieses Verhalten verständlich? O ja, denn es gilt, eine aktive Studentenvereinigung aus einem feindlichen politischen Lager zu verbergen, dessen Existenz unsere Jüdischnationalen immer wieder verleugnen. Daß nur ja die p. t. Leser nichts erfahren! Darum blauweiße Scheuklappen her! Die Botschaft. Die Monarchie ist für uns nur mehr eine historische Erinnerung und wie wir als gute Republikaner hoffen wollen, eine bleibende Erinnerung. Das hat zur Folge, daß jetzt nicht mehr so viele Botschaften eigener und fremder Souveräne an die eigenen oder fremden, stets aber „allezeit getreuen" Untertanen gerichtet werden. Die verschiedenen Potentaten hatten nämlich die angenehme Gewohnheit, bei ihren gegenseitigen Besuchen, während welcher „die herzlichsten Freundschaftsbezeugungen ausgetauscht" und „die innigen Beziehungen vertieft und erweitert wurden", vorgedruckte Begrüßungsformulare mit höchst eigenem Namen zu unterfertigen: „Beim Betreten des Hoheitsgebietes meines lieben Freundes (und Bundesgenossen) Se. Majestät X. Y. ist es mir ein Bedürfnis .. . zu begrüßen . . .". „Beim Verlassen des gastfreundlichen Bodens usw. wie oben ... die herzlichsten Abschiedsgrüße an das treue, stolze, tapfere, pflichtbewußte usw. Volk ... zu richten." Die treuen (stolzen, tapferen, pflichtbewußten usw.) Untertanen nahmen selbstverständlich diese Botschaften „An Meine (Deine, Seine) Völker!" mit der gebührenden Hochachtung entgegen und freuten sich darüber sehr. Da also in den gegenwärtigen republikanischen Zeiten mangels von Fürstenbegegnungen nicht mehr so viele allerhöchste Botschaften, wie der terminus technicus lautet, „herabgelangen", klafft in dieser Hinsicht eine bedauerliche Lücke. Um so höher schlagen die Herzen des noch immer treuen (stolzen, tapferen, pflichtbewußten usw.) Volkes, wenn es ab und zu, sei es auch von ganz linksstehender Seite, an die allerhöchsten Gewohnheiten selig entschwundener Zeiten erinnert wird, So hat beispielsweise der englische Arbeiterführer Colonel Wedgwood, der unlängst als Gast der zionistischen Organisation in Wien weilte, bei seiner Abreise nach Frankfurt a. M. folgende Abschiedsbotschaft „An die Wiener Juden!" herabzulassen geruht: „Bevor ich eure gastfreundliche Stadt verlasse, habe ich das Bedürfnis ... aus vollem Herzen zu danken ... an die Pflicht zu erinnern usw." Auf diese allerhöchste Abschiedsbotschaft des englischen Arbeiterführers gäbe es unseres Erachtens nur eine Antwort: „Hurra! Hurra! Hurra!" Aber, Spaß bei Seite, die Wiener Juden, „ob reich, ob arm", haben es gar nicht notwendig, von Colonel Wedgwood an ihre Pflicht erinnert zu werden, sie kennen ihre Pflichten ganz genau und hätten gerne auf die ein bischen aufdringlichen Ermahnungen des englischen Sozialisten verzichtet. Doch ebensowenig als sich in früheren Zeiten hohe Herrschaften, bzw. deren mehr oder weniger verantwortliche Minister darum kümmern zu müssen glaubten, ob das treue (stolze, tapfere, pflichtbewußte, halbverhungerte, zum Kriegsdienst gepreßte, Kriegsanleihe zeichnende usw. usw.) Volk mit der nötigen Befriedigung die Botschaften aufnimmt, ebensowenig scheinen sich heute Arbeiter- und sonstige „Volks'iührer (der englische bildet nämlich hierin durchaus keine Ausnahme) um die wahre Stimmung des von ihm begrüßten, beglückwünschten und bedankten Volkes zu kümmern. „An die Wiener Juden! Ihr habt eure Pflicht zu tun!" Und damit basta! Und noch ein kleiner, nahezu ganz unwesentlicher Irrtum ist Herrn Wedgwood unterlaufen. Dort nämlich, wo er von der Pflicht der Wiener Juden spricht, das Palästina-Aufbauwerk zu unterstützen, dort sagt er: „In Palästina bauen die jüdischen Pioniere Eure Heimstätte". Wäre Herr Wedgwood während seiner kurzen Anwesenheit in Wien nicht in solchem Maße durch offiziellen und inoffiziellen Empfang in Anspruch genommen gewesen, dann hätte er sicherlich Gelegenheit gefunden, sich darüber zu informieren, daß die Heimstätte der Wiener Juden Wien ist. Er wäre auch sicherlich über diese merkwürdige Tatsache nicht allzusehr erstaunt gewesen, nachdem er als englischer Politiker auch in Erfahrung gebracht haben dürfte, daß die Heimstätte der Londoner Juden London, der Liverpooler Juden Liverpool ist usw. Der österreichische Jude liebt seine Heimstätte und sein Heimatland ebenso wie der englische Jude, dem er an Vaterlandsliebe in nichts nachsteht. Das hindert ihn aber ebensowenig wie seine englischen Glaubensbrüder sich der gemeinsamen Pflichten zu erinnern, die ihm sein Judentum auferlegt, insbesondere auch der Pflicht, jene vom Schicksal schwer getroffenen Brüder, die nirgendswo anders eine Heimstätte finden können oder finden wollen als im Lande der Väter, nach besten Kräften und nach Maßgabe der eigenen Mittel zu unterstützen. Dazu braucht er nicht erst durch Abschieds¬ oder sonstige Botschaften Außenstehender ermahnt zu werden. Denn die Zeit der Botschaften, Manifeste und allerhöchsten Handschreiben ist, soweit Oesterreich in Frage kommt, Gott sei Dank, vorüber. Die Zeit ist schwer, die Konkurrenz ist groß, nur die Tüchtigsten ringen sich durch. Die „Dötz" ist dieser Inflation an antisemitischer „Literatur" zum Opfer gefallen, der „Volkskampf" und „Der eiserne Besen" suchen sich zu überbieten. Da tritt neue Konkurrenz auf und es wäre wirklich am Platze, daß die obgenannten Blätter gegen diese wegen unlauteren Wettbewerbes vorgehen. Ein Mann namens Dr. Karl H ü b e 1, Rechtsanwalt in Wien, belästigt die Oeffentlichkeit mit einer „Einladung zum Vorzugspreisbezuge" zweier Bücher, die auf einem geistigen Niveau stehen, das durch die Kapiteltitel hinlänglich gekennzeichnet wird. (Der Wiener Rechtsanwaltskammerpräsident — ein galizischer Winkelschreiber, ostjüdische Bocher als Hochschulprofessoren . . . .) Also, ein vorsichtiger Jurist ist dieser Mann, das muß man zugeben, es ist ihm gelungen, die Bücher so einzurichten, daß sie, im Falle gerichtlichen Belangtwerdens, durch ihren Stil und Inhalt einen Freispruch gewähren, durch den gelieferten klaren Beweis für das Vorhandensein eines Strafausschließungsgrundes. Wenn dieser Herr auch nicht Deutsch kann, zeigt er doch geschichtliche Kenntnisse wie „Diese Zeit ist Menschenwerk derer, die gestern lebten, als es noch keine Bastarde, keine Juden gab". In diesen „Werken" gruppiert derselbe großzügig Heine, Marx, Einstein, Max Adler. Kelsen, Fritz Mauthner, um dann plötzlich auch Hermann Bahr und Gerhart Hauptmann dazuzuwerfen. Ein recht hübsches Milieu für Hans Kelsen, den Schöpfer der Verfassung, „die dümmer ist als aller Aberwitz". Es ist der Geist der Akademiker einer Hochschule, wie sie von seinen „Kommilitonen" gefordert wird, die aus dieser „Arbeit" spricht. Alles in allem recht erheiternd, aber man soll nicht lachen, aus demselben Grunde nicht, aus dem man einen Menschen einer Krankheit wegen nicht verlacht, Dr. Hans Kronengold.