Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064307--15209-3087980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Hill IIHUIIi«^ DIE WAHRHEIT hänger im IX. Bezirke. Börserat Ignaz Glück sprach, lebhaft begrüßt, als Obmann der Organisation der Tempelvereine zu den Ausführungen Dr. Tichos über diese Körperschaften und bemerkte, daß dieselben opferwillig die „Doppelbesteuerung" auf sich nehmen, da sie selbstverständlich ihrer Muttergemeinde in ihren schweren Zeiten gerne helfen wollen. Er streifte hierauf den von den Tempelvereinen eingeführten Jugendgottesdienst und Religionsunterricht in den Bibelschulen, bei welchen Einführungen es eigentlich die Aufgabe ist, auch die Eltern mitzuerziehen, was teilweise gelungen ist, denn die Eltern kommen heute gerne mit zu allen Jugendveranstaltungen. Mit solchen Erfolgen kann man zufrieden sein und wenn gar noch die Anerkennung anderer Organisationen nicht ausbleibt, dann ist man für sein nicht leichtes Wirken vollauf befriedigt. Der Redner unterstrich sodann die besondere Wichtigkeit der bevorstehenden Nationalratswahlen, zu denen auch Herr Kommerzialrat Alexius S a 1 z e r einige mit stürmischem Beifall aufgenommenen Ausführungen machte. Er betonte, daß die Frage der Stellungnahme zu diesem wichtigen Ereignis noch wohl zu erwägen ist und auch im Kreise der „Union" erwogen »wird, daß man sich aber hier von keinen demagogischen Schlagworten, von welcher Seite immer, beirren lassen dürfe. Redner ging hierauf das gefährliche Streben beinahe aller Parteien in dieser Hinsicht durch und führte aus, daß nur jene Partei unsere Unterstützung finden könne, die das Ansehen und die Ehre des angegriffenen Judentums restlos wahren wird. Herr Moritz Oesterreicher schloß mit Dankcsv/orten an die Redner die Versammlung der Ortsgruppe. 80. Geburtstag. Am 15. d. M. feierte Herr Bernhard Kohn in voller geistiger und körperlicher Frische seinen 80. Geburtstag und war aus diesem Anlasse Gegenstand vieler herzlicher Glückwünsche, die seine namentlich im 9. Bezirke besonders große Beliebtheit bewiesen. Auch die „U n i o n deutschösterreichischer Juden" befand sich unter den Gratulanten, denn der Jubilar gehört ihr seit ihrer Gründung — also mehr als 40 Jahre — an und ist auch heute noch im Ausschusse der Mitgliedschaft Aisergrund der „Union" aktiv tätig. Gelegentlich der letzten Sitzung dieses Ausschusses am 10. d. M. gratulierte der Obmann der Mitgliedschaft IX Herr M. Oesterreicher namens derselben Herrn B. Kohn sehr herzlich, für die Gesamtvereinigung beglückwünschte Herr Präsident Dr. J. O r n s t e i n den Jubilar brieflich. Die Redaktion der „Wahrheit" schließt sich aus vollem Herzen den zahlreichen Gratulanten an. An unsere Mitglieder! 1. Werbung: Die Arbeit, die unser Verein leistet, ist um so wirksamer, je mehr Mitglieder wir haben; jedes neue Mitglied ist ein neuer Weg, auf dem unsere Aufklärung vordringen kann. Deshalb: Werbet neue Mitglieder! Werbeblätter, aus denen die Ziele unseres Vereines ersichtlich sind, stehen gerne kostenlos zur Verfügung. Auf Wunsch versenden wir auch Werbematerial an aufgegebene Adressen. 2. Mitarbeit: Wir bitten unsere Freunde, uns in unserem Kampf durch Mitteilung über alle in unser Tätigkeitsgebiet fallende Ereignisse zu unterstützen. Rechtzeitige Mitteilung an uns erleichtert uns unsere Arbeit. 3. Mitgliedsbeitrag 1927. Unsere geehrten Mitglieder bitten wir, ihren Mitgliedsbeitrag für das Geschäftsjahr 1927 möglichst umgehend an uns einzusenden. (Postsparkassenkonto 9464.) Der Mindestbeitrag beträgt sechs Schilling. In Anbetracht der uns durch die derzeit besonders rege Versammlungstätigkeit entstehenden Mehrausgaben bitten wir alle leistungsfähigen Mitglieder dringend um freiwillige Spenden für den „Vortragsfonds". Der Zentralvorstand der „Union deutschösterreichischer Juden", Wien EL, Berggasse 4 »•••©•••••©«©•©©«•©©©•s \ y ................................................................ \ { ^..Wateheitm vom (Tage Aufreizende Plakate und pazifistische Vorträge. Sie haben eigentlich nichts miteinander zu tun, stehen aber im örtlichen und zeitlichen Zusammenhang zueinander. Ersterer ist dadurch gegeben, daß es sich um die Wiener Universität handelt, letzterer wird durch gleichzeitige Enunziation des Rektorates hergestellt. Man könnte hier wohl von einem Gesetz der Serie sprechen, wobei aber weder an die Serie aufreizender Plakate gedacht ist, welche an unserer Alma mater aufgehängt sind, noch auch an die Serie von pazifistischen Vorträgen, welche an derselben Hochschule hätten stattfinden sollen, sondern an die Serie der unliebsamen Vorfälle, durch welche die Wiener Universität teils mit Verschulden, teils ohne Verschulden des Rektorates noch immer im Mittelpunkte der öffentlichen Diskussion steht. Was die Plakate anbelangt, in weichen jüdische Studenten und Professoren in der gemeinsten Weise beschimpft und beleidigt werden und zwar ganz offen zu Judenverfolgungen aufgereizt wird, so findet sie der Herr Rektor Prof. M o 1 i s c h nicht so aufreizend wie alle übrigen, den deutschvölkischen Studenten nicht nahestehenden Kreise der akademischen und unakademischen Bevölkerung. Immerhin macht er der „Deutschdemokratischen Hochschülervereinigun g", die sich mit einer Beschwerde wegen der aufreizenden Plakate an das Rektorat gewandt hatte, in einem Antwortschreiben die Mitteilung, daß gegen die schuldtragenden Studierenden, die im Anschlagkasten des Nationalsozialen] Studentenblocks den Zeitungsausschnitt veröffentlichten, der eine grobe Beschimpfung der Juden darstellt, disziplinare Maßnahmen eingeleitet worden sind, die allenfalls auch auf andere beteiligte Studierende ausgedehnt werden. Das Ansuchen, jene Personen zur Rechenschaft zu ziehen, die darüber zu wachen hätten, daß die Universitätsvorschriften nicht verletzt werden, konnte nicht erfüllt werden, weil eine Kontrollpflicht für Organe der Universität nicht besteht. Die Beamten der Rektoratskanzlei können bei dem bestehenden Geschäftsumfange unmöglich mit einer solchen Pflicht betraut werden. Dagegen steht es. jeder Vereinigung, die sich durch irgendwelche Anschläge beschwert fühlt, frei, in jedem Falle Abhilfe zu verlangen. Betreffend die Beschwerde über eine Rede des Studentenführers Körber und den Artikel „Der Freiheitskampf der deutschen Studentenschaft gegen die jüdische Schande", wird festgestellt, daß Angriffe gegen das Professorenkollegium in der Rede nicht enthalten sind. Der Ausspruch „professorale Schande" ist redaktionell, so daß Körber dafür nicht venanwortlich ist. Hierzu wäre folgendes zu sagen: 1. Alle Anschläge müssen „vidiert" werden, also ist der, welcher sie vidiert, d. h. als zur Publikation in den Universitätsräumen geeignet befunden hat, mittelbar für diese verantwortlich. Wer hat dafür zu sorgen, daß die von den Universitätsbeihörden selbst gemachten Vorschriften über die Anschläge beachtet werden? Etwa die Studentenvereinigungen, denen es frei steht, in jedem Falle Abhilfe (!) zu verlangen? 2. Herr Körber hat in einer Rede, zu welcher ihm das Rektorat einen Hörsaal bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat, nichts von „p r o- •, fessoraler Schande" gesprochen („Der Ausspruch, professorale Schande ist redaktionell, so daß Körber dafür nicht verantwortlich ist.), er hat nur von „jüdischer Schande" gesprochen, d. h. er hat es jüdischen Professoren und Studenten als Schande angerechnet, daß sie jüdischen Stammes sind, und es als eine (nicht „professionale"!) Schande bezeichnet, daß sich unter den Hochschullehrern auch Juden und Judenstämmlinge befinden. Das aber findet der Herr Rektor ebensowenig aufreizend wie die Einrichtung von Schießstätten. Haß und Zwietracht säen, ist nicht aufreizend; Verleumdungen und Beleidigungen ausstreuen, ist nicht aufreizend; Studenten und Professoren beschimpfen, sie als Angehörige einer „Köterrasse" bezeichnen, ist nicht aufreizend. Aufreizend hingegen wirken nach Ansicht des Heinrn Rektors F!rffifc;d|feniS'v ort rage! Die österreichische Friedensgesellschaft hat nämlich an das Rektorat der Wiener Universität das Er- ]AC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien II., Glockengasse %i Wien II., Taborstraße 44