Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Veiöffentfitäungen der „Union deutdköstevweidnsdkev Juden" Wien IX. löerggosse % &ostst»*ww:fcimssen- Xomrto Jl*. 9*6* Sfe*. 19-2-71 „ Union "-Versammlung. Montag, den 14. d. M.. fand im großen Saale der Bezirksvertretung IX eine Versammlung der Mitgliedschaft Aisergrund der „Union" statt. Der Obmann dieser Ortsgruppe, Herr Moritz Oesterreicher, begrüßte die Anwesenden, vor allem den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Herrn' Professor Dr. Alois Pick, den Vizepräsidenten derselben und Präsidenten der „Union" Herrn Dr. Jakob O r n s t e i n, den Obmann der Organisation der Wiener Tempelvereine Herrn Börserat Ignaz Glück, die Bezirksräte Julius B e r g e r, Arnold N e u m a n n und S. W e i n e r, die Regierungsräte Dr. Emil Adler und Guido Fuchsgelb, Frau Bundesfürsorgerätin Ella Kr eis ler, die erschienenen Herren des Kultusvorstandes und des Zentralvorstandes wie des Ausschusses der Mitgliedschaft Aisergrund der „Union". Kultusvorstand Dr. Josef Tic ho erstattete ein sehr interessantes Referat über die Kultusgemeindeverwaltung, in dem er zunächst ganz allgemein von Verwaltung überhaupt sprach, die er als eine Geschäftsführung nach bestimmtem Plane definierte. Auch die Kultusgemeindeverwaltung ist nach einem wohldurchdachten Plane zu führen und Dr. Ticho umriß in seinen vorzüglichen Ausführungen denjenigen Plan, nach dem die derzeitige Majorität die Gemeinde zu lenken bestrebt ist. Er ging hierbei von dem Judengesetz vom Jahre 1890 aus, in dem die Kultusgemeinde als solche zum ersten Male in Erscheinung nach außen hin trat und in dem es als ihr ausschließlicher Zweck heißt, daß sie lediglich für die religiösen Bedürfnisse der Wiener Juden und für nichts anderes zu sorgen habe. Für diese Zwecke sei ihr eine eigene Autonomie gegeben worden und es sei also naturnotwendig, daß sie sich mit diesem Wirkungskreis zu bescheiden hat. Nun wird aber von gewisser Seite verlangt, daß sie darüber hinaus auch andere Dinge in ihr Tätigkeitsgebiet einbeziehe, daß sie statt Kultusgemeinde Volksgemeinde werde. Die Besprechung dieses Verlangens führte den Redner auf das politische Gebiet und er setzte hierbei auseinander, daß in allen europäischen Staaten heute die Juden nach dem Gesetz gleichberechtigt seien und deshalb nie und nimmer sich selbst mit einer minderen Behandlung bescheiden dürfen. Wenn uns auch zehnmal zugerufen wird, wir hätten als Fremde hier nichts zu suchen, müßten uns mit geringeren Rechten abfinden, so müssen wir hundertmal darauf antworten, daß dies unrichtig ist, daß wir, die wir die gleichen Lasten tragen, auch die in den Gesetzen verbürgten gleichen Rechte beanspruchen dürfen. Denn eure Gesetze sind unsere Gesetze, euer Vaterland das unsrige, euer Boden auch der uns teure Heimatboden. Davon lassen wir uns nicht abbringen und dieser Standpunkt muß auch für die Kultusgemeinde der naturgemäße sein. Diese Institution ist für nichts anderes da, als zur Befriedigung der religiösen Angelegenheiten der Juden; darum weg mit der Politik aus der Kultusgemeinde. (Stürmischer Beifall.) Ein gegenteiliger Standpunkt kann den Wiener Juden nur schädlich sein und daher darf die Kultusgemeinde kein Sonderparlament mit einer Sonderverwaltung werden, für die uns bewegenden politischen Fragen sind allein die gesetzlichen Institutionen maßgebend, in denen wir als vollberechtigte Staatsbürger mitberaten und mitbestimmen wollen. Auf einen Einwand eines Versammlungsteilnehmers, daß die gesetzlich verbürgte Gleichberechtigung in vielen Staaten, darunter leider auch bei uns, nur auf dem Papier existierte, antwortete Dr. Ticho treffend, daß sich die geschichtliche Entwicklung nie so rasch durchsetze, als man es selbst wolle; es ist z. B. noch gar nicht so lange her, daß die Protestanten aus Oesterreich vertrieben wurden, und niemandem wird es heute einfallen, deren staatsbürgerliche Rechte anzutasten. Ebenso datiert die Judenemanzipation erst ein halbes Jahrhundert her, als der Liberalismus in seiner Vollblüte stand, und es ist wohl bedauerlich, aber immerhin doch vom geschichtlichen Standpunkt erklärlich, daß sie noch nicht so ganz eingewurzelt ist. Wer aber kann mit Bestimmtheit erklären, daß sie in weiteren fünfzig Jahren nicht restlos durchgeführt ist, wie heute in Italien, England und Frankreich? Einer solchen Entwicklung sich hindernd in den Weg zu stellen, ist schädlich, und insbesondere darf die Kultusgemeinde hierzu nicht benützt werden. (Lauter Beifall.) Desto mehr hat sie sich um die Religion zu kümmern, denn das Judentum ist Religion und ohne Religion gibt es kein Judentum. Wie sich der einzelne hierzu stellt, ist nicht relevant, aber mit der Religion steht und fällt das Judentum. Die Kultusgemeinde hat daher die Aufgabe, alle Fragen vom Standpunkte der Religion aus zu behandeln, wobei zu bedenken ist. daß Religion zugleich etwas Hergebrachtes, Traditionelles ist. Demgemäß sind auch die Kultusangelegenheiten immer nur traditionell zu führen, ohne daß mit diesem allgemeinen Gesichtspunkt eine bestimmte Richtung bevorzugt werden müßte, vielmehr ist es Aufgabe, alle religiösen Richtungen restlos zu befriedigen. Dr. Ticho streifte ganz kurz das Verhalten der einzelnen Parteien zu diesem unseres Erachtens einzig möglichen Standpunkt und meinte, daß diejenigen Jüdischnationalen, die religiös in dem ausgeführten Sinne sind, gerne von uns als Mitarbeiter begrüßt werden, diejenigen aber, die abseits stehen und deren Bestreben einzig dahin geht, über die Kultusgemeinde hinaus eine Volksgemeinde zu gründen, die mit der Religion nichts anzufangen wissen und als R e 1 igionsersatz alle möglichen Dinge, die mit den Juden wohl im Zusammenhang stehen, nicht aber mit dem Judentum, einbeziehen wollen, deren Ansichten sind zu bekämpfen. Die Sozialdemokraten hinwiederum haben eigentlich gar keine Berechtigung in bezug auf Kultusangelegenheiten, sie sind mit sich selbst im Widerspruch, denn ihre Partei erklärt Religion als Privatsache und ist daher Gegner in der Organisation der Kultusgemeinde, aber auch die Volksgemeinde müßten ehrliche Sozialdemokraten ablehnen, und so wissen sie eigentlich nicht, was sie in der Kultusgemeinde machen sollen, wobei aber der Zustand heute der ist, daß die Sozialdemokraten stark zur Volksgemeinde gravitieren, da sie sich dort ein neues Betätigungsfeld erhoffen. Was die einzelnen Zweige der Tätigkeit der Kultusgemeinde anbelangt, so sprach Dr. Ticho zunächst von Kultus als solchen und erwähnte es hier als auffallend, daß beinahe der ganze Betrag der Kultussteuern fast ausschließlich für soziale Zwecke verwendet wird, was ja gewiß sehr schön und rühmenswert ist, aber immerhin ist zu bedenken, daß eigentlich Erziehung der wahre Kultus ist. Er sprach sodann von der vorbildlichen Tätigkeit der eigentlich „doppelt besteuerten" Tempelvereine in dieser Hinsicht und sodann von dem Gottesdienste, der traditionell zu führen sei, damit die Besucher, ob jung oder alt, ein stets gleichbleibendes geistiges Bild gewinnen. Dr. Ticho erwähnt in diesem Zusammenhange auch die Wiederbelebung des Jugendgottesdienstes, der in allen Bezirken große Erfolge aufzuweisen habe und dessen Frequenz in stetem Zunehmen begriffen ist. Auch des Religionsunterrichtes gedachte der Redner, wobei er für den öffentlichen die Forderung des Reichsvolksschulgesetzes nach sittlich-religiöser Erziehung der Jugend als Grundlage hervorhob. Man sollte es nicht glauben, aber es ist so, auch an den Religionsunterricht tritt leider Politik heute heran und dagegen ist anzukämpfen. Es ist vielmehr der Grundsatz zu vertreten, daß die Kinderangesichts der nicht hinreichenden Stundenanzahl zu unterweisen sind, daß sie verständig am öffentlichen Gottesdienste teilnehmen können, und daß ihre sittlichreligiöse Erziehung in wahrhaft jüdischem Sinne durchgeführt wird. Nun dann werden wir uns die Herzen der Kinder gewinnen. (Starker Beifall.) Herr Moritz Oesterreicher dankte dem Referenten für seine Ausführungen, wobei er betonte, daß diese nur einen Ueberblick über einen kleinwinzigen Bruchteil dessen darstellen, wofür unsere Herren des Kultusvorstandes zum Wohl ihrer jüdischen Mitbürger unermüdlich wirken, und versicherte diese unsere Mandatare der treuen Gefolgschaft ihrer An-