Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Von diesem Jörg-Toni könnte ich viel erzählen, ich will aber hier vorerst nur eine kleine Anekdote berichten. Es war im Dorfe bereits bekannt, daß ich früher geschrieben hatte; da kam der Jörg-Toni zu meiner Mutter und sagte ihr: „Edel" (das war der Vorname meiner Mutter), ich habe dich tragen wollen, ich hab' ein Enkele, der ist einer der besten in der Schule, der ist gar gut köpfet (hat einen guten Kopf), jetzt, wie ist's? Nimmt Dein Berthele nicht auch einen Lehrbuben an?" Ein andermal und viel früher hatte meine Mutter dem Jörg-Toni einen guten Rat geben können. Am Pfingsttag kommt der Jörg-Toni in unser Haus und sagt: Hat man je so was erlebt. Jetzt an Pfingsten hat's geschneit und die Zwetschkenbäume stehen in der Blust (Blüte). Ich komme eben aus dem Adler und die Mannen, die mit mir dort gewesen sind, sind alle hinaus und schütteln den Schnee von den Bäumen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Was meint jetzt Ihr? Der Vater zuckte die Achseln, die Mutter aber sagte: „Jörg-Toni, wenn man den Schnee abschütteln könnte, ohne daß dabei die Blüten abgehen, dann wär's schon recht, aber so, wenn du den Schnee abschüttelst, bekommst du ganz gewiß keine Zwetschken, wenn du ihn aber liegen und zergehen lassest, wer weiß! Der da über uns, der den Schnee hingelegt hat, wird ihn auch wieder wegtun; laß ihn nur dafür sorgen." Der Jörg-Toni folgte dem Rat der Mutter. Im Herbste hatte er einzig und allein im Dorfe Zwetschken und er brachte uns davon. Noch heutigen Tages wird die Geschichte neben vielen anderen im Dorfe von meiner Mutter erzählt. Glossen. Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" kann nicht mehr als Morgen-, sondern nur noch als Abendblatt erscheinen. Sie tröstet sich und ihre eiligst verschwindenden Leser mit der Versicherung, das sei nur ein scheinbarer Rückschritt, bei dem keiner verliere. Das letztere kann schon richtig sein. Die „Dötz" hatte die merkwürdige Fähigkeit, die aufreizende Ritualmordhetze mit der Verbreitung maßloser Langweile zu vereinen, die man darum keine mörderische nennen darf, weil sie sich damit begnügte, ihre Opfer in die Flucht zu jagen. Das von einem vielgelesenen Blatte verzeichnete Gerücht, daß die „Dötz" bereits entschlafen sei, war falsch; es lag offenbar eine Verwechslung mit einem Leser des Blattes vor. Als spät erscheinendes Abendblatt wird die „Deutschösterreichische Tageszeitung" manchem an peinlicher Schlaflosigkeit Leidenden vielleicht nützlich sein und somit doch irgendwie dem einen oder anderen Bedürfnis entgegenkommen. * $ * Die akademischen Behörden haben oft zu hören bekommen, sie seien allzu nachlässig gegenüber dem Treiben der Hakenkreuzler, das der Würde der Universität Abbruch tut. Diese Vorwürfe sind doch nicht ganz wirkungslos verhallt. Der Herr Rektor hat endlich in einer offiziellen Kundmachung einige Verfügungen mitgeteilt, die er zur Wahrung der Würde der Universität getroffen. Er hat unter anderem ein Ansuchen der österreichischen Friedensgesellschaft, ihr Räume der Universität zur Abhaltung von zwei Vorträgen zu überlassen, abgelehnt. Und zwar aus Rücksicht auf die Würde der Universität. Dr. Renner, der im Vorjahre einen scharfen Ausfall auf die hakenkreuzlerische Studentenschaft machte, die ihre Zentrale in dieser Üniversität hat, wird nicht daselbst den Vortrag über „Nationalwirtschaft" halten dürfen. Frau Ernmy Freundlich, die schon einmal an der Hochschule für Welthandel durch einen Vortrag den Hakenkreuzlern Anlaß zu Unruhen gab, wird nicht über „Weltwirtschaftskonferenz" sprechen. Oberflächliche Beurteiler werden vielleicht geneigt sein, auch hier nur eine Schuld der Hakenkreuzler zu erkennen; ihnen freilich wird auch die Weisheit, die in den Maßnahmen des Herrn Rektors nach Ausdruck ringt, ewig ein Geheimnis bleiben. Tiefer Blickende aber werden es voll Bewunderung begreifen, daß, wer alles aus dem Wege räumt, was möglicherweise auch nur im geringsten das Mißfallen der p. t. hakenkreuzlerischen Studenten erregen könnte, das sicherste Mittel gefunden hat, Exzesse vorzubergen, die die Würde der Universität schädigen. * * * * Die schon bei früheren Anlässen bewährte vornehme Zurückhaltung, die sich der Herr Rektor auch in dieser Kundmachung auferlegte, um ja nicht die hakenkreuzlerischen Jünglinge zu unbesonnenen Entgegnungen zu reizen, die wieder nicht der Würde der Universität entsprächen, ist unverkennbar. Man wird sie um so mehr nach Gebühr würdigen, wenn man eine Aeußerung ihr gegenüberstellt, zu der sich — welch pikanter Zufall — gerade zur selben Zeit ein berühmter Gelehrter, Professor Baudoin de Courtenay, in einer kürzlich ins Leben getretenen liberalen polnischen Monatsschrift hinreißen ließ. Ueber den Antisemitismus sagt dieser Gelehrter aus: „In einem Lande, in welchem Menschen nicht nach ihren persönlichen Verdiensten, sondern nach ihrer Konfession oder Abstammung qualifiziert werden, blüht und herrscht eine geistige Idiotie, die keinerlei geistige Ueberlegenheit oder die Kraft wissenschaftlichen Denkens, weder künstlerisches Schaffen noch bürgerliche Leistungen anerkennt... Die höchste Intelligenz des Volkes, die gelehrten Professoren erfinden, weil sie nicht den Mut besitzen, zuzugeben, daß die Juden ihres Judentums wegen verfolgt werden, allerlei Vorwände, Ausreden und Verdrehungen". Wie undiplomatisch klingen diese hart zugreifenden Ausdrücke des Franzosen neben der zarten, feinfühligen Sprache des Deutschen! Kein Wunder, wenn ein Antisemit für diese Charakteristik des Antisemitismus auch nur die Antwort hätte, daß der Stammbaum des Mannes, der sie gegeben, untersucht werden müsse. «■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■HMUMH^ Einladung- " zu der vom g Verein Blhhur Choullm, Wien IX. ■ Donnerstag, den 24. Februar, 9 Uhr abends, in den Prachtlokalitäten 5 des Etablissement zum „tilge COttes", IX., Nußdorferstraße 75 ■ veranstalteten ■ AKADEMIE MIT TANZ j unter Mitwirkung erstklassiger Kunstkräfte. 5 Die Tanzmusik besorgt die bestbekannte Kapelle QeUer, ■ unter persönlicher Leitung des Musikdirektor Max GEIGER | ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■«■■■■■■S