Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Mmu^^ $eite 5 Als britischer Resident in Transjordanien verteidigte er — einzig und allein von Sir Herbert Samuel unterstützt — fanatisch die Unabhängigkeit dieses politischen Spottgebildes gegen 'die vernünftigen Pläne der christlichen Beamten der Palästina-Regierung, die Transjordanien Palästina so unterstellen wollten, wie es heute, nach Herbert Samuels und Philbys Abgang, auch tatsächlich geschehen ist. Und jetzt sitzt Philby wieder in Djidda, als kluger, heimlicher Berater des Königs Ibn Sand, dem er davon erzählt, wie es sein würde, wenn einst Ibn Sand sein Szepter über Damaskus und Bagdad halten würde. Noch ist Philbys Rolle nicht zu Ende. Wer sein glänzendes Buch liest, soll sich nicht nur an seinen Schilderungen und Photographien erfreuen, sondern soll beachten, daß der Mann, der das Buch geschrieben hat, noch immer ein politischer Faktor ist, mit dem die Welt des Orientes wird rechnen müssen. Denn — er ist der Freund Ibn Sauds, des Fürsten der Wahhabiten, des Königs des geheimisvollen Arabien. Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n[vr a 1 d. Geschichten meiner Mutter. Von Berthold Auerbach. Wenn mir bei echten Menschen wohl und heimisch ist, erzähle ich gern von meiner Mutter. Mein Vater starb 1840, meine Mutter 1852. Wir waren elf Geschwiter, sechs Schwestern und fünf Brüder. Meine Mutter hat von uns allen Enkel erlebt. Als wir Geschwister noch alle zu Hause waren, gab es natürlich auch Reibereien und Streitigkeiten unter uns und da erzählte die Mutter gern eine Geschichte. Sie hatte in ihrer Jugendzeit viel im Hause des Rabbi Jehuda, gelebt, der neben meinem großelterlichen Hause, dem Gasthofe zum Ochsen, in Nordstetten wohnte. Wenn meine Mutter den Namen des Rabbi nannte, verbeugte sie sich stets ehrfurchtsvoll und sagte die üblichen hebräischen Worte, die in deutscher Sprache lauten: „Das Andenken der Frommen^ sei gesegnet." Wenn wir Geschwister also in Streit geraten waren, sagte sie: „Kinder laßt euch erzählen, was ich von Rabbi Jehuda, gesegnet sei sein Andenken, gehört habe. Auf dem Grund und Boden der Geschwisterliebe ist der heilige Tempel zu Jerusalem erbaut worden. Als König Salomo den Tempel bauen wollte, lag er eines Nachts unruhig in seinem Bette und konnte nicht schlafen. Denn er wußte nicht, wohin er den Tempel bauen sollte. Da rief ihm eine Stimme vom Himmel zu: „Steh' auf und geh' hinauf auf den Berg Zion, da ist der Boden. Dort haben zwei Brüder Aecker neben einander; der eine ist reich und hat viele Kinder, der andere Bruder ist arm und hat kleine Kinder. Sie haben heute am Tage geerntet und Garben gebunden und jetzt in der Nacht steht der arme Bruder am untern Ende seines Ackers und denkt: mein Bruder ist zwar reich, aber er hat so viel Kinder, ich will ihm von meinen Garben geben. Der reiche Bruder steht am obern Ende seines Ackers und denkt: Ich habe zwar viele Kinder, aber mein Bruder ist so arm, ich will ihm von meinen Garben geben. Geh' hinaus und Du wirst sehen. König Salomo ging hinaus und da sah er, wie der eine Bruder am oberen Ende Garben herüber schob und der andere Bruder am unteren Ende Garben hinüber schob. König Salomo hat die Aecker erworben und darauf den Tempel gebaut. Kinder merkt euch das: Auf Grund und Boden der Geschwisterliebe ist der Tempel Zion erbaut worden. Mein jüngster Bruder Julius war als Arzt nach Amerika ausgewandert. Er schrieb der Mutter oft, er werde ihr etwas schicken. Da er das Versprechen oft wiederholte, schrieb ihm die Mutter einen Brief. (Sie konnte nicht in deutscher Schrift schreiben, sie schrieb deutsch mit hebräischen Buchstaben.) Der Brief lautete ungefähr: Lieber Sohn Julius. Du schreibst mir, daß du mir etwas schicken willst. Ich will die ein Rätsel (so nannte sie eine Parabel) erzählen: Es war einmal ein König, der ging mit seinem Hofstaat auf die Jagd. Auf einem Berge ließ er sich eine Mahlzeit herrichten und da sah er einen Hirten im Tal bei seiner Herde. Der König schickte einen Hofbedienten zu dem Hirten, er solle kommen und mit dem König speisen. Der Hirte ließ sagen, er bedanke sich recht schön, könne aber heute nicht kommen, denn er habe heute Fasttag. Da schickte der König wieder und ließ sagen, er solle heute essen und morgen fasten: und da ließ der Hirte sagen, der König soll mir als gewiß versprechen, daß ich morgen noch leben werde. Deine getreue Mutter Edel. * * * Eine wundersame Geschichte, deren Ursache die Mutter war, hat sie nicht mehr erlebt, aber sie mag doch erzählt werden: Ein Brudersohn der Mutter, der das Metzgerhandwerk bei seinem Vater erlernt hatte, war nach Amerika ausgewandert und seit vielen Jahren verschollen. Eines Tages aber erschien er im Dorfe und bewies, daß er so wohlhabend als wohltätig sei. Der Vetter war ein kräftiger Mann. Er sprach sehr wenig und hatte eine Art spanisch vornehmer Haltung, denn er kam aus dem spanischen Amerika: er wollte die Heimat noch einmal sehen und sie auch seiner Frau zeige. Diese war eine dunkelfarbige Kreolin von schwachem Körperbau, und wenn der Vetter ihr sagte: Manuela, dieser Mann, diese Frau ist so und so mit mir verwandt, dann umarmte und küßte Manuela den Vorgestellten und weinte dazu, indem sie anzeigte, daß sie leider keine andere Sprache als Spanisch verstehe. Eines Tages sagte mir der Vetter: Ja, es ist mir gewiß hart, daß ich meine Eltern nicht mehr am Leben gefunden habe, aber fast ebenso hart ist es mir, daß deine Mutter nicht mehr lebt, denn ihr verdanke ich mein Schicksal. Du weißt, mein Vater war der Bruder deiner Mutter, und als ich zur Auswanderung gerüstet von Eltern und Geschwistern begleitet an deinem Elternhaus vorüberkam und deiner Mutter lebewohl sagen wollte, rief sie mich ins Haus, legte mir mit einem Segensspruch die Hand auf den Kopf, dann gab sie mir etwas in Papier Gewickeltes und Versiegeltes und sagte: „Heb' das gut auf, öffne es nicht, sondern gib es da, wo du bleiben willst, dem ersten Armen, der dir begegnet und dich um eine Gabe anspricht. Beachte das fest und es wird dir gut gehen." Unterwegs erklärte der Lehrer, der mich auch begleitete, daß diese Mitgabe eine alte Sitte sei, die ebenso fein gefühlt als klug ausgedacht ist; denn wer eine Gabe bei sich trägt, die zur Wohltat bestimmt ist, wird damit ein Sendbote des Guten, und die bösen Mächte haben keine Gewalt über ihn. Ich vergaß natürlich bald dies wie anderes. Ich kam in die neue Welt. Es ging mir schlecht. Ich ließt mich als Soldat in Mexiko anwerben; wollte ich aber erzählen, was ich erlebt habe, ich würde in Tagen nicht fertig. Ich desertierte mit vier anderen Deutschen. Wir bemächtigten uns eines Kanoe und fuhren einen Strom hinunter — ich weiß den Namen nicht: — aber das Boot schlug um. wir stürzten alle ins Wasser. Was aus meinen Kameraden geworden ist, weiß ich nicht; ich rettete mich ans Land, wanderte Tage lang in tiefem Elend durch die Wälder, kniete vor den Hütten der Wilden nieder und legte beide Hände zusammen; ich erhielt Speise und Trank. Ich kam ans Meer und verdingte mich als Schiffskoch. Ich kam nach Buenos-Ayres, ich fand keine Arbeit, verzweifelnd ging ich durch die Straßen; da sprach mich ein Bettler um eine Gabe an, und jetzt, jetzt fiel mir die Mitgabe deiner Mutter ein: ich fand sie noch und händigte sie dem Bettler ein. Plötzlich entstand ein großer Auflauf, der Bettler zeigte den Umstehenden, was ich ihm geschenkt, es war ein Vierteldukaten. Er brachte mir das Geld wieder, ich hätte mich wohl geirrt, ich verneinte. Ein mit zwei stattlichen Pferden bespannter Wagen fuhr heran. Im Wagen saß ein vornehm aussehender Mann. Er stieg aus und fragte, was da vorgehe und ich erzählte ihm alles; er fand es ehrenhaft, daß ich in meiner Not die Mitgabe nicht für mich verwendet habe, und als ich ihm auf seine Frage erklärte, daß ich als Koch einen Dienst gesucht habe, eigentlich aber das Metzgerhandwerk erlernt hätte, lächelte er und sagte, da käme ich an einen rechten Mann. Er selber war der Besitzer des größten Schlachthauses, und wenn ich dir sagen würde, wie viel Ochsen und Rinder und Schafe da geschlachtet werden, würdest du es als Prahlerei halten; kurzum, der Mann nimmt mich in sein Haus und Manuela ist seine Tochter, ich wurde der Schwiegersohn. Nun denke dir, die Freude deiner Mutter, wenn ich ihr das alles hätte erzählen können! Ja, daß meine Eltern tot sind, ist hart, aber daß deine Mutter tot ist, ist es mir nicht minder. * * Und nun schließlich noch die Geschichte der Jörg-Toni. Der Jörg-Toni war ein großer, hagerer Bauer, der im oberen Dorfe wohnte, links das Pfarrerschneidele, der Vater der Kreszenz, rechts der rote Schuhmacher. Der Jörg-Toni war ein angesehener Mann und war Heiligenpfleger, das ist Verwalter des Kirchenguts. Der Jörg-Toni war ein besonderer Freund meiner Eltern, er schnupfte gern aus der silbernen Dose meines Vates und besprach dabei die Welthändel.