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Die Wahrheit · 1927-02-18 · Heft 8 (18.2.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 8 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 110! MDB t>m WAHfiHmt werden. Auch die oft in Privatbesitz bei den Nachkommen der Mohelim befindlichen Mohelbücher, die lange Zeit einen nur notdürftigen Ersatz für eine Matrikelführung bildeten, wären wenigstens zu registrieren und damit der genealogischen Forschung zu erschließen. Und solche Vorarbeit würde auch die Arbeit an der Familiengeschichte eines großen Teiles der Wiener Juden und an der Lokalgeschichte überhaupt ermöglichen. In der Gattendorfer Synagoge befindet sich nicht nur das Archiv in dem oben angedeuteten Zustand, sondern auch die erst seit dem Jahre 1861 bestehende Synagoge, die in der Nähe des früheren Judenhofes als einfacher Rohziegelbau errichtet wurde, weist ein trauriges Bild des Zerfalles auf. Schon der hölzerne Zaun, der den Vorhof von der Straße trennt, ist vielfach durchbrochen, das Mauerwerk stark beschädigt und abgebröckelt und im Innern wölbt sich über dem sonst freundlichen und würdigen Raum, in dessen Mitte ein schöner Almemor steht, an Stelle einer Kuppel ein aus rohen Brettern notdürftig gezimmerter Plafond, der seit Jahresfrist die frühere Decke, die bereits einzustürzen gedroht hatte, ersetzen muß. Die Gattendorfer Gemeinde ist von altersher dem Rabbinat der nahen Gemeinde Kittsee, die zu den Schewa KehiUoth gehört und hervorragende Gelehrte zu ihren Rabbinern zählt, unterstellt. Als jedoch die neue Synagoge in Gattendorf errichtet wurde, berief man den greisen Prediger Mannheimer aus Wien als den repräsentativsten Vertreter der Juden unserer Gegend zur Einweihung und er kam auch unter dem größten Aufsehen, da Gattendorf noch keine Bahnverbindung hatte, in einem Wagen über Bruck. Jedenfalls zeugt diese Tatsache für den gesunden Sinn der damaligen Juden, da heutzutage kaum noch eine orthodoxe Gemeinde einen Mannheimer zur Einweihung ihrer Synagoge berufen würde. Ueber der aus der Vorhalle in den Innenraum der Synagoge führenden Tür ist eine Gedenktafel angebracht, die besagt, daß eine gewisse Elisabeth Retichmann aus Wien durch ihre Sammeltätigkeit den Bau des Gotteshauses ermöglicht habe. Vor der heiligen Lade befindet sich ein schöner Samtvorhang, der in Goldstickerei ein Bild der Thoravorlesung, rechts und links davon Moses mit den Gesetzestafeln und Ahron mit dem Räucherwerk, darunter Moses am Felsen, die zehn Plagen usw. aufweist. Der Friedhof liegt eine Viertelstunde von Gattendorf entfernt, von dichten Hecken umgeben. Er ist mindestens hundertfünzig Jahre alt und die Eheleute Neumann in Wien, die aus Gattendorf stammten, haben zu seiner Erweiterung beigetragen; aber er war auch immer uneingezäumt und ungeschützt gewesen, bis er vor kurzem ein Drahtgitter erhielt Die zum Teil von fast undurchdringlichen Gestrüpp umgebenen Grabsteine weisen Namen von Familien auf, die man heute in Gattendorf vergebens suchen würde. Sie sind längst nach Wien oder Preßburg, wenn nicht gar nach Budapest abgewandert. Eine von diesen Familien führt den Namen Materna, der wohl von dem schon in der Salfeldschen Ausgabe des Nürnberger Memorbuches vorkommenden Frauennamen Matrona hebräisch abgeleitet sein dürfte. Nach Borries („Ueber die älteren Straßburger Famdliennnamen" im Jahrbuch für Geschichte Elsaß-Lothringens, XV, 1899, S. 185) ist übrigens auch der Heiligenname Maternus als Familienname im Elsaß gebräuchlich und bildet so ein Gegenstück zu dem jüdischen Familiennamen Materna. Eine andere Gattendorfer Familie trägt den nicht weniger interessanten Namen Justitz, der wahrscheinlich auf den Vornamen Justus (Hebräisch: Zadok) zurückzuführen ist, und so kann man auch hier eine Fülle anregender Dinge finden, die unsere Kenntnis um unser eigenes Sein vermehren. (Fortsetzung folgt.) AKademisdier Bauingenieur j vollkommen vertraut in Eisenbahn Straßenbaui Tiassierungs- und geodätischen Arbeiten etc. 5 sucht entsprechenden Wirkungskreis Nimmt auch ■ jedwede andere nicht ins Fach einschlägige Arbeit ■ an. — Gefällige Anträge an JNG. O. S., Wien III., ■ Krieglergasse 6, Tür 6. ■ Das geheimnisvolle Arabien. Von Dr. K. G. Der Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig hat das Verdienst, das außerordentlich wichtige und interessante Werk des englischen Arabienforschers P h i 1 b y dem deutschen Publikum in einer meisterhaften Uebersetzung, die an vielen Stellen besser und interessanter ist als das Original, zu einem Preise vorgelegt zu haben, der noch dazu bedeutend billiger ist, als die englische Ausgabe. Das Werk selbst hat seinen Verfasser mit einem Schlage berühmt gemacht: Philby rückte über Nacht in die Reihe der großen Klassiker der Arabienforschung vor, strich aus, was wir von einem halben Dutzend seiner Vorgänger mühsam an Kenntnissen und Informationen über das „Herz von Arabien", die ungeheure Hochebene zwischen den Küstengebirgen des Hedjas und des Hasa, der geheimnisvollen Nedj gesammelt hatten und setzte genaue Informationen mit der Autorität eines britischen außerordentlichen Gesandten am Hofe der Wahhabiten an deren Stelle. Philby hat in den Jahren 1917/18 Arabiens Inneres bereist: er war der erste, der den Süden des Nedj durchforscht hat, der erste Europäer, der Arabien seit Wiederaufrichtung der Wahhabitenherrschaft von West nach Ost durchquert hat. Darüber hinaus aber geht sein Verdienst als Politiker: er war der erste englische Orientpolitiker, der schon im Jahre 1918 die innere Hohlheit und Schwäche des Hedjas vorhergesehen hat, der in dem 1919 geschriebenen Buch schon Ibn Saud als die Kraft bezeichnet, an der die „Utopie eines arabischen Einheitsstaates zusammenbrechen wird, vielleicht aber ein neuer Einheitsstaat unter Ibn Sauds Führung seinen Ausgang nehmen wird." Diese Prophezeiung schrieb Philby nicht nur nieder, er tat auch sein bestes, um sie durch seine politische Arbeit zu verwirklichen. Sein Buch ist im geographischen Teil ebenso wie im ethnographischen Teil fast absolut zuverlässig; kleine Irrtümer — vor allem in seiner allzu scharfen Kritik gegen Palgrave — verringern in keiner Weise seinen Wert als geographisches Werk ersten Ranges, dessen Bedeutung die englische Geographische Gesellschaft durch Verleihung der Goldenen Medaille an Philby anerkannt hat. Etwas skeptischer aber müssen wir Philbys Ausführungen dort gegenüberstehen, wo sie für uns das größte Interesse gewinnen: in ihren politischen Darstellungen und Folgerungen. Hier ist Philby nicht mehr der kühle Beobachter, hier ist er schon der Politiker, der darnach brennt, seine politischen Konzeptionen in die Wirklichkeit übertragen zu sehen. Das zweibändige^ hochinteressante Werk Philbys über das geheimnisvolle Arabien ist im tiefsten Kerne nicht nur ein „Bericht von Fahrten und Abenteuern", sondern zugleich ein treffliches Propagandawerk zugunsten Ibn Sauds. Und manchesmal scheint Philby sogar seine eigenen Gedanken und Absichten dem großen Wahhabitenfürsten suggeriert zu haben. So z. B., wenn er Ibn Saud Sympathien den Christen gegenüber und unverhohlene Abneigung den Juden gegenüber zuschreibt. Dies scheint nicht zu stimmen. Der jüdische Forschungsreisende Dr. Wolfgang Weisl wenigstens hat sich wochenlang bemüht, bei der Umgebung Ibn Sauds irgendeinen Anhaltspunkt für diese Behauptung Philbys zu finden, und bekam von jedem Minister, Höfling, Freund oder Feind Ibn Sauds die gleichlautende Antwort: das sei ganz unmöglich, Ibn Saud könne bei seiner religiösen Einstellung, die ihm vorschreibe, Juden und Christen gleichmäßig als „Völker des Buches" zu betrachten, niemals so etwas gesagt haben — höchstens, um Philby ein Kompliment zu machen. Ein anderes interessantes Streiflicht auf Philbys Einstellung wirft sein Bericht über ein politisches Gespräch mit Ibn Saud, in dem er anno 1918, etliche Monate nach der Balfour- Deklaration, in seiner autoritativen Eigenschaft als britischer Bevollmächtigter dem Wahhabitenfürsten sagt, England werde» nichts lieber tun, als so rasch als möglich Mesopotamien und Palästina räumen und den Arabern übergeben. Auch hier hat Philby seinen Wunsch als Tatsache hingestellt — wissend, daß man so anfangen muß, um Tatsachen zu schaffen. Und das verleiht dem Buch seinen besonderen Charakter, hebt es als einzigartiges Werk aus der bisherigen Arabienliteratur hinaus: sein Autor ist kein Forschungsreisender, sondern ein Politiker, der auch forscht und reist .... um seine Politik zu verwirklichen. Philby ist ein begeisterter Anhänger der Idee, daß England so rasch als möglich aus Arabien heraus muß, Palästina, Transjordanien und Mesopotamien ebenso räumen soll, wie Frankreich verpflichtet sei, Syrien und den Libanon zu räumen — und was Philby tut und schreibt, dient der Propaganda dieser Idee.

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