Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 8 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ölE Wahrheit ii Seitte o die unter der unmittelbaren Leitung des Herrn Louis Marshall stehen, auf diesem Wege in dem patriotischen Werke der Amerikanisation erreicht haben. Bei uns in Europa würde man diese Tätigkeit mit dem verpönten Namen „Assimilation" bezeichnen.....Im Jahre 1925 erschien im American Jewish Year Book eine ausführliche Studie von Dr. Mordechai Kaplan über die obengenannte jiddische Presse in Amerika, in der nachgewiesen wurde, daß diese keine besonderen Gruppeninteressen der Juden vertrete, sondern in jedem Sinne der Amerikanisation diene. Man darf annehmen, daß die Juden in der neuen Türkei über diese Seite des amerikanischen Lebens unterrichtet waren und sich sagten, „was für die anderen recht, ist für uns billig . . ." Ist es übrigens nicht merkwürdig, daß Herr Marshall, der dem Aufbau Palästinas kühl gegenübersteht, den Nationalismus in der Diaspora, diesen hinfälligsten Punkt im zionistischen Programm, beschirmt? Jüdische Grenzwacht. Von L. Moses. Zwischen der alten Grenze bei Bruck a. d. Leitha und der neuen bei Hegyeshalom liegt der Eisenbahnknotenpunkt Parndorf. Von allen Seiten umgeben den ausgedehnten Bahnhof weite Grasflächen, auf denen große Rinder- und Gänseherden weiden, und nur in ziemlich großer Entfernung ist Parndorf selbst sichtbar. Während der Fahrt durch dieses Heideland, das später doch wieder fruchtbaren Getreidefeldern Platz macht, taucht eine flüchtige Erinnerung an jenen traurigen Tag im September des Jahres 1916 in mir auf, an dem ich hier vorüber und immer weiter ostwärts hatte fahren müssen, um die Grenzen der Habsburgermonarchie verteidigen zu helfen. Heute liegt diese Episode bereits weit hinter mir und es ist mir, als wäre es ein ganz anderer Mensch gewesen, der damals geglaubt hatte, verzweifeln zu müssen. Es war ein eine Eigenart, eine Eigenschaft des Volkes handelt, gegen die nichts zu machen, nichts zu wollen ist. Das Wort ist nicht verstummt und nicht vergessen worden. Die Propheten haben es Israel entgegengehalten, im Sündenbekenntis ist eine Bitte um Verzeihung wegen des „steifen Nackens", aber bezeichnender als alles ist das Wort des sterbenden Moses: „ich kenne euren Widerspruch und euren steifen Nacken." Dieser Opposition gegenüber ist Gott und Moses ohnmächtig und hilflos; man erreicht nichts mit Vernunft und nichts mit Gewalt. Es bleibt nur die Güte! Und zur Bitte läßt sich Moses herab: „Euren Nacken verhärtet nicht ferner", so ruft er seinem Volke zu. Aber auch die Bitte hat nichts genützt, die angeborene Charaktereigentümlichkeit ist geblieben. Und worin besteht sie, was ist dieser steife Nacken? „Widerspenstig wäret ihr neben Gott", so bezeichnet Moses diese Eigenart näher. Auffallend ist nur, daß es nicht wie sonst heißt: „g egen Gott". Die Opposition des „steifen Nackens" eröffnet nicht den Kampf gegen Gott, empört sich und meutert nicht, um die Autorität zu stürzen, sondern ist ein Widerstand, der neben Gott und Führer einhergeht, ja die Opposition des steifen Nackens hat nur Sinn und Existenzberechtigung, wenn eine Autorität da ist. Denn die Nackensteife Israels ist kein Prinzipienkampf, keine Widersetzlichkeit, die eher stirbt als nachgibt, sondern ist nur die leidige Sucht, dem Führer zu opponieren „nein" sagen zu können, oder besser wissen zu wollen, oder wenigstens etwas streiten zu dürfen. Der Nacken kann sich nicht dauernd und geduldig beugen, wäre das Joch auch noch so gut und recht. Schon des Führers wegen, damit es ihm nicht zu gut gehe, bäumt man den Nacken und meutert gegen das Joch, wenn man es auch ganz sicher nachher wieder aufnimmt, denn der „steife Nacken" opponiert, weil er von Zeit zu Zeit eben opponieren muß. Dr. V. Kurrein. böser Traum, aus dem aber leider allzuviele Menschen nicht mehr erwachten. . . . Bald erreichen wir den Bahnhof von G a 11 e n d o r f, ein kleines Gebäude mit einem schönen Garten, dem man es anmerkt, daß ihn Ruß nicht allzusehr belästigt. Em Uneingeweihter wird kaum auf den Gedanken verfallen, daß dieses scheinbar so weltvergessene Nest, das da zehn Minuten vom Bahnhof entfernt hinter Bäumen versteckt liegt, ernst unter dem Namen Kotendorf*), eine bei den Juden Westungarns sehr bekannte jüdische Gemeinde besaß. Man weiß ja überhaupt nicht allzuviel von den Juden des Burgenlandes m Oesterreich und auch in den verschiedenen Sonderheften über dieses jüngste Bundesland, wie zum Beispiel in der Burgenlandnummer der „Oesterreichischen illustrierten Zeitung" ist von allen Minoritäten in diesem Lande die Rede — mit Ausnahme der jüdischen. Auch Gattendorf ist zum großen Teile von Angehörigen einer solchen Minorität, kroatischen Kiembauern, bewohnt, die ja wahrscheinlich Reste der slawischen Bevölkerung aus der Zeitspanne zwischen der Völkerwanderung einerseits, der Gründung der Ostmark und Einwanderung der Magyaren anderseits darstellen. Die Judengemeinde von Gattendorf aber, dessen Brückenmaut im Mittelalter zur Herrschaft Hainburg gehörte, scheint neueren Ursprungs zu sein, da sie ja unter den „Sieben Gemeinden", in deren Gebiet sie — in der Mitte eines von den Gemeinden Eisenstadt, Frauenkirchen und Kittsee gebildeten Dreieckes — liegt, auch da, wo als achte Gemeinde noch Neufeld hinzukommt, nicht erwähnt wird. Gattendorf hatte auch nie ein eigenes Rabbinat aufzuweisen, wenn auch der Preßburger Dajan R. Mosche Kotendorf, dessen Vater R. Bär Kotendorf ebenfalls ein anerkannter Gelehrter war, aus dieser Gemeinde stammte und auch R. Bezalel Buchwald aus Gattendorr, der Autor der Sammlung von Deraschoth (Auslegungen) „Ekew anwah" (Nutzen der Bescheidenheit) einen geachteten Namen besitzt. In diem weitläufigen, jetzt freilich etwas vernachlässigt aussehenden und von dem verarmten Eigentümer an einen reichen Wiener Juden verpachteten Gutshof, durch den man in den längs der Leitha sich hinziehenden Naturpark gelangt, wiTd ein Teil noch heute als „Judenhof" bezeichnet. Dort hatten im ausgehenden achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhundert die Juden von Gattendorf gewohnt und ihre Synagoge gehabt und dort hatten sie auch ihr Gemeindegasthaus besessen, dessen Betrieb von Zeit zu Zeit an einzelne Gemeindemdtglieder verpachtet wurde. Die Verträge über diese Pachtungen, Protokolle über Gedächtnisstiftungen, die längst nicht mehr beachtet werden, und dergleichen mehr bilden auch die Hauptbestände des in einer Truhe in ioinem Winkel der heutigen Synagoge ungeordnet und unbeachtet liegenden „Archivs" der Gattendorfer Judengemeinde. Gattendorf steht leider in dieser Hinsicht nicht vereinzelt da. Für einzelne Gemeinden Niederösterreichs sind uns außer literarischen auch noch steinerne Denkrrftler aus dem jüdischen Mittelalter erhalten, von denen noch in anderem Zusammenhang gesprochen werden soll. Die Gemeinden des Burgenlandes waren nun gerade in ihrer Blütezeit Nachfahren der niederöster- 1 eichischen Judengemeinden bis zum siebzehnten Jahrhundert und Mütter der heutigen Judengemeinden im übrigen Oesterreich. Sie besitzen aber auch aus dieser verhältnismäßig nicht großen Zeitspanne nur sehr lückenhafte Archive und sogar die Namen der Rabbiner, die in diesen Gemeinden wirkten, lassen sich meist nur bis ins achtzehnte Jahrhundert ohne Unterbrechung feststellen. In den Archiven von Mattersburg, Kobersdorf und Lackenbach befinden sich umfangreiche Gemeinde- und Vereinsrechnungen, die viel zur Kenntnis des inneren Leebns und der Familiengeschichte dieser Gemeinden beitragen können. Man findet dort aber auch aus neuerer Zeit Gemeindebeschlüsse dahingehend, daß etwa der zu bestellende Gemeinderabbiner in der Gemeinde keine Angehörigen haben dürfe, daß ihm so oder soviele Bachurim von der Gemeinde zur Verfügung gestellt werden und dergleichen. Leider ist aber in fast allen Gemeinden des Burgenlandes durch Elementarereignisse und private Willkür viel Archivmaterial zugrundegegangen und verschleppt worden; was aber übrig geblieben ist, liegt ungenützt und unzugänglich umher. Hier sollte, gleichgültig ob von privater oder öffentlicher Seite, eingegriffen und ein zentrales Archiv der burgenländiscnen Judengemeinden unter sachverständiger "Leitung geschaffen *) Mit leiser Anspielung auf das hebräische „koton" oder katan klein.