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Die Wahrheit · 1927-02-18 · Heft 8 (18.2.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 8 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT zur Erhaltung und zum Gedeihen des Judentums in der anhebenden Geschichtsepoche unbedingt notwendig ist — warum verzichten die amerikanischen Juden auf dieses hehre Gut? Die Vereinigten Staaten beherbergen ungefähr 4 Milionen Juden, die fast vier Prozent der Bevölkerung ausmachen; in einzelnen Staaten und großen Städten, z. B. New York, erreicht die jüdische Bevölkerung ein Viertel der Gesamtheit, wirtschaftlich nehmen sie bekanntlich einen sehr hohen Rang ein; da wäre es doch sehr am Platze, wenn sie sich als nationale Minorität organisieren wollten; es gibt beispielsweise in New York ganze Straßenzüge, die fast ausschließlich von Juden bewohnt sind, das Jiddisch ist dort die herrschende Sprache, die die Kenntnis sogar des Englischen überflüssig macht, selber aber unentbehrlich ist. Die Juden verfügen in New York allein über zehn Tagesblätter und einige Dutzende Wochenblätter mit einer Gesamtauflage von mehreren Millionen. Wäre es da nicht am Platze, wenn die Juden Nationalautonomie beanspruchten, Schulen und Gerichtswesen in jüdischer Sprache verlangten, einen besonderen Wahlkataster mit einer entsprechenden Anzahl von Abgeordneten in allen Vertretungskörperschaften sowie die Zulassung des Jiddischen als Verhandlungssprache im Parlament, wenigstens des Staates New York, und etwa eine jiddische Eröffnungsrede des Gouverneurs? Nichts von all dem sehen wir; sondern wir sehen eine gerade entgegengesetzte Erscheinung: die Amerikanisation. Staatliche und private Institutionen wetteifern nämlich seit einer Reihe von Jahren darin, die Angehörigen der nicht englischen Nationalitäten in den Vereinigten Staaten, d. h. die Abkömmlinge der Einwanderer und die Neuangekommenen selber so rasch und gründlich als möglich in hundertprozentige Amerikaner zu Feuilleton Opposition. „Es sprach Gott zu Moses: Sage den Kindern Israels, ihr seid ein Volk steifen Nackens . . . Gehorsam und Ungehorsam begleiten die Menschen seit den Tagen der Urzeit, gehören sozusagen zu den alltäglichen Erscheinungen des Lebens, und niemand wird über Gehorsam ein allzu hehres Loblied und über, den Ungehorsam eine allzu bewegliche Klage anstimmen. Man findet sich mit den Sünden des Ungehorsams auf allen Linien leicht ab und verzeiht ihn sich selbst und den anderen. Unbehaglich und mißlich wird die Untugend, wenn sie aufhört eine zufällige, vorübergehende Angelegenheit zu sein, sich dagegen zu einem scheinbar und wirklich grundsätzlichen Verhalten entwickelt. Der Ungehorsam, wenigstens von der einen Seite nichts Tadelnswertes mehr, wird als Offenbarung der Gesinnung, als Charakterstärke gepriesen. Man nennt ihn nicht mehr mit dem alten vorzeitlichen Namen, er wird modernisiert und heißt „Opposition". Die Opposition will nie, was die anderen wollen. Sie pflichtet nur dem bei, was sie selber will und tut nie mit bei dem, was andere tun. Fragt man nach dem inneren Grunde solchen Verhaltens, so gibt es dafür als solchen eine bestimmte Gesinnung, die wiederum aus einer unbeugsamen Ueberzeugung heraus von ihrer Ansicht, Meinung und Entschließung nicht um Haaresbreite abweicht. Sie ist nicht angenehm für die anderen, die mit ihr zu tun haben, aber sie ist erklärlich, vielleicht verständlich. Ein Fall solch starrer Opposition, die verwandeln, und auf diesem Gebiete sind die Juden die eifrigsten Mitarbeiter ihrer nichtjüdischen Mitbürger. Die v größten jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen lokaler und allgemeiner Natur, besonders diejenigen, die sich mit dem Schutz und der Förderung der Einwanderer befassen, strengen alle ihre Kräfte an, um ihre neuangekommenen Brüder zu amerikanisieren. Die jüdischen Gemeinden stellen jeder derartigen staatlichen Institution einen Theologen als „Americanization Advisor" bei. Die „Americanization" arbeitet freilich mit ganz anderen Mitteln als die analogen Bestrebungen der europäischen Staaten, da gibt es keine gesetzlichen Verbote, die fremde Sprache zu gebrauchen, keinen Ausschluß der des Englischen noch nicht Kundigen vom Genuß gewisser Rechte oder dergleichen, sondern die Arbeit ist nur positiv, in Vorträgen und Lehrkursen wird dem Eingewanderten die Kenntnis des Englischen, der amerikanischen Geschichte, sowie der Landes- und Verfassungskunde vermittelt: er soll seine neue Heimat kennen und dadurch lieben lernen. Als Unterrichtssprache für alle diese Gegenstände bedient man sich zunächst der Muttersprache der Eingewanderten, wodurch der Unterricht fruchtbarer und erfolgreicher gestaltet wird; der Einwanderer hat gar nicht das Gefühl, daß man ihm seine angestammte Sprache nehmen und ihn seiner angeborenen Nationalität entfremden will, ganz unvermerkt wächst er in die neue Heimat und die neue Nationalität hinein, er setzt diesem Umwandlungsprozeß keine seelischen Widerstände entgegen . . . Die großen jüdischen Organisationen bedienen sich den jüdischen Einwanderern gegenüber zu diesem Zwecke des Jiddischen. Fast in jedem Jahrgang des American Jewish Year Book kann man die großen Erfolge rühmend hervorgehoben finden, die jüdische Organisationen, darunter solche, mit beharrlicher Gleichmütigkeit und gleichbleibender Eintönigkeit von ihrer Ansicht nicht abgeht, ist Pharao, König von Aegypten. Seine Opposition gegen Moses wird in der Schrift damit motiviert: „Gott verhärtete das Herz Pharaos." Das Herz galt als der Sitz des Verstandes und ein verhärtetes Herz ist der Ausdruck für einen Verstand, der sich gegen jede Beeinflussung seitens einer anderen Ein- und Ansicht unzugänglich erweist. Die mangelnde Fähigkeit, eines anderen Denkart und Meinung einzusehen und gelten zu lassen, ist die Opposition Pharaos. Aber nicht nur Pharao, sondern auch Israel selbst macht Moses Opposition. Israel opponiert Gott und Moses bei jeder geeigneten und ungeeigneten Gelegenheit. Sie sehen Zeichen, erleben Wunder, aber sie hadern und murren, bis sie mit ihrem Dienste des goldenen Kalbes die ärgste Sünde begehen. Der Zorn Gottes, nicht minder der Unmut Moses haben damals dem Volke das Wort „vom steifen Nacken" entgegengeschleudert, das es zunächst nicht weniger als viermal hören muß. Dieser Vorwurf setzt das Volk dem widerspenstigen Tiere gleich, das kein Joch duldet, dessen Nacken sich nicht beugt, um seinem Herrn Dienst und Arbeit zu leisten. Der trotzige, wilde Sinn weigert sich der Gewöhnung und Zähmung. „Wie ein störrisches Kalb", ein unzähmbares Tier lehnt sich Israel gegen den Willen seines Gottes und Führers auf, wirft das Joch ab, kaum es noch seinem Nacken auferlegt war. Diese Opposition ist nicht die Folge eines verhärteten Herzens, sondern eines „steifen Nackens". Das Herz sieht ein und kennt gar wohl die Vorzüglichkeit des göttlichen Gebotes, hat nie geleugnet und leugnet nicht, was Gott Gutes getan — aber dennoch bäumt sich der Nacken gegen das Joch Gottes auf. Diese Opposition ist nicht „gesinnungsvoll", entspringt nicht dem Willen einer Partei und Richtung, . sondern ist angeboren. Israel ist das Volk „steifen Nackens". Gott sagt es, Moses sagt es, wie wenn es sich um

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