Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 7 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 0%£af e?, $£um$i u. JEiteratur Der Montag, den 31. Jänner d. J. in den Klubräumen der „Hakoah" (Cafe „Altes Rathaus, Wipplingerstraße) stattgefundene Vortragsabend des „Vereines für jüdische Geschichte und Literatur" brachte als Vortragenden Herrn Hofrat F u c h s, der über „Die synagogale Poesie des Mittelalters" sprach. Der Vortragende schilderte zuerst die Arten der synagogalen Dichtung, einerseits die Hymnen, „Pijutim", anderseits die Elegien, „Selichota", die beide teils beim gewöhnlichen, teils beim Festgottesdienst in Verwendung waren. Dabei war die Aufnahme der einzelnen Pijutim und Selichoth in den Gottesdienst je nach der Oertlichkeit sehr verschieden, denn ihr Vortrag war nicht religiöse Pflicht, sondern dem freien Ermessen des Vorbeters anheimgestellt. Beide Dichtungsarten traten zuerst in Palästina auf. Von hier verbreiteten sie sich nach Babylonien und nach den europäischen Ländern. Der bedeutendste Dichter dieser Frühzeit ist Eleasar Kalir, über dessen Heikunftsland wir nichts Sicheres wissen. Seit dem 10. Jahrhundert treten auch in Deutschland und Frankreich bedeutende Dichter auf, so die Kaloymos, deren Geschlecht aus Italien nach Mainz eingewandert war, der große Kommentator Raschi, und andere. In den deutschen Selichoth des 11. bis 14. Jahrhunderts haben wir eine bedeutsame Quelle für die grausamen Verfolgungen der Zeit vom Beginn der Kreuzzüge bis auf den Schwarzen Tod. Die größten synagogalen Dichter brachte jedoch Spanien hervor, hier erreichte die hebräische Poesie des Mittelalters ihren Höhepunkt. Allgemein berühmt sind die Namen eines Abitur, Salome Gabirol, Abraham und Moses lbm Esra und Jehuda Halovi, mit dem die hebräische Dichtung in den Zenit trat. Diese Dichter lebten im 11. und 12. Jahrhundert. Nachher trat eine Erstarrung ein, zum Teil durch die gehäuften Leiden des jüdischen Volkes hervorgerufen, zum Teil auch durch den Umstand, daß die einmal gebräuchlich gewordenen Pijutim und Selichoth in späterer Zeit irrtümlich als Pflichtgebete galten. Infolgedessen schwoll der Inhalt sowohl des Siddur als auch des Machser ins Ungeheuerliche an. Erst die Reformbewegung des 19. Jahrhunderts schuf hierin Wandel. Dr. Paul Steiner. Vortragsabend. Sonntag, den 6. d. M., fand im mittleren Konzerthaussaale ein sehr gut besuchter Vortragsabend statt, bei dem Dr. Max Präger „Jüdische Schwanke" im Jargon zum Vortrage brachte. Die fein pointierte Art des Vortrages und die meisterhafte Herausarbeitung der charakteristischen Momente aus den Perlen jüdischen Humors hielt eine dankbare Zuhörerschaft zwei Stunden im Lachen. Wir empfehlen eine Wiederholung des gelungenen Abends. Uraniavorträge über Spinoza. Aus Anlaß der 250. Wiederkehr des Todestages Spinozas (21. Februar) wird Dr. Max Grunwald in der Urania (Aspernplatz) am Sonntag, den 20. d. M., 8 Uhr abends, über „Spinozas Leben und Lehre", und den folgenden Sonntag zur selben Zeit über „Spinozas Einfluß" sprechen. Aehren und Beeren. Homiletische Weckrufe an die zeitgenössische Judenheit an Hand der Feste, Sabbate und gehobenen Momente des jüdischen Lebens von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. Band I.: Feste und Sabbate. Druck und Verlag von Carl Angermayer. A. Alkalay & Sohn, Nachfolger, Preßburg. — Predigen und Predigten gelangen wieder zur Anerkennung. Die abgrundtiefe Zalsur, welche der Weltkrieg und die nicht minder schwere Nachkriegszeit in der Geschichte der Menschheit hervorgerufen haben, hat eine Fülle von Problemen geschaffen, die irgendwelche Stellungnahme fordern. Der Jude, so gerne er sich selber das letzte Wort der Beurteilung vorbehält, will dennoch aus dem Gotteshause Aufklärung und Belehrung über die auf ihn einstürmenden neuen Fragen und seine ureigene Gefühls- und Gedankenwelt hinübernehmen. Daher der neue Zug in den Synagogen, daher das wiedererwachte Interesse an den Predigten. Freilich stellt die neue Zeit den modernen Prediger — und nur von einem solchen, der den Pulsschlag seiner Epoche versteht, kann die Rede sein — vor nicht geringe Aufgaben. Er soll die oft schwer deutbaren sozialen, nationalen und religiösen JAG MAYER Erscheinungen der Gegenwart überblicken, sie von einem höheren Standpunkte besprechen und schließlich ein Werturteil fällen und zum Ausdrucke bringen nach der Weisung der Schrift: „Und gib ihnen bekannt den Weg, den sie gehen und die Tat, die sie tun sollen." Voller Ernst, hingebungsvolles Sichversenken in die Materie und zumal gewissenhafte Vorbereitung sind dabei die ersten Voraussetzungen jeder Einwirkung. Dr. M. Joel, der zu den bekannten Predigern Deutschlands zählte, wurde einst befragt, ob er seine Predigten sorgfältig ausarbeite. Auf seine bejahende Antwort meinte einer seiner Schmeichler, daß ein Dr. Joel bei seiner Kapazität doch die Predigten aus den Aermeln schütteln müsse, worauf Joel erwiderte, wie einer seiner Biographen zu erzählen weiß, daß, was aus den Aermeln geschüttelt werde, eben nur Staub sein könne. Diese gewissenhafte Durcharbeitung des Stoffes ist auch den angezeigten Predigten des Autors eigen. Man hört es ihnen an, daß er jede Frage nach allen ihren Ausstrahlungen erwogen und durchdacht hatte, um sie dann in die homiletische Form zu bringen. Lesenswert sind besonders — um nur einige Reden herauszugreifen — seine, neue Gesichtspunkte aufweisende Betrachtungen über das fünfte Gebot, seine Predigten über „Das Lied der Andacht", „Leben, Liebe und Besitz", „Leuchtfeuer und Lichtzeichen", „Die jungen Alten und alten Jungen, die armen Reichen und reichen Armen", interessant seine Auffassung über die vier Kinder der Haggada. Die Predigtenisammlung weist namentlich eine Reihe scharfer Antithesen auf und ist von einer leise anklingenden Samson Rafael Hirschschen Synonymik durchzogen. Die Sprache ist durchaus straff gehalten, frei von jeder Ueberschwänglichkeit und dem tiefernsten Inhalt durchaus angemessen. Talmud und sogar Dezisoren werden häufig angeführt; die Verwendung des Midrasch im Sinne Jellineks oder der sinnigen Parabeln, wie dies Dr. Schmiedel in seinem Lausinim getan, wird allerdings vermißt. Aber auch da wollen wir dem Autor den von ihm selber angeführten Ausspruch des Weisen zurufen: „Wenn man nur sein Herz und seinen Sinn auf den Himmel richtet!" Dr. M. Rosenmann. Reck-Malleczewen: Sif, das Weib, das den Mord beging. Drei-Masken-Verlag, München. — Der Titel erinnert an Claude Farrere, mit dem der Verfasser auch den Zug in die Ferne gemeinsam hat. Das triebhafte Handeln der Frau, die gehetzt durch ihr Leben hastet, gleichsam sich selbst entrinnend und die dadurch hervorgerufene Unterdrückung jedweder Regung von Vernunft und Nachdenken seitens der Heldrn, bringt ein Tempo in die Handlung, das den Leser gefangen nimmt und über einzelne psychologisch schwache Stellen leicht hinwegführt. Reck-Malleczewen verfügt über eine eigenartige Begabung; er schildert das Leben fremder Länder und Städte, er beschreibt und macht den Leser glauben er habe das alles schon längst gekannt und genieße Erinnerungen. Ohne die Spannung zu zerstören, gleichsam nebenbei formt sich stellenweise die Erzählung fast bis zu einer Gesellschaftsanklage, so in der Beschreibung des deutschen Justizapparates und bei der Schilderung des „Charitativwerkes" der Confederation of Good works. Während der Lektüre fühlt man mit Sif mit, man bangt um sie. und das ist des Autors Erfolg. Dr. Hans K r o n e n g o 1 d. B. Bauch: Fichte und der deutsche Staatsgedanke. Langensalza 1925. Herrn. Beyer & Söhne. Mit klaren Worten wird als Fichtes Grundgedanke da$ nationale Ideal dahin bestimmt, daß jede Nation, ihr eigenstes Wesen rein entwickelnd, damit das richtige Weltbürgertum pflegt. Denn jede Nation hat ihre besondere Aufgabe und im Zusammenklange aller besteht die „Menschheit". Die Juden behandelt Fichte als „Nation", ihnen Bürgerrechte zu verleihen, hält er für unmöglich. Das ist die Konsequenz dieses Nationalismus. M. Lazarus: Was heißt national? Vorwort von Doktor Is. Levi, Berlin 1925, Philo-Verlag. Das Vorwort, mit vielen lehrreichen Vergleichen zwischen dem neuesten Judenhaß und dem älterer Jahrgänge, rechtfertigt trefflich die Neuauflage des bekannten Vortrages und beleuchtet seine Wirkung auf hervorragende Zeitgenossen des Verfassers. Es ist willkommen, von dem Vortrage selbst, wieder an Daten erinnert zu werden, wie (S. 39), daß unter den 21 Mitgliedern der phys.- math. Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften 1879 Kleider-» Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien n„ Glockengasse 24 Wien U„ Taborstrafe 44