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Die Wahrheit · 1927-02-11 · Heft 7 (11.2.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 7 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Manifest (der Verkündigung der sogen. Konstitution) haben schlechte Elemente das Haupt erhoben; hierauf entstand eine starke Reaktion, indem die ganze Masse der uns ergebenen Menschen sich auf .sich selbst besonnen hat. Es kam, wie es bei uns selbstverständlich und normal ist: das Volk geriet in Zorn angesichts der Frechheit der Revolutionäre und Sozialisten. Und da neun Zehntel der Revolutionäre Juden sind (der Zar bedient sich der beschimpfenden Bezeichnung ,Schidy'), setzten nun Pogrome gegen die Juden ein. Merkwürdig ist hierbei das einheitliche Zusammengehen: die Pogrome setzten mit einem Male (diese Worte sind vom Zaren unterstrichen worden) m allen Städten Rußlands und Sibiriens ein ... In England schreibt man wie gewöhnlich, daß die Pogrome durch die Polizei organisiert worden sind. Nun, das ist die alte Geschichte. Nicht allein die Juden kriegten Keile, sondern auch zum Teil die russischen Agitatoren: Ingenieure, Aerzte, Advokaten und andere schofle Personen . . ." Ein furchtbares Ende hat Nikolaus II. und seine Familie gefunden: er und die Seinen sind ebenso Opfer der roten Terroristen geworden, wie tausende und abertausende seiner jüdischen Untertanen unschuldig der Mordgier der „Schwarzen Hundert" zum Opfer gefallen sind. Darum wird man sein Schicksal trotz seiner Billigung der Pogrome nur bedauern können: er war nicht der eigentliche Schuldige, sondern nur willenloses Werkzeug in der Hand jener, welche nicht Judenpogrome, sondern auch den furchtbarsten Krieg aller Zeiten anzuzetteln verstanden, als es ihnen in ihrem selbstsüchtigen Interesse gelegen zu sein schien. Daran ändern auch die Briefe nichts, welche jetzt von der „Iswestja" fortlaufend veröffentlicht werden. Die evangelische Judenmission. In ihrem Zentralorgan, „Der Evangelist", lesen wir, daß der internationale Missionsrat beschlossen habe, das Jahr 1927 zu einer umfassenden Missionskampagne, die vor allem unter den Juden Polens und Ungarns durchgeführt werden solä, zu benützen. Es sollen zu diesem Zweck in Warschau und Budapest Missionskonferenzen abgehalten werden, um die Judenfrage auf missionärem Wege zu lösen, da alle bisherigen Lösungsversuche, die in der Verfolgung und Unterdrückung der Juden bestanden haben, ergebnislos geblieben sind. Die bisherigen „Lösungsversuche" waren zwar nicht ganz ergebnislos, haben aber dennoch nur ein vom Standpunkte der Mission negatives Resultat gezeitigt insoferne, als die Juden, je mehr sie verfolgt und unterdrückt wurden, desto stärker an ihrem Gott und ihrem Glauben festgehalten. Weder Scheiterhaufen, noch blutige Metzeleien, weder Judenaustreibungen noch grausame Verfolgungen haben sie von der moralischen Höherwertigkeit des christlichen Glaubens zu überzeugen vermocht Nun will es die evangelische Judenmission offenbar mit den Mitteln „christlicher Nächstenliebe" versuchen, die Judenfrage zu lösen. Daß sie auch auf diesem weniger barbarischen Wege, der übrigens auch nicht ganz neu ist ebensowenig Glück haben wird als ihre Vorgänger, glauben wir sie schon im Voraus versichern zu können. Wir Juden wollen mit den Angehörigen anderer Konfessionen in Frieden leben, verlangen aber auch von diesen, daß sie uns in Frieden lassen. Wir lassen uns ebensowenig unseren Glauben und unsere religiöse Ueberzeugung rauben, als wir anderen ihren Glauben zu nehmen beabsichtigen. Achad-Haam-Worte. Warum wir Juden sind: Törichte Frage! Frage das Feuer, warum es brennt! Frage die Sonne, warum sie scheint! Frage den Baum, warum er wächst! So frage den Juden, warum er Jude ist. Wir können nicht anders' Es ist in uns ohne unser Zutun! Es ist da, urlebendig und gottesgewaltig. Es ist ein Gesetz unserer Natur! Es ist da, wie die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde, wie die Liebe des Menschen zu sedner Heimat, es sprudelt aus den dunklen Tiefen unseres Herzens. Es ist ein Bestandteil unseres Herzens! Es ist unzerstörbar, unbesiegbar, unwiderlegbar, weü das Herz unzerstörbar, unbesiegbar, unwiderlegbar ist. Protest gegen den Bannfluch in Munkacz. Der Vorsitzende der „Jüdischen Partei" in der Tschechoslowakei Dr. Ludwig Srng er richtete, wie aus Prag gemeldet wird, an den Justizminister Mayr-Harting und den Minister des Innern C e r n y ein Telegramm, in dem er im Namen der „Jüdischen Partei" und des „Jüdischen Nationalrates" gegen den Bannfluch des Munkaczer Rabbiners protestiert. (Munkacz liegt in der tschechoslowakischen Provinz Karpathorußland.) Das Ergebnis der palästinischen Volkszählung, die am 1. September 1926 stattgefunden hat, wird nunmehr offiziell bekanntgegeben. Am Stichtag betrug die Zahl der Gesamtbevölkerung Palästinas rund 887.000, darunter 641.000 Moslemiten, 158.000 Juden, 78.000 Christen und 10.000 andere, meist Drusen. Zu den Moslemiten werden nicht nur palästinensische Araber und Syrier, sondern auch eine Anzahl eingewanderter Cirkassier, Magharbachs (Nordafrikaner) und Bosnier, sowie einige turkmenische Nomaden gezählt. In die Gesamtzahl der Christen sind Angehörige der griechischorthodoxen, römisch-katholischen, anglikanischen, lutherischen, sowie anderer Kirchen eingeschlossen. — Ueber die im Oktober 1922 stattgefundene erste Volkszählung von Palästina berichtete Sir Herbert Samuel, der damalige Oberkommissär für Palästina an die britische Regierung in seiner Denkschrift über die Palästina-Verwaltung in den Jahren 1920 bis 1925. Nach dem damaligen Ergebnis betrug die Gesamtzahl der Bevölkerung Palästinas 757.182, darunter waren 590.000 Moslemiten, 83.794 Juden und 73.024 Christen, sowie 9474 Angehörige kleinerer Stämme, meist Drusen. Der Anspruch au! das rituelle Schächten. Eine interessante Entscheidung ist kürzlich vom Preußischen Oberveirwaltungsgericht gefällt worden. In Groß- S t r e h 1 i t z, O. - S c h 1., war ein Jude aus der Gemeinde ausgetreten. Wahrscheinlich in der Annahme, daß diese Austrittserklärung nur erfolgt sei, um die Steuer zu sparen, verfügte der Vorstand, daß der Schächter das Geflügel des ausgetretenen Geimeindemitglfledes,, bezw. das seiner Ehefrau nicht Schächten dürfe. Dagegen enhob die Frau Klage und berief sich darauf, daß sie Mitglied der Gemeinde geblieben sei, auch wenn sie keine Steuern zahle, und Anspruch auf die rituellen Einrichtungen habe. Die Gemeinde beantragte Abweisung der Klage, da die Verwaltungsgerichte nicht zuständig seien, auch sei die Klägerin nicht Mitglied der Gemeinde. Sie erhebe ihre Forderung auch nicht in eigenem Rechte, sondern als Ehefrau. Das Geflügel, das sie schlachten lasse, sei zur Verwendung im Haushalte des Mannes bestimmt. — Der Bezirksausschuß wies die Klage kostenpflichtig ab, da es sich um eine innerreligiöse Angelegenheit der Synagogen-Gemeinde handele, die im Venwaltungsstreitverfahren nicht zu verfolgen sei. Die Klägerin legte gegen diese Entscheidung Berufung edn, da das von ihr beanspruchte Recht eines der wichtigsten Gemeindenutzungsrechte und daher ein Vermögensrecht sei. Auch daraus, daß die Klägerin gezwungen sei, mit großen Kosten außerhalb des Ortes Schächten zu lassen, ergebe sich das Vermögensrechtliche des Klageanspruchs. Das Oberverwaltungsgenicht wies die Berufungsklage der Klägerin ab. Es stützte sich dabei auf ein 1880 gefälltes Urteil, wonach das Schächten eine auf den Kultus bezügliche innere Einrichtung darstelle. Daher könne das Recht auf die Dienstleistungen des Schächtens einer Gemeinde nicht zu vermögensrechtlichen Gemaindenutzungsrechten gerechnet werden. Es wurde auch nicht dadurch dazu, daß ein Gemeindemitglied, wie im vorliegenden Falle, von der Ausübung dieses Rechts vom Gemeindevorstand ausgeschlossen und deshalb gezwungen sei, anderwärts Schächten zu lassen und dafür Kosten aufzuwenden. Daraus ergebe sich, daß das Recht, Schächten zu lassen, im Verwaltun'gsstreitverfahren nicht verfolgbar sei. Deshalb bestehe die Entscheidung des Bezirksausschusses zu Recht. Nicht waschecht! Den Rhein entlang hatte der Name des Führers des Rheinlandgaues der Nationalsozialisten, Dr. Ley, in völkischen Kreisen einen guten Klang. In Dutzenden von Versammlungen wühlte er die Gemüter seiner Anhänger gegen den Staat und die deutschen Juden auf, und der „Deutsche Tag" in Nassau unrühmlichen Andenkens stand unter dem besonderen Eindrucke seiner Persönlichkeit. Es erweckte in den Kreisen der ruhigeren Mitbürger eine gewisse Verwunderung, wie Dr. Ley als Beamter der nach den modernsten Grundsätzen der Arbeiterrationalisierung betriebenen 1. G. Farbenindustrie A. - G. die Zeit finden konnte, neben der Ausübung eines verantwortungsvollen Postens noch die Rolle eines eifrigen politischen Agitators durchzuführen. Nun kommt aus Dr. Leys Wirkungskreis seltsame Kunde! Es taucht die Behauptung auf, daß er nicht ganz zuverlässig in „rassischer Beziehung" sei und recht merkbar, jüdisches Blut in seinen Adern rolle. Ein Parteiverfahren gegen ihn soll bereits eingeleitet sein. Armer Dr. Ley! So sehr hast du versucht, dich mit kräftiger völkischer Farbe zu übertünchen, und nun stellt es sich heraus, daß sie abwaschbar ist. Wärest du doch bei deinen Farbentöpfen im Laboratorium geblieben! I.-G.-Farben haben Qualitätsruf . . . Ridens.

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