Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 7 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 MIM^ DIE WAHRHEIT mit solch einem mörderischen „Wohnungsanzeiger" ganz sichere, gesunde Geschäfte machen kann? Höchstens werden ein paar Adressaten erschlagen. # * Die der OeffentÜchkeit vorgelegten Aktenstücke, in denen die Ansichten kompetenter Faktoren über Rothstocks geistigen Zustand mitgeteilt werden, bilden keine ganz ungefährliche Lektüre. Der unbefangene Leser fühlt sich schließlich auch in der Lage eines Wirrkopfes und weiß nicht mehr, woran er sich halten soll? Wird das öffentliche Gewissen verletzt, wenn Rothstock jetzt als genesen das Irrenhaus verlassen darf? Oder soll es sich durch den Gedanken bedrückt fühlen, daß er überhaupt je dahin gelangen durfte? War er geisteskrank als er den Mord beging, oder spielte er nur den Irrsinnigen, um der Strafe zu entgehen? War es ein Akt des Wahnsinnes, daß er eine Tat vollführte, zu der verschiedene Hetzblätter ganz unverblümt unausgesetzt aufforderten? Oder dachte er ganz logisch, es könne nicht verboten sein, das zu tun, wozu öffentlich unter den Augen der Behörden aufgefordert wird? Der völkische Redakteur Dr. Lippert wurde wegen eines Artikels über Walter Rathenau, in welchem er diesen des Landesverrates geziehen und in weiterem ausführte, er habe Deutschland dem Bolschewismus ausliefern wollen, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Man wird dieses Urteil mit Genugtuung begrüßen, das die Ehre eines Toten, der zu den edelsten Gestalten Deutschlands zählte, gegen die Verleumdungen eines gewissenlosen rietzers schützt. Aber es ist die Ehre eines Toten! Wer weiß, ob Rathenau nicht noch heute lebte, wenn man den Hetzern das verleumderische Handwerk gegen den lebenden Rathenau ein wenig erschwert hätte! * * Armer Theodor Fritsch! Nun erkennt es alle Welt, die Juden sind sein Unglück. Deutsche Richter würdigen zwar noch immer, daß Fritsch gewissermaßen als ein schwer belasteter Mann zu betrachten ist. Sie lassen seinen pathologischen Zustand wohl noch immer als Milderungsgrund, aber nicht mehr als Freibrief für die Verleumdung ehrenhafter Juden gelten. Und jetzt verdächtigen die rassentheoretischen Freunde Fritsch wegen seiner Intimität mit dem längst als pathologisch geschätzten — jüdischen Rassenfanatiker Arthur Treb i t s c h. „Es geht ein Geraune durch die völkischen Reihen — jammert Fritsch — ich sei in Abhängigkeit von Arthur Trebitsch geraten und hätte dadurch einen Verrat an der völkischen Sache begangen". Armer Fritsch! Er beschwört seine Freunde „den Verleumdern" nicht zu glauben, „daß er für Geld seine Seele" verkaufe. Es ist wahr, Trebitsch habe ihm u. a. „aus freien Stücken einen größeren Betrag darlehensweise" zu antisemitischen Zwecken zur Verfügung gestellt, aber daraus soll man ihm, Trebitsch, dankbar sein, „denn von 54.000 Wählern", die darum ersucht worden waren, wären „ganze — 23 Mark eingegangen". Wird Fritsch seine Freunde davon überzeugen, daß es wirklich nur das reinste, auf ehrlichste Pathologie beruhende Band sei, das ihn mit dem kongenialen Rassenfanatiker Arthur Trebitsch verbinde? Ach, die Welt ist böse und nur gar zu sehr geneigt, von den Juden auch das Schlimmste anzunehmen. Ich weiß, daß es Antisemiten gibt, die davon überzeugt sind, die Juden hätten raffiniert klug gehandelt, wenn sie Arthur Trebitsch um jeden Preis zum geschätzten Mitarbeiter Fritschs machten. Aber diese schlauen Antisemiten sind im Irrtum. Arthur Trebitsch, Arm in Arm mit Theodor Fritsch zur Verkündigung der alleinseligmachenden Rassentheorie — der Einfall ist unbezahlbar. * * / * Die hakenkreuzlerischen Schriftleiter wollen, das ist bekannt, vom Neuen Testament nicht mehr wissen als vom Alten Testament und so lassen sie auch das schöne Wort, daß ein Reuiger mehr wert sei als zehn Gerechte, nicht gelten. In völkischen Augen müßte ja Wilhelm II., der längst seine philosemitischen Neigungen abgeschworen und zu den Narren sich geschlagen hat, die an die „Weisen von Zion" glauben, der höchste Verehrer sein. Aber nein, viele von ihnen gedenken nur seiner alten Sünden, und um ihn zu strafen, schreckte neulich einer der wackersten Kämpfer des „Völkischen Beobachter", der Schriftleiter Stolzing, nicht davor zurück, unter anderen Insulten auch folgende überaus geschmackvolle dem Exilierten von Doorn an den Kopf zu schleudern: „ . . . Ebensowenig erkannte der Kaiser die Judengefahr, ja er fühlte sich zu den Juden derart hingezogen, daß schon dadurch die Vermutung, daß mütterlicherseits jüdisches Blut in seinen Adern geflossen sei, gestützt wird. Und daß sein Onkel Eduard VII. wie ein richtiger jüdischer Bocher aussah, wer wollte das leugnen." 5o stolz von oben herab spricht Herr Stolzing. Kaiser Wilhelm hat, wie man weiß, für seinen englischen Onkel nie viel übrig gehabt, aber daß dieser in seiner äußeren Erscheinung das Musterbild aller Vornehmheit und Eleganz ist, wird er wohl auch anerkannt haben. Man mag sich daher leicht das Erstaunen des Exkaisers vorstellen, wenn er erfährt, daß auch die frommen Bachurim an den orthodoxen Rabbinerschulen sich durch solche äußere Vorzüge auszeichnen. Ego. yillllllllllllHIIIHIIIHUIIIIllllllll S „Union deutschOsterreidiistiicr Juaen" g 2 Mitgliedschaft Aisergrund J : Einladung ■ zu der am Hontag, den 14. Februar, 7 Uhr ■ abends im großen Saale der Bezirksvertretung, 2 IX., Wäftringerstraße 39, stattfindenden I Vereins-Versammlung ■ Tagesordnung: ■ l. Dr. Josef Ticho: Gedanken über ■ die Kultusgemeindeverwaltung." ■ 2. Diskussion. ■ Von Mitgliedern eingeführte Gäste, auch Damen, herzlich II willkommen! ■ „Union dentsdiösterrcidiisaier Juden" ■ Der Präsident: Dr. Jakob 0 r n s t e i n ■ raifgliedsdiaft Alsergrund der „Union" 5 Der Obmann: Moriz Ö s t errei ch er