Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 6 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DDE WAHRHEIT iiilllllililllllllllllllllllllllWIli Seite 9 gC.%^aj6rlleiten vom Sage Antisemitismus der Tat. Dies ist der Leitspruch des nunmehr in fünfter Folge erscheinenden hakenkreuzlerischen Hetzblattes „Der Volkskampf\ aus diesem leitet es seine Existenzberechtigung neben so und so, vielen anderen in Oesterreich erscheinenden antisemitischen Hetzblättern ab, die nur „einen Antisemitismus des Wortes betreiben". Und in der Tat hat der „Antisemitismus der Tat" bereits Taten gezeitigt, die dem Blatte ebenso zur Ehre, wie unserem Staate zur Schande gereichen. Auf Seite 3 der Folge 5 des obgenannten Blattes befand sich eine in auffallender Schrift gehaltene Aufforderung an „alle Antisemiten, Völkische, Frontkämpfer und Wehrbündler heute Samstag (29. v. M.), 9 Uhr abends, beim Korso auf der Kammerspielseite der Rotenturmstraße sich einzufinden". Daneben steht ein Artikel „Das letzte Mitte 1", der sich mit der „A-B-C-Revue" in den Kammerspielen beschäftigt und zur „Säuberung von der Landplage des landfremden Hebräervolkes" auffordert. Der Erfolg dieser Aufreizung zur öffentlichen Gewalttätigkeit — denn als nichts anderes kann man obige Aufforderung bezeichnen — war ein großer Krawall vor den Kammerspielen vor Beginn der samstägigen Nachtvorstellung, welcher von ungefähr 50 Hakenkreuzlern — die gesamten Leser des Blattes? — in Szene gesetzt wurde und in dessen Verlauf eine Anzahl Verhaftungen öffentlicher Gewalttäter vorgenommen werden mußte. Nach diesem „Erfolg" wird man die schamlose P ogromhetze, die von dem Blatte in der aufreizendsten Form betrieben wird, erst richtig beurteilen können. Es wird ganz unverblümt zu Mord und Totschlag gegen die Juden aufgereizt, ja es werden sogar Namen prominenter, im öffentlichen Leben stehender Juden mitsamt ihren Adressen angeführt („Aufheben!" „Ausschneiden!"), damit diese .... „Hier ist alles Gerede von einer geistigen Bekämpfung des Judentums zwecklos" schreibt das Blatt: „A n d e r e Zeiten — andere Mittel!" Welche Mittel werden nun vom „V o 1 k s k a m p f" zur Bekämpfung der „Judenpest" vorgeschlagen: „H erausmit einem Ku- Kux-Klan, heraus mit einem Femegericht über verbrecherische Land- und Rassefremde!" Ku-Kux-Klan — das erinnert an die grausame Lynchjustiz, welche von fanatischen „Rittern" dieses amerikanischen Ordens an Negern begangen wurde und noch immer begangen wird; Femegericht — das ruft die Erinnerung wach an die Ermordung Erzbergers, Rathenaus und an die zahlreichen Fememorde in Deutschland. Doch nicht allein vergleichsweise und durch Hinweis auf andere Mordorganisationen, sondern ganz direkt wird der Pogrom als das Mittel zur Befreiung des deutschen Volkes von den „asiatischen Wichten" hingestellt. Daß das Blatt auch sonst voll der aufreizendsten Lügen und Verleumdungen ist, daß es eine Konzentration von Haß, Niedertracht und Gemeinheit darstellt, scheint uns nach dem Gesagten fast überflüssig zu erwähnen. Will der Staatsanwalt, der das Blatt bereits einmal beschlagnahmt hat, zuwarten, bis der „Antisemitismus der Tat", der vom „V o 1 k s k a m p f" gepredigt wird, sich in weiteren und schwereren Taten umgesetzt hat, als es die von dem Blatte provozierten Ausschreitungen vor den Kammerspielen waren, oder will er durch eine durch das Preßgesetz geforderte Tat energisch gegen das Blatt einschreiten, nachdem in einer einzigen Nummer zu wiederholtem Male der Tatbestand des Vergehens nach § 302, St. G., gesetzt erscheint? Eine unerhörte Pietätlosigkeit Es handelt sich um nichts weniger, als um die Verschacherung eines alten jüdischen Friedhofes durch jene, denen der Schutz' und die Erhaltung der den Gebeinen ihrer Väter gewidmeten Stätte heiligste Pflicht und oberstes religiöses Gebot sein sollte. Wie wir nämlich erfahren, beabsichtigt die Chewra Kadischa der altehrwürdigen jüdischen Gemeinde Körmend in Ungarn den ältesten Friedhof der Gemeinde als Bauplatz zu verkaufen. Auf diesem Friedhofe befinden sich die durch schöne Grabsteine gekennzeichneten Grabstätten hervorragender Mitglieder der Gemeinde, es ruhen hier die Vorfahren vieler Glaubensbrüder, die heute angesehene Stellungen bekleiden und innerhalb der jüdischen . Gesellschaft eine bevorzugte Stellung einnehmen; so z. B. befindet sich daselbst auch die Ruhestätte des Großvaters des Wiener Kultusvorstehers Sigmund Kauders. Aber auch dann, wenn es sich um weniger hervorragende Mitglieder der Gemeinde Körmend handeln würde, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden hätten, auch dann, wenn ihre Nachkommen sich nicht allgemeinster Wertschätzung erfreuen würden, wäre es die primitivste Pflicht und Schuldigkeit einer Vereinigung, die sich als „Chewra Kadischa", als „Heilige Bruderschaft" bezeichnet, die jüdischen Grabstätten zu schützen und zu schirmen. Es kann daher gegen den Verkauf des Friedhofes als gegen einen allem jüdischen Empfinden hohnsprechenden Akt der Pietätlosigkeit nicht genug scharf protestiert werden, gegen diesen wahren Chillul haschem, diese gröblichste Verletzung der heiligsten Gebote unserer Religion, die Schändung des Andenkens frommer und gerechter Menschen durch pflichtvergessene Nachfahren. Es muß das Verhalten der Chewra Kadischa von Körmend vor aller Welt gebrandmarkt werden, die um des schnöden Mammons willen oder um einer vorübergehenden Geldverlegenheit abzuhelfen. Ehre, Pflicht und Pietät an den Meistbietenden versteigert. Wie wir erfahren, hat sich die Familie Kauders an die Israelitische Landeskanzlei in Budapest sowie an das neuernannte Mitglied des Oberhauses Rabbi Dr. Immanuel Low gewendet, damit die Schmach, welche der Verkauf des Friedhofes für eine Mietkaseroe darstellten würde, noch "*n letzten Augenblick verhindert werde. Wir hoffen, daß es dem Einschreiten maßgebender jüdischer Faktoren gelingen wird, die Geldgier deir „Heiligen Bruderschaft" auf einem weniger schimpflichen und das religiöse Empfinden weniger verletzenden Wege zu befriedigen. Eine treffende Antwort. Das „Berliner Tageblatt" bespricht in einem längeren Artikel das Interview, das der österreichische Bundeskanzler einem Vertreter der „Jüdischen Telegraphen-Agentur" gewährt und in welchem er den Judenpunkt des christlichsozialen Parteiprogrammes zu „rechtfertigen" versucht hatte. Es schreibt u. a.: „. . . es muß für einen Staatsmann peinlich sein, sich die lächerlichsten und abgestandensten Argumente zu eigen machen zu müssen, die den antisemitischen Parteien doch nur als Vorwand für die angestrebte Ausnahmegesetzgebung gegen die Juden dienen. Wenn unverantwortliche und durch animalischen Judenhaß verblendete flakenkreuzler und ihre Presse immer wieder das Märchen vom jüdischen Bolschewismus ihren Anhängern vortischen, ist man darüber nicht weiter erstaunt; kommen aber diese Aeußerungen aus dem Munde eines in Europa hochangesehenen Staatsmannes, des Regierungschefs eines demokratischen Kulturstaates, so sind sie geeignet, Befremden und Sorge hervorzurufen. Denn damit wird ia die widersinnige Beschuldigung zur Regierungsmaxime erhoben und alle antisemitischen Programme als berechtigte und gutzuheißende Maßnahmen erklärt. Mit anderen Worten: Haß, Verhetzung und Ungerechtigkeit werden legalisiert."" Antisemitisches Wertrennen. „Der eiserne Besen" fürchtet sich, es könnte ihm von anderen antisemitischen Zeitungen der Rang abgelaufen werden, und er hat, wir wollen es gerne zugeben, allen Grund