Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 6 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE - WAHRHEIT fflnHi IMI1IIOIII Seite 7 Veröffentd&un&en der „Union deutiikösteEveicSnschex Juden" Wien IX. £icrgg«isse * &i»s&&iß*mc&cmssG!*m- Xmto Är. 0%tf% 0el. f 0-2-77 arge Blamage der Hakenkreuzstudenten. \n der „Wiener Allgemeinen Zeitung" erschien am 23. v. M. folgender Artikel: Es ist ein erfreuliches Zeichen der geistigen Zusammenarbeit und der Wiederversöhnung nach dem Kriege, daß eine xrößaaei Gruppe von südafrikanischen Studenten Oesterreich aufsucht und sich gerade in unserem Lande längere Zeit aufhält. Der Zweck ihrer Reise isi, Europa kennen zu lernen und mit allen studentischen Landesorganisationen in Verbindung zu treten. Um so merkwürdiger muß die Tatsache berühren, daß die südafrikanische von der „Deutschen Studentenschaft" empfangen wird nnd dieser radikale Privatverein sich wieder einmal, da es sich um internationale Beziehungen handelt, nach außen bin als die Organisation aller österreichischen Hochschüler aufspielt, während er nach den statistischen Angaben nur ein Viertel, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich nur einen Bruchteil davon umfaßt Es dürfte bekannt sein, daß es in Wien außer hakenkreuzlerischen Studenten noch recht viele andere gibt, die ihre Betätigung nicht ausschließlich so auffassen, daß sie einerseits in «berschwänglichem Nationalismus gegen alles Fremde, mag es für uns auch noch so nützlich sein, m fanatischem Hasse Sturm laufen, anderseits aber, wenn es güt, materielle Vorteile und dazu nützliche internationale Beziehungen zu erringen, als Pazifisten von reinstem Wasser plötzlich auftreten. Bekanntlich lag bisher die Pflege fast aller internationaler studentischer Beziehungen in den Händen der deutschdemokratischen Hochschülervereinigung, während die „Deutsche Studentenschaft" ihr© Mitarbeit mit dem Hinweis auf ihre Fremdenfeindlichkeit versagte. Wie kommt es also nun, daß die südafrikanischen Studenten hier von der Gruppe empfangen werden, die sonst nicht genug scharf betonen kann, daß sie mit nichtdeutschen Organisationen nichts zu tun haben will, die ihren Nationalismus so weit treibt, daß ein Hochschulskandal vom Zaun gebrochen werden muß, wenn ein deutscher Gelehrter jüdischer Abstammung zum Dekan gewählt wird. Wir wissen, daß Besuche ausländischer Delegationen meistens mit materiellen Vorteilen für die gastgebende Gruppe verknüpft sind und wenn südafrikanische Studenten, 50 an der Zahl, ein« große Europareise unternehmen, so dürften es wahrscheinlich nicht die ärmsten sein und es wird ihnen auf ein paar hochwertige Pfunde nicht ankommen. Wir wissen nicht, ob sich in dieser Delegation auch Juden befinden, wir haben jedoch hin/reichenden Grund, dies anzunehmen, da diese in Südafrika sehr zahlreich und sehr begütert sind und dieses Land stets liberal gesinnt war und es also dort keine Judenfrage gibt. Wir werden also das merkwürdige Spiel erleben, daß größtenteils demokratische Studenten, unter denen sich höchstwahrscheinlich auch einige Juden befinden, von der hiesigen hakenkreuzlerischen Gruppe empfangen werden, um dann in ihrem Lande die irrige Ansicht zu verbreiten, die „Deutsche Studentenschaft" sei die Vertreterin der österreichischen Hochschüler. Sie werden ihren Landsleuten gewiß mitteilen, daß diese Gruppe ganz unpolitisch sei und sie werden es an einer materiellen Unterstützung gewiß nicht fehlen lassen. Und mit dieser größtenteils von südafrikanischen Juden gespendeten Summe werden wieder große Plakate gedruckt werden, in denen gegen die „Judenschande" und gegen die „Judenschmach", in denen gegen die „Vorherrschaft der scheußlichen Köterrasse4' gewettert wird, mit diesem Gelde wird wieder eine Versammlung finanziert werden, in der eine geharnischte Resolution gefaßt werden wird, wenn ein Gelehrter von internationalem Rufe, der vielleicht jüdischer Abstammung ist, eine akademische Würde bekleidet. cand. jur. Alfons Hahn. Dieser Artikel hat hier in weitesten Kreisen das größte Aufsehen erregt, denn es ist tatsächlich höchst verwunderlich, wie die sonst so stramm nationale und fremdenfeindliche „Deutsche Studentenschaft" auf einmal aus unerklärlichen oder vielmehr aus den im Artikel ausgeführten leicht erklärlichen Gründen ihr internationales Herz entdeckt und für Fremdenliebe schwärmt. Im speziellen Falle liegen diese Verhältnisse noch besonders kraß, denn Südafrika mit seiner ziemlich starken Judenbevölkerung ist ein durchaus demokratisches und keineswegs antisemitisches Land; die Zahl seiner Judengegner dürfte nach verläßlichen Quellen ungefähr der Anzahl der südafrikanischen Studentendelegation entsprechen. Und was diese anbelangt, so war die Vermutung des Herrn Hahn tatsächlich berechtigt, daß sich unter ihr eine erkleckliche Anzahl von Juden befindet, es stellte sich heraus, daß dieselbe sechzehn, also ungefähr ein Drittel der Delegation betrug. Noch mehr, der Führer der Delegation hieß Samuel Neil und ist Jude, ja sogar Mitglied des Makkabi in Transvaal. Und eine solche „verjudete" Abordnung ausländischer Studenten wurde hier ausgerechnet von der „Deutschen Studentenschaft" empfangen und herumgeführt, die Schönheiten Wiens — einschließlich dem „Heurigen" — wurden einer solch gefährlichen Gesellschaft gerade von den Hakenkreuzlern gezeigt, wobei der Rektor der Wiener Universität, Professor Dr. Molisch, dessen Einverständnis mit den Hakenkreuzstudenten immer mehr zutage tritt, — so gab er unlängst in unserer Zeit des allgemeinen Völkerfriedens den ersten Schuß auf die Scheibe des von diesen eingerichteten Universitäts-Schießamtes ab — bei allen Festlichkeiten — wieder einschließlich dem „Heurigen" — freudig mittat. Es war von vornherein klar, daß die südafrikanischen Studenten von ihren „Gastgebern" in bezug auf deren sonst so ungastliche Gesinnung irregeführt worden waren, daß sie nichts davon wußten, wes Ungeistes Kind diese Herrschaften sonst in so ausgiebigem Maße sind. Diese Vermutung bestätigte sich auch tatsächlich, als sie von dem ersten Vorsitzenden der Jugendgruppe der „Union deutschösterreichischer Juden", Herrn Dr. Benno T e n n e t, aufgesucht wurden, der lange Zeit in Südafrika geweilt hatte und die dortigen Verhältnisse daher zur Genüge kennt. Als er sie über die tatsächliche Sachlage informiert hatte, erwies es sich, daß sie über dieselbe keineswegs orientiert waren, was ja weiter nicht verwunderlich ist, denn die Hakenkreuzler hätten dies aus wohlverstandenen eigenem Interesse nie getan. Im Gegenteil, diese bewegien sich in ganz ungezwungener Weise frischiromm-fröhlich-frei in dieser so stark verjudeten ausländischen Gesellschaft. Dafür aber war diese um so dankbarer für die ihr durch Dr. Tennet gewordenen Mitteilungen und insbesondere der jüdische Teil der Delegation mit dem Führer der Gesamtdelegation, Samuel Neil, an der Spitze, zeigte sich empört über diese bewußte Irreführung durch diejenigen, die sie durch unsere schöne Stadt führen sollten, aber oolitisch in weniger schöner Weise verführen wollten. Daß diese Studenten den Hakenkreuzlern nun nacht mehr weiter auf den Leim gingen, war selbstverständlich, sie sprachen sogar den Wunsch aus, den letzten Abend ihrer Anwesenheit in Wien in einem Wiener jüdischen Patrizierhaus in Gemeinschaft mtit Wiener demokratisch denkenden Studenten verbringen zu können. Dieser Bitte der südafrikanischen jüdischen Studenten kamen in besonders liebenswürdiger Weise Herr Bezirksrat Dr. Koloman Freuder und seine Gattin nach. Am Mittwoch, den 26. v. M., vereinigte sich in den Abendstunden in ihrem schönen Heim eine große Anzahl südafrikanischer Studentinnen und Studenten nrit ihren Wiener Kollegen zu einem gemütlichen Beisammensein, das bei Musik und Tanz bis in die späten Nachtstunden währte, durch die Herzlichkeit der Gastgeber, denen hierfür auch an dieser Stelle gedankt sei, besonders stimmungsvoll verlief und den Südafrikanern gewiß