Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 6 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 t.i.UitlüiUUÜLiülLilimJUUlUlfflmiSmffllUHl l!iMlll!IU!]llil!flli!llll!i!i!i!;:; Dffi WAHRHEIT sollte die Lust vergehen, dies ein zweitesmal zu versuchen. * * * In Südafrika wird man sich vielleicht Wunder erzählen von der edlen, allen törichten, gehässigen Vorurteilen abholden Gesinnung, die an der Wiener Universität herrscht und diese zu einem leuchtenden Vorbilde für manche Bildungsstätte in Europa machen müßte, die — nach den bis nach Afrika gedrungenen Gerüchten — leider gegenwärtig noch nicht diesem Ideal entsprechen. Insbesondere aber wird das Lob der hakenkreuzlerischen Studenten erklingen, die sich in Wien so herrlich von ihren reichsdeutschen Genossen unterscheiden. Hatten sie es doch sich nicht nehmen lassen, allen voran, in Bekundung ihres für alles Gute und Schöne, also auch für die Gastfreundschaft schwärmenden Geistes, die Gäste aus fernem Lande auf das herzlichste zu begrüßen und alles aufzubieten, um ihnen die Erinnerung an Wien zu einem unvergeßlichen Erlebnis zu gestalten. Insbesondere die 16 jüdischen Mitglieder der 51 Köpfe zählenden Gesellschaft, an deren Spitze sogar ein waschechter Jude stand, konnten ihr Entzücken nicht bemeistern angesichts dieser Kundgebungen, deren Wert sie um so höher anschlugen, als sie merkten, daß die Hakenkreuzler in ihrem Benehmen gegen die Gäste auch nicht den Schatten eines Unterschiedes machten. Das änderte sich nicht einmal bei dem zu Ehren der Gäste veranstalteten Heurigenabend. In Grinzing, bei dem, wie verlautet, die Hakenkreuzler manches doppelt, also vielleicht sogar 32 jüdische Südafrikaner sahen. Die Unglücklichen, wie sollten sie ahnen, daß auch Südafrika so — verjudet sei! * * * Die hakenkreuzlerischen Studenten im deutschen Reiche haben doch das Richtige getroffen, als sie entschlossen die endgültige Erziehung der ihnen geistig nahestehenden „völkischen" Professoren in die Hand nahmen, anstatt sich von ihnen führen zu lassen. Die Professoren verwirren ja wirklich alles. Das ersieht man wieder aus verschiedenen Aeußerungen deutscher Professoren, die gerade jetzt Anlaß zur Diskussion geben. Da ist z. B. der Jenaer Professor Max Wundt, der, um nur sicher jede Verwechslung mit seinem berühmten Vater vorzubeugen, bisher kein wissenschaftlich beachtenswertes Werk, wohl aber eine von Judenhaß durchtränkte „völkische" Broschüre veröffentlichte. In dieser verkündet er zwei Hauptlehren. Erstens: „Unglücklich das Volk, dem der Glanz der Krone erlischt, denn Könige werden nicht gemacht, sondern geschaffen, geschaffen von der Gnade Gottes." Zweitens: Es wäre das Wunder von der Vorsehung zu erflehen, „daß sogar das deutsche Blut von allen Beimischungen jüdischen Blutes befreit werde". Zur selben Zeit beschwört aber der Kölner Professor Dr. Ebers die hakenkreuzlerischen Studenten, das Rassenprinzip fallen zu lassen, denn sie würden durch dasselbe den Hohenzollern, den Wittelsbachern usw. die Zugehörigkeit zum deutschen Volk absprechen. Muß das nicht hakenkreuzlerische Studenten, denen es schließlich und endlich vor allem darauf ankommt, die Konkurrenz der Juden loszuwerden, nicht verwirren? Sollten sie vielleicht Wilhelm II. zuliebe, der ohnmächtig in Doorn Predigten hält, vorläufig für die weitere Verjudung der Republik eintreten? Lächerlich! Die Professoren sollten sich doch das Dreinreden in die Politik abgewöhnen und dies den Studenten überlassen. * * * Der Geburtstag des deutschen Ex-Kaisers wurde diesmal mit ganz besonderer Feierlichkeit begangen. In der Festpredigt, die W i 1 h e 1 m II. mit gerührter Stimme sprach, fand die wehmutsvolle Klage ihren Ausdruck, daß es ihm dermalen noch immer nicht gegönnt sei, diesen bedeutungsvollen Tag in der Heimat zu feiern. Man wird zugeben, daß die anwesenden Zuhörer ihre herzlichen Gesinnungen für das deutsche Volk in ebenso zarter wie verständnisvoller Weise verrieten, als sie nach der Predigt das schöne Lied anstimmten: „Nun lobet alle Gott!" * # * Seitdem es Parlamente gibt, wurde noch kein Abgeordneter mit Zurufen begrüßt wie jene, die Ivan Hejjas bei seinem Eintritt in den Sitzungssaal in die Ohren dröhnten. Allerdings muß zugegeben werden, daß, seitdem es Parlamente gibt, noch kein Subjekt mit einem Mandat betraut wurde, das mit de* Prädikaten „Mörder", „Schurke", „Amnestierter Mörder" geschmückt in den Wahlkampf getreten und doch aus demselben siegreich hervorgegangen war. So wie die Wahl Hejjas als eine einstimmige erklärt wurde, so erfolgte auch die Begrüßung, die ihm seitens der Opposition zuteil wurde, mit Stimmeneinhelligkeit. Wahlen, bei denen längst Verstorbene ihre Stimmen abgeben durften, sollen schon öfter vorgekommen sein. Aber wahrlich, mit mehr Recht hätten die ungarischen Oppositionellen denken können: Ivan Hejjas, aus unserem Begrüßungschor hättest du auch die nach Sühne mahnenden Stimmen der Ermordeten von Orgoväny heraushören sollen! * * * Fabelhaft sind die Wandlungen, die der hochwürdige Bischof Zadrawetz innerhalb kurzer Zeit zurückgelegt hat. Noch erinnert man sich daran, wie er nach den Enthüllungen über die Frankfälschungsaffäre unter der furchtbaren Anklage eines Mitschuldigen stand, wie er dann im Gerichtssaale in der weitaus behaglicheren Rolle eines Zeugen debütierte und wie es dann hieß, er werde sich in ein Kloster zurückziehen. Jetzt aber zur grenzenlosen Verblüffung der Zeitgenossen sehen wir ihn tatsächlich im Gerichtssaal wieder, aber als Ankläger gegen eine ganze Schar von Journalisten, die behauptet hatten, der Bischof habe die Frankfälscher vereidigt. Aber selbst diese Verblüffung erfuhr eine Steigerung: die meisten der Angeklagten baten, um einer Verurteilung zu entgehen, den Bischof, er möge ihnen verzeihen, was — e r getan. Nur einer war so verstockt, dabei zu verharren, daß er nur das geschrieben, was der Bischof selbst gestanden, nämlich, daß er die Frankfälscher besonders vereidigt hatte. Den Wahrheitsbeweis für diese Behauptung konnte der Starrkopf, der richtig zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt wurde, allerdings nicht erbringen, denn der Gerichtshof gestattete selbst den Versuch hierzu nicht. Nur ein Wunsch des Bischof blieb unerfüllt: Die Zuerkennung einer nach hunderten von Millionen zählenden Entschädigung hielt der Richter denn doch für unzulässig. Hatte der Bischof auch auf diesen materiell vorteilhaften Ausgang gerechnet, dann hat er — falsch spekuliert. Ego.