Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 6 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE, WAHRHEIT . Der Vater, Jakob Herz Beer, aus einer der 1670 aus Wien vertriebenen Familien, selbst ein hochgebildeter Mann, der in seinem Hause einen eigenen Tempel eröffnete, denselben, in dem Isak Noa Mannheimer vor seiner Berufung nach Wien gepredigt hatte, beschäftigte sich viel mit :der Lektüre wissenschaftlicher Werke, er liebte die Musik, die in seinem Hause eifrig gepflegt wurde und einen integrierenden Teil in der Erziehung seiner Söhne bildete, und das Theater. Er zählte zu den Begründern des Königstädter Theaters, an dem Karl Höltei als Direktionssekretär und Theaterdichter tätig war. Einer guten, jüdischen Familie entstammend, gleichfalls einer jener, die 1670 Wien hatten verlassen müssen, vermählte sich Amalie, die eine Enkelin des frommen Wolf Tausk war und eine Tochter des angesehenen Bankiers Lipmann Meyer Wulf, einem der reichsten Juden des damaligen Berlin, dem Bankier Beer. Sie, die Mutter, überwachte und leitete die Erziehung der vier Kinder. Gleich ausgezeichnet durch scharfen Verstand wie durch .vornehme Denkungsart und echt jüdische Herzensbildung verstand es Amalie Beer, ihr Haus zum Mittelpunkt der vornehmen, künstlerischen und literarischen Kreise der Residenz zu machen. Und nun gar in der Folge, als ihr Sohn Giacomo aus Italien ruhmgekrönt heimgekehrt war und ganz Deutschland bewundernd seinen Werken lauschte, bildete der Salon in der Beerschen Tiergartenvilla den geistigen Sammelpunkt aller Gebildeten der Residenz. Die Liebe zu der Mutter geleitet Meyerbeer auf seinem ganzen Lebenswege und es ist bekannt, mit welch rührender Zärtlichkeit auch späterhin in den glänzendsten Ruhmestagen der Meister die alte Frau umgeben hat. Bei einem Konzert, das der neunjährige Giacomo in Gegenwart seiner Eltern und eines kunstsinnigen Publikums gibt und in dem er Mozarts D-moll-Konzert mit einer für dieses Alter überraschenden Vollendung spielt, offenbart sich die merkwürdige Begabung des Kindes. Beglückt durch diesen rauschenden Erfolg ihres Erstgeborenen sinnt die zärtliche Mutter auf ein Mittel, diesen für den Lebensweg ihres Kindes so hochwichtigen Schritt in die Oeffentlichkeit durch irgend ein Zeichen der Erinnerung festzuhalten und sie läßt von einem tüchtigen Maler ein Oelbild anfertigen, das den jungen Künstler in demselben Anzüge darstellt, den er an seinem Ehrenabend getragen hatte. Dem ersten Konzert folgen rasch nacheinander mehrere, die stets gleich rauschenden Erfolg für den jungen Künstler bringen. Nun war kein Zweifel mehr am Platze und mit regem Eifer gingen die Eltern an seine musikalische Ausbildung. Es war zu Beginn des Sturmjahres 1813 und die Zeit nicht zu künstlerischer Sammlung geeignet; dennoch komponiert der inzwischen künstlerisch durchgebildete Giacomo zur Feier des 10. Februar, des Geburtstages der Mutter, die Kantate: „Der Götterbesuch", der kurz nachher zum Abschied des ins Feld rückenden Bruders Wilhelm die Vertonung des Psalms „Gott ist mein Hirte" folgt. Aufopfernd war die patriotische Tätigkeit Amalie Beers während des Krieges. Als die wildbewegte Zeit vorüber war, winkte der glücklichen Mutter — die „Königin-Mutter" nannte man sie scherzweise — reicher Lohn in ihren Söhnen. Wilhelm lenkt durch seine astronomischen Entdeckungen die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sein ernstes, wissenschaftliches Streben. Er stand in Verbindung mit Gauss, Humboldt, Beffel und Mädler. Michael, der Poet mit der mimosenhaft zart empfindenden Seele, schafft Werke voll hoher, dichterischer Begabung, und Giacomo, dessen Erstlingsopern ihm bereits einen ruhmvollen Namen sichern, schreitet unaufhaltsam weiter auf der Laufbahn der Erfolge. Vor allem war es ihr gegönnt, an der Seite ihres berühmten Sohnes eine .Italienreise zu unternehmen, wo die Opern Giacomos mit stets wachsendem Enthusiasmus aufgeführt wurden, und ihr, der beglückten Mutter eines solchen Sohnes die rauschendsten Huldigungen dargebracht wurden. Nur Heinrich, der vierte, war „aus der Art geschlagen". Er spielte höchstens — Karten und mit Hegel. Als man „Madame Beer" sagte, es seien so viele Künste in ihrer Familie vertreten, nur die Malerei fehlte, da antwortete sie auf Heinrich anspielend: „Nun, den Pinsel haben wir schon." Allein nicht gar zu lange sollte sie sich der Ruhe des Gemütes freuen. Der Herbst des Jahres 1825 raubte ihr den teueren Gatten. Fassungslos begegnete der junge Künstler diesem ersten großen Schmerze in seinem Leben, und fast droht er, demselben zu erliegen: da ist es abermals die Mütter, die mit weitausschauendem Blick die Rettung da sucht, wo sie einzig und allein für den Jüngling zu finden ist: in der Liebe: Sie führt ihm ein junges, blühendes Mädchen llMHIll)ll!!:!i;!]!::v; Seite 5 zu, und in dieser, der Tochter ihrer Schwester, für die er schon längst eine stille Neigung im Herzen trägt, findet er die treue Gefährtin, mit der ihn bis an sein Lebensende innigste Gattenliebe verbindet. Eine köstliche Zeit ungetrübten Friedens und höchster künstlerischer Ehren folgte dem Trauerjahre nach dem Hinscheiden des geliebten Vaters, Jedoch nur zu bald „pocht das Schicksal neuerdings an die Pforte", und ein neues Todesopfer ist's, das die fromme Frau dem Geschicke darbringen muß. Diesmal muß das blutende Mutterherz den geliebten Sohn, den hoffnungsvollen Dichter, in ein frühes Grab sinken sehen. Im Frühling des Jahres 1831 scheidet der Dichter des „Struensee" von einer Welt, die seine Kunst nicht gewürdigt und die ihm schnöde begegnet war. Er unterlag, weil seine weiche Seele für den Kampf, der das Leben bedeutet, nicht gestählt war und nach Liebe und Freundschaft heiß begehrte, wo nur Gewinnsucht und eitles Selbstbewußtsein herrschte — ja, selbst in das, den Dichter so beglückende Freundschaftsbündnis, das ihn an Immermann knüpfte, trat einst störend ein Mißton. Bei einer Aufführung des Immermannschen Stückes „Die Verkleidungen" wollte der Darsteller des in dem Stücke vorkommenden Juden Menzel seine Rolle dadurch pikanter machen, daß er den Namen der Familie Beer darin zu einem plumpen Scherze benützte und dadurch fühlte sich selbstverständlich Michael Beer auf das tiefste verletzt. „Sie können leicht denken," schreibt er, „daß mir die Sache nicht der Erwähnung wert wäre, wenn es sich nur um die Nennung des Namens meines Bruders und des meinen handelte. Hat ein Dichter die Roheit, zu glauben, er mache zwei Künstler dadurch lächerlich, daß er sie als das bezeichnet, wozu sie sich frei und offen bekennen, nämlich als Juden, so mag das immerhin geschehen. Das aber würden Sie mir nicht zutrauen, daß ich duldete, daß der ehrwürdige Name meines Vaters ein Signal zum Ausbruche des Jubels den Lachern im deutschen Parterre werde." Wohl hofft Beer, daß der Freund ihn und seine Familie durch jene Plumpheit nicht verletzen wollte, allein ein Stachel blieb immerhin zurück und verwundete tief das Herz des warmfühlenden Juden. Zum Glück für beide konnte Immermann dem Freunde seine Unschuld an der Sache klar tun. Er sandte ihm nämlich das Brouillon seines Manuskriptes nur von wenigen Zeilen begleitet, die aber genug waren, um Beer zu dem frohen Aufbruche zu veranlassen, „daß er ein verloren gewähntes Juwel in altem Glänze wiederfinde". Wie sehr beglückt sich der Dichter durch den wieder hergestellten Glanz dieses Juwels fühlt, geht aus den Zeilen hervor, in denen er den wiedergewonnenen Freund beschwört zu glauben, „daß in seinem Herzen keine Falte zurückgeblieben sei". Nach Jahren voll des reinsten Glückes, die die sorgsame Mutter im Kreise ihrer Lieben an der Seite des fürsorglichen Gatten, umgeben von hoffnungsvollen Söhnen verlebt, schien es, als ob mit einemmal sich das Leid einniste in ihr so milde abgeklärtes Dasein. Sie hatte nun auch den Schmerz, zwei Kinder Giacomos ins frühe Grab sinken zu sehen. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Ein antisemitisches Kampfblatt möchte in Wien unter den Augen der Behörden einen Wohnunssanzeigerfür angehende Verrückte und priviligierte Mörder herausgeben. Das Blatt greift auf die Tradition jenes unselig im eigenen Schmutz erstickten Blattes zurück, das durch die durch genaue Wohnungsangabe unterstützte Aufreizung zur Ermordung eines Menschen richtig den Erfolg hatte, das sich auch der Mörder fand. Er wurde allerdings dann als Verrückter freigesprochen, während die Schriftleiter jenes Blattes, die ihm die Arbeit durch die genaue Wohnungsadresse des Opfers erleichtert hatten, nicht einmal ins Irrenhaus gesperrt wurden. Soll diese Erinnerung vielleicht ■ auch zur achtzehnfachen Infamie ermutigen? Oder sollte sie nicht vielmehr zu der Erwägung führen, daß auch der freiheitliche Staat die Freiheit zur Züchtigung von Wahnsinnigen und Mördern gründlich beschränken sollte? Einem Blatte, das einen zum Verbrechen des Mordes harranguierte,