Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 6 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Ifli«^^ DIE WAHRHEIT Geistlicher der Staatskirche, oder ein Geistlicher der unabhängigen Kirche und ein Geästlicher der Staatskirche. Der Grundsatz, daß Geistliche der Staatskirche die ganze Macht des Staates an sich reißen sollten, wäre wenigstens eine verständliche Ansicht. Der Grundsatz, daß Christen sie allein in Anspruch nehmen sollten, hat überhaupt keinen Sinn. (Fortsetzung folgt.) Achad Haam. Von B. W. Segel Der am 2. Jänner zu Tel Awiw im 71. Lebensjahre verstorbene Achad Haam (Ascher Ginzberg) war eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten des modernen Judentums. Er war, was Wissen und Kultur anbelangt, der vollendete „gute Europäer", wie ihn Jakob Burckhardt und Friedrich Nietzsche wünschten, im Gewände des ostjüdischen HebraisteiL Die feinsten und besten Gedanken abendländischer Philosophie trug er in einem erlesenen Hebräisch vor, und Gedanken und sprachliche Hülle war wie aus einem Guß. Ausgerüstet mit der ganzen modernen Bildung seiner Zeit, beherrschte er ebenso vollendet das ganze Gebiet der jüdischen Traditionsliteratur. Aber beide Gedankensysteme hatten sich in seinem Geiste zu einer höheren Synthese vereint. Alle Probleme, die das Judentum beitrafen, durchdachte er nach den Methoden der modernen Soziologie mit den Denkmitteln jetziger Geschichtsphilosophie, und vieles erschien in neuem, ungeahntem Lichte. So manche Frage der Vergangenheit und des Lebens der Juden erwies sich als Spezialfall der Prozesse, die sich innerhalb der allgemeinen Geschichte abspielen und nur von der Einheit des Weltgeschehens Zeugnis ablegen. Die vier Bände seiner Schriften, die unter dem bezeichnenden Titel „AmScheidewege" erschienen, zum Teil auch ins Deutsche und Englische übersetzt wurden, behandeln die meisten Fragen, die das Judentum der letzten paar Jahrzehnte bewegt haben, und in einer jeden dieser Abhandlungen findet der Leser merkwürdig tiefe und lichtvolle Gedanken, die er dankbar aufnimmt, auch wo er die ganzen Ideengänge als widerspruchsvoll ablehnen muß. Und am stärksten ablehnen wird man die Ideen des Verfassers über den jüdischen Nationalismus. Richtiger gesagt: eine Analyse dieser Ideen wird den ganzen tiefen Unterschied zeigen zwischen der Stellung der russischen Juden zu ihrer nichtjüdischen Umwelt und der abendländischen, besonders deutschen, zu der ihrigen. Der Jude der osteuropäischen Länder wurde von dem kulturellen und dem geistigen Leben seiner nichtjüdischen Umwelt bis auf den heutigen Tag, auch nach der Emanzipation, nur äußerlich berührt, aber nie ganz durchdrungen, schon darum, weil er, als Masse, gar keine oder nur eine sehr geringe Sprachgemeinschaft mit dieser Umwelt hatte. Der deutsche Jude sprach seit unvordenklichen Zeiten deutsch. Seine Sprache bewahrte, auch nach der Isolierung, in dem verachteten Gewände des „Mauscheln" kostbare Elemente des Alt- und Mittelhochdeutschen, die in dem sonstigen deutschen Sprachgebiete ausgestorben sind. Schon vor Mendelssohn waren die geistig regsamsten Schichten der Juden von der deutschen Kultur tief durchtränkt Unter den Deutschen entstanden ihnen in den finstersten Zeiten Sachwalter und Freunde vom Range eines Röuchlin und eines Lessing; in den slawischen Ländern ist noch heute von solchen Erscheinungen nicht zu träumen. Als der Zeitpunkt kam, da der Jude aus dem Ghetto hinaustrat in die europäische Kultur, verkörperte sich diese europäische Kultur für ihn eben in der deutschen. Er konnte in ihr keine Bedrohung seines Judentums erblicken, da sein Judentum seit jeher mit der deutschen Kultur mehr oder weniger vermählt war. Anders in den slawischen Ländern, wo das Suchen nach europäischer Kultur dem Juden gleich wie dem Slawen gebot, über das konkrete slawische Element hinauszuschreiten; da mußte das Europäische dem Juden als das ferne, abstrakte Neutrale erscheinen, innerhalb dessen das Judentum ungefähr sich entwickeln konnte, während das nahe, konkrete Slawische ihm mit Zersetzung und Verflüchtigung drohte. Die Zeit- und I^desgenpssen von Achad Haam konnten aus der russischen Kultur nur jene Elemente in sich aufnehmen, die Teile der europäischen waren. In russische Sprache und Kultur aber sich einzubürgern, liieß für sie, in eine öde Fremde sich verlieren, wo ihr Judentum dahin schmelzen und sich in Nichts auflösen mußte. Der Panzer, der es vor dieser Gefahr schützen soll, war der jüdische Nationalismus, der, sich des Hebräischen als Nationalsprache bedienend, den Juden alle europäisch-menschlichen Kulturgüter vermittelt, über den Kopf des russischen Elements hinweg. Diese ganze Gefühls- und Denkweise ist in den hohen geistigen Regionen des Ostens, namentlich der russischen, so tief eingewurzelt, daß selbst ein so hervorragender Geist wie Achad Haam auch das Verhältnis sämtlicher Westjuden zu ihrer nichtjüdischen Umwelt in demselben Lichte sah, als unmittelbar zum Untergang des Judentums führend betrachtete, und nicht merkte, daß die natürliche Entwicklung in der ganzen Welt zu diesem westeuropäischen Zustand führt und demgemäß zwecks Erhaltung des Judentums ganz andere Vorkehrungen getroffen werden müssen. Achad Haam war ein Geistesaristokrat par excellence, das profanum vulgus interessierte ihn nur insofern, als es unfreiwilliges Werkzeug großer geschichtlicher Ideen war. Daher betrachtete er die Ansiedlung von Juden in Palästina in erster Reihe nicht als ein Mittel, um teilweise das Judeneilend durch Ueberfühiiumg jüdischer Massen in den Ackerbau abzuhelfen, sondern um in Palästina ein jüdisches Kulturzentrum zu schaffen, wo die Juden, von allen äußeren Einflüssen befreit, ihre kulturschöpferische Kultur ungehindert ■entfalten und abermals Originelles, Einzigartiges würden schaffen können, wie ehemals zur Zeit der Bibel. Von Palästina aus würde diese kulturschöpferische Kraft über die Juden aller Länder der Diaspora ausstrahlen und sie überall befähigen, eine eigene Kultur zu schaffen und nicht in der Kultur der Umwelt aufzugehen. Dann wird der ewige Bestand des Judentums gesichert sein. Palästina soll demnach der geistige Mittelpunkt für die gesamte Judenheit werden. Das war die vielgerühmte Schöpfung Achad Haams, der sogenannte Kulturzionismus. Und abermals muß man staunen, daß ein so glänzender Kenner der Geschichte übersah, daß es in der Welt keine rein nationale Kultur gibt da alle Kulturen tWicklung auf Mischung der. Kulturelemente beruht daß wir Juden seit dem Abschluß der Bibel nur durch Aufnahme „fremdnationaler" Elemente zur Weltkultum beigetragen haben. Daß also eben „Assimilation" die Hauptbedingung eines gedeihlichen Kulturlebens bildet. Daß sämtliche Juden, nach Palästina verpflanzt, noch lange nicht die Gewähr bieten, von neuem einen Jesaias hervorzubringen, wie auch die modernen Zeiten heute keine Praxiteles, Plato oder Perikles hervorgebracht haben. Daß die kulturschöpferische Kraft der Juden sich eben in der Berührung mit den großen „fremdnationalen" Kulturen lebensfähig und fruchtbar erhalten müsse, daß also das Judentum in der Welt nicht ein Kulturzentrum, sondern ihrer möglichst viele benötigt. Der Kulturzionismus Achad Haams trat als heftiger Gegner des politischen Zionismus Herzls auf und wies nach, daß es eine Utopie sei, zu hoffen, man werde jemals alle Juden in Palästina konzentrieren und so die übrige Welt vom Antisemitismus erlösen. Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Mütter und Söhne. Heil seiner Mutter, so ruft der Jude mit Rabbi Jochanan ben Sakkai beim Anblick eines trefflichen Mannes aus. So sollen im folgenden bedeutende Söhne selbst Zeugnis dafür ablegen, was sie der Mutter zu danken hatten. Zunächst Giacomo Meyerbeer. (Nach Gassinger u. a.) Als Sproß einer vornehmen, durch edle Gesinnung wie durch erhabene Grundsätze gleich ausgezeichneten altfrommen jüdischen Familie, bedeutete der Eintritt in die Welt für den kunstbegeisterten Jungen bereits den Beginn einer glanzerfüllten Laufbahn. Im gastlichen Hause seiner Eltern, das unter den um jene Zeit zahlreichen jüdischen Salons der Residenz Berlin eines der tonangebenden, ja auf dem Gebiete der Musik in der Folge das herrschende war, verkehrten die vornehmsten Vertreter von Kunst und Wissenschaft: hier war Iffland zu Gaste, sowie Zelter, der musikalische Berater Goethes, ebenso Alex. v. Humboldt, Hegel, A. W. v. Schlegel, Professor Gauss, der Dichter Ludw. Robert, die Komponisten J. V. Reichhardt, B. A. Weber, hier war Immermann ein ständiger Besucher, den ein inniges Freundschaftsbündnis mit dem jüngeren Bruder Giacomos verband, dem begabten frühverstorbenen Michael Beer, dessen edler Charakter unter anderem in seinem rührenden Verhalten dem gelehrten Sal. Münk gegenüber zutage trat.