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Die Wahrheit · 1927-02-04 · Heft 6 (4.2.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 6 (4.2.1927)
Date
1927-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT sind die flammenden Worte, die ein mutiger und edler Mensch, ein Mann, der mit forschendem Blicke und unparteiischem Sinne die Geschicke der einzelnen und ganzer Völker betrachtete, einstens sprach. Manches von dem, was Macaulay vor einem Jahrhundert über die Behandlung von Bevölkerungsteilen durch die Herrschenden und der Liebe dieser Bevölkemingsteile zum Vaterlande geschrieben hat, ist bis auf den heutigen Tag lebenswahr geblieben. Da der Raum nicht die Wiedergabe des vollständigen Aufsatzes Macauiays gestattet und manche Stellen nur die Geschichte Englands betreffen und die damaligen englischen Verhältnisse voraussetzen, beschränken wir uns auf die Wieder - gäbe der wichtigsten Gedanken dieses Aufsatzes. Reg.-Rat Dr. Emil Weinberg. Ein hervorragendes Mitglied des Unterhauses, das gegen Ende der letzten Parlamentssitzung einen Antrag auf Erleichterung der Lage der Juden eingebracht hatte, hat die Absicht geäußert, den Antrag zu erneuern. Die Macht der Vernunft brachte trotz der Gegnerschaft der Mehrheit die Angelegenheit um eine Stufe weiter. Nun sind die Vernunft und däe Macht auf derselben Seite, wir zweifeln nicht, daß sie zusammen einen endgültigen Sieg erringen werden. Auch wir wollen unseren Anteil zu dem Durchdringen gerechter Grundsätze beitragen. Zu diesem Zwecke lassen wir so rasch als möglich einige Gründe oder Phrasen, die man als Gründe ausgibt, welche ein unvernünftiges und ungerechtes System rechtfertigen sollen, vor unserem geistigen Auge vorbeiziehen. Die Verfassung, sagt man, ist im Grunde eine christliche Einrichtung. Läßt man nun einen Juden ein öffentliches Amt ausüben, so heißt dies die Venfassung zerstören. Auch geschieht den Juden kein Unrecht, wenn man sie von der politischen Macht ausschließt. Denn kein Mensch hat ein Recht auf politische Macht. Ein Mensch hat ein Recht auf sein Eigentum und das Recht auf Schutz vor persönlicher Unbill. Das Gesetz gibt ohnehin den Juden diese Rechte und sie zu schmälern wäre grausam. Einem Menschen politische Rechte einzuräumen ist ein bloßer Gnadenakt und kein Mensch kann sich daher beklagen, wenn er davon ausgeschlossen ist. Wir können nur die geistreiche Erfindung bewundern, die darin besteht, daß man die Beweislast denen abnimmt, die sie tragen sollten und denen sie, wie wir vermuten, etwas lästig fällt. Sicherlich kann kein Christ in Abrede stellen, daß jedes menschliche Wesen auf jede Freude Anspruch hat, die einem anderen keinen Schadiem bringt, und daß es von jeder Demütigung verschont sein soll, die einem anderen nichts Gutes bringt. Ist es nicht eine Quelle der Demütigung für eine Gott aufsteigen kann, daß aber Verleumdung tötet, tötet den Verleumder, den Verleumdeten und den, der sie anhört, daß sie dreifachen Tod in die Welt bringt. Das reine Gebet, die fromme Bitte, der lautere Wunsch steigt auf von der Erde unten, dringt zu Gott und bringt Leben. Darum sagt eine Ansicht der Alten, daß es nicht so war, daß je ein Granatapfel und eine Glocke abwechselten, sondern der Granatapfel aus Wolle die Hülle, gleichsam ein Beutel war, in dem die goldene Glocke geborgen war. Damit wollen sie sagen, daß das Gebet im Herzen sein muß, aus dem Herzen dringen soll, wie die goldene Glocke in der Umhüllung aus Wolle war. So muß in unserem Herzen stets ein reiner Klang tönen, ein Glöckchen schwingen, das edlem Metolle gleicht Der Klang der Glöckchen begleitete den Priester, wenn er im Heiligtume ein- und ausging. Ein schöneres Wahrzeichen könnten die Menschen nicht haben! Wie viele gibt es, deren Wunsch und Streben ist, daß bei jedem ihrer Schritte eine Glocke tönt, daß alles, was sie tun und leisten, an die große Glocke kommt, deren Eitelkeit und Ehrgeiz dahin geht, daß die Welt stets auf ihre Schritte horche, aber der Klang ist nioht von den goldenen Glöckchen des Präesters. Die Welt, die Arbeit, der Dienst ist ihnen kein Heiligtum, das sie mit Ehrfurcht betreten, in dem sie mit reiner Gesinnung Gott dienen, sondern ein Götzendienst, mit dem sie „goldene Glocken" erstreben, deren Klang ihr Gold, ihren Reichtum der Welt verkünden soll. Sie dürfen sich nicht wouidem, wenn sie keinen Meli, keinen Mantel, haben, der sie vor den bösen Zungen schützt. Der Klang der Glocke des Goldes öffnet vielleicht Türen auf Erden und bei den Menschen; wer aber vor den König der Welt treten, wer m die Tore des Himmels oder in ein Haügtum eintreten will, den muß der Klang goldener Glöckchen vom Saume des Priestermantels begleiten und anmelden. Die Stimme und dar Klang eines guten, reinen, frommen Herzens sind die goldenen Glocken, die begleiten bis zum Heiligtume, daß man nicht sterbe. Dr. V. Kurrein.!ü! Seite 3 Klasse von Menschen, daß man sie von der politischen Macht ausschließt. Wenn dies so sein soll, so haben sie nach den Grundsätzen des Christentums ein Recht darauf, von dieser Demütigung verschont zu bleiben, bis der Beweis erbracht ist, daß ihr Ausschluß notwendig sei, um ein größeres Uebel zu verhindern. Die Voraussetzungen sprechen für die Duldung. Es ist Sache der Verfolger, ilvre Auffassung zu vertreten. Das seltsame Beweismittel das wir jetzt betrachten wollen, würde sogar zuviel für diejenigen sprechen, die es vorbringen. Wenn kein Mensch ein Recht auf politische Macht hat, so hat weder ein Jude noch ein Heide ein solches Recht. Damit ist der ganzen Regierung die Grundlage genommen. Verschwindet die Regierung, so ist das Eigentum und die menschliche Person in Unsicherheit. Und doch anerkennt man, daß die Menschen ein Recht an ihrem Eigentum und ihrer persönlichen Sicherheit haben. Wenn es richtig ist, daß das Eigentum der Menschen geschützt werden soll, dann kann dies nur im Wege einer Regierung geschehen. Dann muß aber auch eine Regierung bestehen. Nun gibt es aber keine Regierung, ohne daß eine oder mehrere Personen politische Macht besitzen. Deshalb ist es am Platze, daß eine oder mehrere Personen politische Macht besitzen. Daher kann man sagen, daß ein oder mehrere Personen ein Recht auf politische Macht haben müssen. Der Grund, warum die bürgerliche Unfähigkeit der Katholiken (in England) und der Juden so lange zugelassen wurde, liegt darin, daß man nicht die Gewohnheit hat, den Zweck einer Regierung zu erwägen. Wir hören von Regierungen, die im wesentlichen protestantisch sind und von Regierungen, die im wesentlichen christlich sind. Es sind dies Worte, die ungefähr dasselbe sagen, wie eine im wesentlichen protestantische Küche, oder eine im wesentlichen christliche Reitkunst Eine Regierung hat den Zweck, den inneren Frieden zu gewährleisten. Sie hat den Zweck, unsere Meinungsverschiedenheiten durch Schiedsgerichte zu bereinigen, anstatt sie mit der Faust auszutragen. Ferner soll sie uns nötigen, unseren Lebensunterhalt durch Tätigkeit statt durch Gewalt zu gewinnen. Dies ist die einzige Tätigkeit, für die der Regierungsapparat ausschließlich geeignet ist, die einzige Tätigkeit, die eine weise Regierung stets als ihr wichtigstes Ziel betrachtet. Wenn es eine Klasse der Bevölkerung gibt, die an der Sicherheit des Eigentums oder an der Aufrechterhaltung der Ordnung nicht beteiligt ist oder daran nicht beteiligt zu sein glaubt, so soll diese Klasse keinen Anteil an der Macht haben, deren Zweck es ist, das Eigentum und die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber wir können es nicht begreifen, warum ein Mann weniger geeignet sein soll, diese Macht auszuüben, we3 er einen Bart trägt, weil er keinen Schinken ist, weil er an Samstagen in die Synagoge geht, anstatt an Sonntagen in die Kirche. Die Verschiedenheiten zwischen Christentum und Judentum sind von Bedeutung für die Eignung eines Menschen zu einem Bischof oder einem Rabbiner. Aber sie haben nichts mehr zu tun mit seiner Eignung, ein Beamter, ein Gesetzgeber oder ein Finanzminister zu sein, als mit seiner Eignung, ein Schuhflicker zu sein. Niemand hat daran gedacht, von einem Schuhflicker eine Erklärung über sein christliches Glaubensbekenntnis zu verlangen. Jedermann läßt lieber seine Schuhe bei einem ketzerischen Schuhflicker ausbessern, als bei einem, der alle 39 Glaubensartikel (der anglikanischen Kirche) unterschrieben hat, aber nie mit einer Ahle zu tun gehabt hat. Die Menschen gehen so vor, nicht weil sie gegen die Religion gleichgültig sind, sondern weil sie nicht einsehen, was die Religion mit dem Flicken der Schuhe zu tun hat Hat doch die Religion mit dem Flicken der Schuhe so viel zu tun wie mit dem Budget und dem Voranschlag für das Heer. Wir hatten in den letzten 20 Jahren untrügliche Beweise dafür, daß ein guter Christ ein schlechter Finanzminister sein könne. Aber es wäre unnatürlich, sagen die Gegner, daß Juden einer christlichen Gemeinschaft Gesetze geben sollten. Dies ist eine offenbar irrige Behauptung. Man beabsichtigt nicht, daß Juden einer christlichen Gemeinschaft Gesetze geben, aber eine gesetzgebende Körperschaft, die aus Christen und Juden besteht soll einer aus Christen und Juden bestehenden Gemeinschaft Gesetze geben. Bei 999 Fragen von 1000, bei aHen Fragen der Politik, des bürgerlichen und des Strafrechtes und der äußeren Politik hat ein Jude als Jude kein Interesse, das dem eines Christen oder selbst dem eines Geistlichen der Staatskfrche feinlich wäre. Hinsichtlich des gesetzlich eingeführten Kirchensystems können ein Jude und ein Geistlicher der StaatsMrche verschiedener Meinung sein. Aber sie können sich darin nicht mehr unterscheiden als ein Katholik und' ein

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