Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 5 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 llllllll»^ DIE WAHRHEU Folge geleistet habe, als er aus persönlicher Erfahrung in Wien den Eindruck von der dringenden Notwendigkeit des Abwehrkampfes der „Union" gewonnen habe. Diese Gegenwehr gegen den Angriff unserer Feinde sei auch in unserer jüdischen Tradition verankert, doch zu dieser reinen Abwehrtätigkeit müsse auch geistige Arbeit zum Wohle des Judentums hinzukommen. Wenn Politik nach der Lehre der Soziologie das Streben ist, einer Idee zur Wirklichkeit zu verhelfen, so ist die Politik der „Union" eine ehrliche, denn ihr gilt es nicht, einen Machtgedanken, sondern lediglich den Gedanken an die Gerechtigkeit unserer Sache zum Siege zu führen. Die höchste Idee des Judentums aber ist seine Religion und so ist es Aufgabe jedes pflichtbewußten Juden, sowohl in der realen Welt für seine angegriffene Ehre, aber auch ideell für seine sittlichen Heiligtümer zu wirken. Der Redner umriß dann die heute bestehenden drei geistigen Strömungen des Judentums, die Reformbew<egung, die die alte Tradition den Forderungen der Gegenwart angepaßt wissen will, den jüdischen Nationalismus, den er scharf kritisierte, und die religiös-konservative Richtung, zu der sich Dr. Deutschländer bekennt. Er verwies in bezug auf die letztere namentlich auf Samson Rafael Hirsch s. ÄL, der wie viele andere gelehrt habe, daß man sich nicht der Kultur der Umwelt verschließen dürfe, aber auch die jüdischen Quellen diese/ Kultur stets in Ehren halten müsse. Insbesondere ist dies unserer Jugend zu lehren, die sonst dem größten Fluch, amhaarez zu werden, verfällt. Börserat Ignaz Glück erweckte mit seinen Ausführungen über die politische Stellung der österreichischen Juden lebhafte Zustimmung in der Versammlung. Er gliederte seinen Vortrag in zwei Teile und gab zunächst einen Bericht über die Politik in der Wiener Kultusgemeinde, obwohl dort unserer Auffassung nach keine Politik betrieben werden soll, sondern nur für die religiösen Bedürfnisse der Wiener Juden, für die Unterstützung Kranker, Siecher und Notleidender u. ä. zu sorgen ist. Um so trauriger ist es, wenn in der heutigen Zeit, da wir Juden von allen Seiten befehdet werden, zum Gaudium der Oeffentlichkeit doch gerade in der Kultusstube Politik betrieben und insbesondere unsere Partei seitens der Jüdischnationalen und Sozialdemokraten in der gehässigsten Weise befehdet wird. Redner kennzeichnete richtig an Hand einzelner Vorfälle der letzten Zeit die schmähliche Art dieses Kampfes gegen uns, der so weit führte, daß zum Beispiel in der jüdischnationalen „Wiener Morgenzeitung" selbst diejenigen Nichtzionisten, die für den Keren-Hajessod spenden, als „minderwertig" bezeichnet wurden, weil sie nicht f national sind. Noch viel ärger, rief der Redner unter lebhafter Zustimmung aus, noch viel minderwertiger ist es, in einer Zeit wie der heutigen den Haß zu schüren gegen die, die doch Brüder sind. Börserat Glück sprach dann über die kommenden Nationalratswahlen, die von großer Entscheidung für das österreichische Judentum sein würden und bei denen es deshalb die unbedingte Pflicht habe, mitzutun und mitzukämpfen. Mit diesem Appell schloß er seine mit stürmischem Beifall aufgenommenen Ausführungen. Namens der Zuhörer dankte Herr Aron Weiß den Wiener Herren für ihr Kommen und den Rednern für ihre ausgezeichneten Referate, verwies hierauf auf die bevorstehenden Wiener-Neustädter Kultuswahlen, zu denen auch der nächste Redner, Herr Vorsteher Harry Schiff, sprach. Präsident Dr. J. O r n s t e i n hielt sodann das Schlußwort, das sich insbesondere mit den vorzüglichen Ausführungen Dr. Deutschländers befaßte, indem Dr. Ornstein darauf hinwies, daß die „Union", bzw. die ihr angehörigen Wiener Kultüsvorstandsmitjgiieder stets im besten Einvernehmen mit den Vertretern der Agudah für die sittlich-religiöse Erziehung der Jugend wirken. Die Mitteilungen des Redners über die Stellungnahme der Mehrheitspartei zum Gemeindebund fanden auch hier, also selbst in der Provinz, einmütiges Verständnis in der Versammlung. Diese wurde von Obmann Dr. Karpfen mit nochmaligem Danke an die erschienenen Wiener Herren und die Redner geschlossen, wobei sein Appell, der „Union" beizutreten, auch sofort nach Versammlungsschluß durch zahlreiche Beitrittserklärungen lebhaften Anklang fand. Bund jüdischer Frontsoldaten der ehem. österr.-ung. Armee in Leipzig. Tanz, Stimmung' und gute Musik waren die Devise für den am Dienstag, den 18. d. M., im großen Festsaale des Leipziger Zentraltheaters anläßlich des vierjährigen Bestehens des Vereines abgehaltenen Stiftungs-Fes tb a 11 e s. Der Verein, der dem Verbände der „U n i o n deutschösterreichischer Juden" angehört, zählt in Leipzig eine große Zahl von Mitgliedern, die mit ihren Damen zu dem Festball zahlreich erschienen waren. Dem Stiftungsfeste wohnten ferner Vertreter des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Leipzig, des Zentral Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Leipzig, der Studentenverbindung Saxo- Bavaria, des Bundes sächsischer Feldkameraden-Verednigungen und anderer befreundeter Vereine bei. Das Fest war sowohl moralisch wie gesellschaftlich ein voller Erfolg dieser rührigen reichsdeutschen Ortsgruppe der „Union deutschösterr. Juden". Mißbilligung der Rechtsanwaltskammer für Dr. Riehl. Die Rechtsanwaltskammer hatte wieder einmal Gelegenheit gehabt, sich mit dem standeswidrigeu Verhalten eines ihrer Angehörigen, des bekannten Antisemiten und Vert Idteers in Hakenkreuzangelegenheiten Dr. Walter Riehl zu befassen, da dieser die Standespflichten in gröblichster Weise verletzt hatte. Unseren Lesern ist die Gesinnung dieses zwischen Großdeutsch und Hakenkreuz je nach Opportunitätsgründen hin- und herlavierenden antisemitischen Politikers, des Rechts-„freundes" der Novosat und Genossen, nur zu gut bekannt, als daß sie sich darüber wundern würden, daß dieser auch in einer in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt erstatteten Eingabe an das Gericht seinen Haßgefühlen gegen das Judentum in einer allerdings für gerichtliche Eingaben außerordentlichen Form freien Lauf gelassen hat. Dr. Riehl hat in Vertretung eines Fräuleins H. L. eine Ehrenbeleidigungsklage überreicht, die folgenden Absatz enthielt: „Ich stelle daher den Antrag auf strenge Bestrafung der Beschuldigten durch Verhängung einer Arreststrafe, da eine schwerere Beleidigung als die von der Beschuldigten gebrauchte kaum denkbar ist, da die Beschuldigte wissen mußte, daß ihr Mann, wie dies bei jüdischen Geschäftsleuten sehr häufig vorkommt, die christlichen Angestellten als Freiwild ansieht." Es ist dies eine unerhörte Pauschal Verdächtigung, die Herr Dr. Riehl den jüdischen Geschäftsleuten entgegenschleudert, welche um so schwerer wiegt, als sie nicht etwa im Laufe einer hitzigen Hakenkreuzversammlung oder einer erregten Debatte am Wirtshaustisch gefallen ist, sondern wohlbedacht und in ganz bestimmter Absicht in ein für das Gericht bestimmtes Schriftstück gesetzt wurde. Die Wiener Rechtsanwaltskammer hat denn auch Herrn Dr. Riehl für dieses sein Vergehen, das allen Anstands- und Standespflichten Hohn spricht, die gebührende Antwort erteilt. Sie lautet: „Die am 27. November 1926 eingelangte Eingabe des Herrn K. H. veranlaßt den Ausschuß der Rechtsanwaltskammer in Wien, dem Herrn Rechtsanwalt Dr. Walter Riehl die Mißbilligung auszusprechen. Gez. Dr. Ecke, Präsident der Rechtsanwaltskammer." Der Mißbilligung der Rechtsanwaltskammer für Dr. Riehl schließt sich die ganze anständige Gesellschaft an, die nicht dulden kann, daß ehrenwerte jüdische Geschäftsleute von einem Mann wie Dr. Riehl als „Freiwild" angesehen werden. „Der Volkskampi" betitelt sich eine neue antisemitische Hetzschriftt, die dem ..Dötz" und der „Deutschen Arbeiter-Presse" anscheinend Konkurrenz machen will. Offenbar haben die Herausgeber des „V o I k s k a m p f" die Lorbeeren genannten Blattes nicht ruhen lassen oder sis waren der Meinung, daß ein noch viel schärferer Ton angeschlagen werden müsse. War die Niedrigkeit eines „Dötz" oder einer „Deutschen Arbeiter- Presse" überhaupt noch zu unterbieten? Diese Frage wurde vom Staatsanwalt in bejahendem Sinne beantwortet dadurch, daß er sich gezwungen sah, bereits die vierte Nummer dieses Hetzblattes zu konfiszieren. Man braucht nur die Ueberschriften des Blattes anzusehen, um über seinen Charakter im Klaren zu sein: „Völkerbund und Staatsanwalt contra ,V o I k s k a m p f ", „Das Wutgeheul bei der Wiener Hebräerpresse", „Der Kampf ist entbrann t", „Frechheiten der verjudeten Rechtsanwaltskammer", „Für Wehr und Waffen" usw. Man wird daher nicht fehlgehen, wenn man das Blatt, für welches sich die Staatsanwaltschaft bereits lebhaft zu interessieren scheint, als ausgesprochenes Pogromblatt bezeichnet. Bemerkenswert erscheint uns noch zu sein, daß der Wiener Kunstmaler Erwin Pendel, der sich bisher krampfhaft bemüht hat, seine „Kunstprodukte" reichen „Hebräern" anzuhängen, nunmehr auch zu den Mitarbeitern des Blattes zählt. Non olet! Auszeichnungen. Der Bundespräsident hat den Präsidenten des Verbandes der Kammerzeuger, David Gottesmann, und den Präsidenten des Verbandes der Hutindustriellen, Ludwig Frankel, sowie d£n aus seiner Tätigkeit In der „U n i o n" bestbekannten Vizepräsidenten des Detailllstenverbandes Alexius S a 1 z e r, zu Kommerzialräten ernannt.