Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 5 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT ililiM Mit Seite S> Vewöffenttttfkun&en der „Union deutdkösteneidkisdkev Juden"?#teii IX- ^Mtqposft üfoirfo JRLw. M4I (Tel. IÖ-^-TT Nietzsche und der Antisemitismus. Zwei Briefe an Theodor Fritsch. Der Herausgeber des „Hammers", jener bekannten Zeitschrift, die auf dem Gebiete des Rass'enantisemitismus seit langer Zeit als die führende angesehen werden kann, veröffentlicht in der Schrift, die er anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des „Hammers" erscheinen läßt, ohne Bemerkung folgende zwei Briefe. Nizza, den 23. März 1887. Geehrtester Herr, Sie erweisen mir in Ihrem eben angelangten Briefe so viel Ehre, daß ich nicht umhin kann, Ihnen noch eine Stelle aus meiner Litteratur zu veirrathen, die sich mit den Juden beschäftigt, sei es auch nur, um Ihnen ein doppeltes Recht zu geben, von meinen „schiefen Urtheilen" zu reden. Lesen Sie bitte, „Morgnröthe". p. 194*). Die Juden sind mir, objektiv geredet, interessanter als die Deutschen: ihre Geschichte giebt viel grundsätzlichere Probleme auf. Sympathie und Antipathie bin ich gewohnt bei so ernsten Angelegenheiten aus dem Spiele zu lassen; wie dies zur Zucht und MoraLität des wissenschaftlichen Geistes und — schließlich — selbst zu seinem Geschmacke gehört. Ich gestehe übrigens, daß ich mich dem jetzigen „deutschen Geiste" so fremd fühle, um seinen einzelnen Idiosynkrasien ohne viel Ungeduld zusehen zu können. Zu diesen rechne ich in Sonderheit den Antisemitismus. Der auf Seite 6 Ihres geschätzten Blattes gerühmten „Klassischen Literatur" dieser Bewegung verdanke ich sogar manche Erheiterung; oh wenn Sie wüßten, was ich im vorigen Frühling über die Bücher jenes ebenso gespreizten als sentimentalen Querkopfs, der Paul de Lagarde heißt, gelacht habe! Es fehlt mir offenbar jener „höchste ethische Standpunkt", von dem auf jener Seite dlie Rede ist. Es bleibt nur übrig, Ihnen für die wohlwollende Voraussetzung zu danken, daß ich nicht „durch irgend eine gesellschaftliche Rücksichtnahme zu meinen schiefen Urtheilen verführt" bin; und vielleicht dient es zu Ihrer Beruhigung, wenn ich zuletzt noch sage, daß ich unter meinen Freunden keine Juden habe. Allerdings auch keine Antisemiten. — Giebt mein Leben irgend eine Wahrscheinlichkeit dafür ab, daß ich mir von irgend welchen Händen „die Schwingen verschneiden" lasse? Mit diesem Fragezeichen empfehle ich mich Ihrem ferneren Wohlwollen — und Nachdenken . . . Ihr ergebenster Professor Dr. F. Nietzsche. Ein Wunsch: geben Sie doch eine Liste deutscher Gelehrter, Künstler, Dichter, Schriftsteller, Schauspieler und Virtuosen von jüdischer Abkunft oder Herkunft heraus! Es wäre edn wertvoller Beitrag zur Geschichte der deutschen Cultur (— auch zu deren Kritik)! * Nizza, den 29. März 1887 (vor der Abreise) Sehr geehrter Herr, Hiermit sende ich Ihnen die drei übersandten Nummern Ihres Correspondenz-Blattes zurück, für das Vertrauen dankend, mit dem Sie mir erlaubten, in den Prinzipien-Wirrwarr auf dem Grunde dieser wunderlichen Bewegung einen Blick zu thun. Doch bitte ich darum, mich fürderhin nicht mehr mit diesen Zusendungen zu bedenken: ich fürchte zuletzt für meine Geduld. Glauben Sie mir: dieses abscheuliche Mitredenwollen *) Morgenröte, Gedanken über die moralischen Vorurteile. Dritte» Buch. 205. Vom Volke Israels; naiver Dilettanten über den Werth von Menschen und Rassen, diese Unterwerfung unter „Autoritäten", welche von jedem besonneneren Geiste miit kalter Verachtung abgelehnt werden (z. B. E. Dühring, R. Wagner, Ebrard, Wahrmund, P. de Lagarde — wer von ihnen ist in Fragen der Moral und Historie der unberechtigste, ungerechteste?), diese beständigen absurden Fälschungen und Zurechtmachungen der vagen Begriffe „germanisch", „semitisch", „arisch", „christlich", „deutsch" — das Alles könnte mich auf die Dauer ernsthaft erzürnen und aus dem ironischen Wohlwollen herausbringen, mit dem ich bisher den tugendhaften Velleitäten und Pharisäismen der jetzigen Deutschen zugesehen habe. — Und, zuletzt was glauben Sie, das ich empfinde, wenn der Name Zarathustra von Antisemiten in den Mund genommen wird? . . . Ihr ergebenster Dr. Fr. Nietzsche. „ Union Versammlung in Wiener-Neustadt. Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat es sich zur Aufgabe gemacht, im heurigen Jahre die Fühlung mit ihren in allen größeren Provinzstädten Oesterreichs besiehenden Ortsgruppen durch Versammlungen in denselben enger zu gestalten und zu vertiefen. Als erste dieser für heuer geplanten Veranstaltungen fand Sonntag, den 23. d. M. eine Versammlung der Ortsgruppe Wiener-Neustadt im Sitzungssaale der dortigen Kultusgemeinde statt, zu der sich aus Wien die Herren Präsident Dr. J. O r n s t e i n, die Mitglieder des Zentralvorstandes der „Union" Börserat Ignaz Glück und Vorsteher S. Ernst, der Sekretär der Vereinigung O. Hirschield und als Gast der Direktor des Keren Hathora Herr » Dr. Leo Deutschländer, eingefunden hatten. Sie wurden von dem Obmanne der Wiener-Neustädter Mitgliedschaft, Herrn Dr. S. Karpfen, namens der von Damen und Herren sehr zahlreich besuchten Versammlung lebhaft begrüßt, bei der u. a. auch der Vorsteher der Wiener-Neustädter Kultusgemeinde, Herr Harry Schiff, anwesend war. Nach den Begrüßungsworten des Obmannes ergriff Präsident Dr. J. 0 r n s t e i n das Wort zu seinem Referate über ,JDie Tätigkeit der Union", der in seiner ausgezeichneten Rede auf den mehr als vierzigjährigen rastlosen Abwehrkampf der „Union" hinwies, während welcher Zeit diese Vereinigung seit ihrer Gründung durch Dr. J. S. Bloch s. A. in mehr als zehntausend Fällen unerschrocken für die Rechte der österreichischen Juden, aber auch für die jedes einzelnen in seiner Ehre Angegriffenen, welchen Standes und welcher Herkunft er auch war, eingetreten ist. Doch nicht nur auf die ruhmvolle Vergangenheit des Vereines sei zu verweisen, auch in der Gegenwart steht die „Union" als treuer Wächter des Judentums da, und dies um so mehr, als stärker denn je heute die Flammen des Hasses das jüdische Haus umlodern. Dr. Ornstein besprach die an mittelalterliche Barbarei grenzenden skandalösen Vorgänge auf der Wiener Universität, die wütende Hetztätigkeit des neuesten Hakenkreuzlerblattes JDer Volkskampf' und viele ähnliche furchtbare Erscheinungen des Alltags, die uns immer wieder lehren, daß der Antisemitismus in der breiten Masse noch nicht verschwunden ist. Er findet aber au;h an hoher Regierungsstelle seinen Nährboden, was neuerlich das Programm der Christlichsozialen und die Interpretation Dr. S e i p e I s zu demselben bewies. Angesichts all dieser Umstände gilt es für jeden einzelnen, der Ehre und Selbstachtung für sein Judentum empfindet, als unumstößliche Pflicht, mitzuhelfen an dem Kampfe der „Union" für dessen Rechte, ein Kampf, der heute schwerer und dringender als früher ist. Dr. Leo Deutschländer, Direktor des Keren Hathora, dankte für die Einladung der „Union", in einer ihrer Versammlungen zu sprechen, welcher Einladung er um so bereitw3Hf«r