Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 5 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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die Wahrheit mamssmsm!Illtlt{l!llllli(!tlltII!!ii!lliliillil!l(!illli Seite 3 tismus, an den viele Politiker ebensowenig rühren wollen wie an die Prohibitionsfrage. Irn Kongreß sitzen soundso viele Abgeordnete, die es aus diesen oder jenen Gründen nicht mit Ford verderben möchten, sowie andere, die offen oder insgeheim mit dem judenfeindlichen Ku Kux Klan sympathisieren. Aus alledem erhellt, daß eine etwaige Plenarabstimmung im Kongreß (falls es doch zu einer solchen kommen sollte) am Ende gegen die Resolution Bloom ausfallen und dem Ford zu einem billigen Triumph verhelfen könnte. Selbsterkenntnis. Das Wesen des Judentums Ist Religion; das Judentum steht und fällt mit seiner Religion. Und wenn wir sämtliche politischen Rechte erworben hätten, wenn die weitestgehenden „nationalen" Aspirationen der Zionisten, ein eigenes Staatswesen, eine politische und wirtschaftliche Machtstellung im Orient u. dgl., in Erfüllung gegangen wären und wir hätten unseren Glauben verloren, wir wären hierbei religionslos, gottlos geworden, dann hätten wir trotz aller äußeren Erfolge alles verloren, wir hätten unsere Seelen und die Seelen unserer Kinder preisgegeben, geopfert einem Phantom, einer dem politischen Machtwillen einer imperialistischen Zeit entsprungenen Idee, mit der das Judentum niemals etwas zu schaffen gehabt hatte: dem Nationalismus. Und wahrlich, wir Juden sind viel zu gut dazu, um alle Verirrungen einer traurigen Zivilisation mitmachen oder, besser gesagt, nachmachen zu müssen! Immer wieder hat „Die Wahrheit" darauf hingewiesen, daß ein Zionismus, wenn überhaupt, so nur auf religiöser Grundlage bestehen kann, daß ein Judenstaat, der nicht auf dieser Grundlage; — der einzigen dem Judentum wesensgemäßen — errichtet ist, einem Hause gleicht, das auf Sand gebaut ist. Und wenn wir den Jüdiscbnationalen zugerufen haben: Besser Religion ohne Jerusalem als Jerusalem ohne Religion, wenn wir ihnen gesagt haben: Besser kein Heiliges Land als ein unheiliges Land, ein Land der Gottlosigkeit und der Gottverlassenheit, wenn wir auf unsere Väter hingewiesen haben, die um ihres Glaubens willen das Land verlassen haben, das ihre Söhne nunmehr ohne diesen Glauben besiedeln wollen — dann war Achselzucken oder mitleidiges Lächeln die Antwort, dann stießen wir auf grenzenlose Verständnislosigkeit, wenn toten Vieh auf offenem Markte die Haut ab und bekommst deinen verdienten Lohn, als daß du sagest, ich bin ein großer Mann, und min ist die Arbeit verhaßt." Mag es seltsam anmuten, daß dem Diebe die mit dem unehrlichen Gewerbe verbundene Mühe und Arbeit zu seinen Gunsten angerechnet wird, damit wird eben das Arbeitsgebot, das jedermanns Ehre beinhaltet, bestimmt ausgesprochen. Nicht auf Fähigkeit oder Unfähigkeit, 'sondern auf den Arbeitswillen kommt es in erster Linie an, wenn man eines Menschen Ehre oder Unehre beurteilen will. Ehrlos ist mit Recht nur die Arbeitsscheu, ein Erwerb, der mit bewußter Absicht der Arbeit ausweicht und den Gewinn erstrebt, wie beispielsweise der Glücksspieler nach dem Gelde strebt, das er nicht verdient hat, weshalb schon seit altersher solche Spieler als unehrenhaft einer glaubwürdigen Zeugenaussage für unfähig galten. Sehr richtig motivierte Maimonides diese Maßnahme damit, daß diejenigen, die sich dem Glücksspiele hingeben, nichts zum Aufbau der Welt beitragen. Wenn der große deutsche Dichter sang: „Arbeit ist des Bürgers Zierde", so geht das Judentum darüber hinaus und lehrt: Arbeit ist des Menschen Ehre, und weiß die der Arbeit zukommende Ehre bei jedem — sogar bei dem Strafausmaß des Diebes einzuschätzen. „Wer sich ehrlich vom Ertrag seiner Hände Arbeit ernährt, steht höher als der, der müßig, aber in Gottesfurcht lebt", sagt der Talmud, der uns auch Rabbi Jehuda, des Fürsten Ausspruch als „das Beste" im Leben verkündet: „Gut ist und schön Gottesgelehrsamkeit im Verein mit der Arbeit des tätigen Lebens, denn die Mühe um beide läßt die Gedanken der Sünde nicht aufkommen." Hätte die Arbeit nur den Erfolg, sündige Gedanken zu bannen, wir müßten ihr stets dankbar sein; sie befreit uns von sündigen Gedanken, bringt uns mit ihrem Ertrag ein menschenwürdiges Dasein, darum ehrt sie uns, wenn wir sie ehren. Dr. V. Kurrein. •nicht auf Haß und Feindschaft. Gleich dem Prediger in der Wüste fanden wir taube Ohren und verhärtete Gemüter. Doch auch in diesem Falle scheint sich die alte Weisheit, die schon unsere Väter gekannt hatten, wieder zu bewahrheiten, daß nämlich Erkenntnis nur aus dem Innern kommen, nur aus Selbsterlebtem, Selbstgefühltem und Selbstgedachtem entspringen, nicht aber von Außen an die Menschen he-angebracht werden kann. Die Zionisten müssen erst die vollständige Leere, die grenzenlose Oede und Inhaltslosigkeit ihres Seins selbst erkennen, müssen sozusagen mit eigenen Augen den gähnenden Abgrund sehen, vor dem sie stehen, die tiefe Kluft, die sich jenseits des Nationalen auftut, um erschaudernd und im Innersten erschüttert zu jener Erkenntnis zu gelangen, die ihnen die von nationalem Irrwahn nicht verwirrten Geister der am wahren, d. h. religiösen Judentum festhaltenden Brüder vergebens beizubringen versuchen. Daß diese Erkenntnis aufdämmere, dazu trägt der Anschauungsunterricht, der jetzt den Zionisten in Palästina erteilt wird und die Folgen der Religionslosigkeit klar und deutlich zeigt, in nicht zu unterschätzender Weise bei. Scheint nicht der ganze nationale Gedanke durch sein Unvermögen, eine Beziehung mit dem Ewigen, dem Göttlichen und Unvergänglichen herzustellen, furchtbarer kompromittiert als durch seine historische, ethnische und politische Haltlosigkeit? ......Aber die meisten erwarten und ersehen wohl von dem neuen Zusammenstoß von Volk und Heimaterde eine Renaissance des religiösen Gefühles, eine neue Kraft des Glaubens, so mächtig, daß sie die alten Farmen mit neuem Leben zu füllen oder die erstorbenen zu zertrümmern (?) und neue zu schaffen vermag....." So schrieb die palästinensische Mitarbeiterin der „Jüdischen Rundschau" (dem Berliner jüdischnationalen Organ), Helene Hanna Thon, in der Ausgabe vom 14. Jänner. Sie erkennt die durch keinerlei oberflächliche Zeremonien und religiös-sein-sollende Veranstaltungen überbrückbare Kluft zwischen religiösem und nationalem Geiste: „Ist aber die Religionslosigkeit der Heutigen erkannt, so darf es ein Spielen und Schöntun mit den verworfenen oder verlorenen Formen, ein Vortäuschen des Besitzes dessen, was den tiefsten Grund unseres Strebens bildet und was erst Ziel und Krone unseres Bemühens werden kann, nicht geben. Alle derartigen Versuche müssen scheitern und uns als Unwahrhaftiga entlairven. Konkret: zu nationalen Feiern in Palästina paßt keine religiöse Einweihung, und weil sie nicht dazu paßt, weil sie nicht mehr als ein Kompromiß und eine Täuschung ist und sein kann, so finden wir in jeden Falle als Folge der religiösen Handlung: Entgleisung, Geschmacklosigkeit und als Wirkung: Scham bei den Ernsteren. Gähnen oder Augurenlächeln bei den Zynischen." Es werden sodann zwei Vorfälle angeführt, welche die traurige Tatsache der Unvereinbarkeit des Nationalen mit dem Religiösen deutlicher illustrieren als lange Erörterungen. Deir eine spielte sich bei der Univers itätseröfinungsf e i e r ab und gipfelte in einer peinlichen und für das ganze Judentum beschämenden Szene, welche sich beim feierlichen Akt der Eröffnung in Gegenwart einer vieltausendköpfigen Menge und zahlreicher offizieller Vertreter ereignet hat. Die Konriespondentin schreibt wörtlich: „Zur Eröffnung der Feier hatte man den aschkenasischen Oberrabbiner von Jerusalem bestellt, der das neue Unternehmen einsegnen sollte. Da stand der hochgeachtete und gelehrte Geistliche vor einem vieltausendköpfigen, aus heterogensten Elementen zusammengesetzten Publikum, das zum Schauen und zu nationaler Freude gekommen war, und trug seinen Segen vor; ein von ihm zu dieser Gelegenheit verfaßtes Gebet Man kann wohl sagen, daß neunzig Prozent der Zuhörerschaft diese Schaffung einer Beziehung zwischen dem nationalen Ereignis und dem Göttlichen als künstlich empfanden, nichts dabei fühlten und für die sicherlich tiefgefühlte religiöse Ergriffenheit des Geistlichen keinerlei Verständnis hatten. Man war aber bereit, den Segensspruch als eine politische Höflichkeit gegenüber dem orthodoxen Judentum, allenfalls auch als eine auf alle Fälle nützliche Verbeugung vor dem unbekannten Gott achtungsvoll und in guter Haltung hinzunehmen, wie man es in solchen Fällen gewöhnt ist. Erst allmählich merkte man, daß es sich dem Geistlichen um mehr ais eine schnell erledigte, konventionelle Formel handelte, daß ihn das Ereignis zu einem Zwiegespräch mit Gott veranlaßt hatte, bei dem er sich zum Sprecher des Volkes machte. Bei den meisten rief das Verwunderung und Verlegenheit hervor, die immer mehr stieg, je länger das Gebet über das in solchen Fällen als üblich akzeptierte Zeitmaß hinauswuchs, und als man beobachtete, wie man von Seiten der Festveranstalter den Geistlichen zur Abkürzung