Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 5 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 «HIB m DIE WAHRHEIT sprechungen, die er macht, ohne auch nur einen Augenblick an ihre Erfüllung zu denken; man schildert die empörend rücksichtslose Art, nicht nur seine Mitarbeiter, sondern auch solche Männer zu behandeln, die — wie z. B. die Brüder Dodge — eigentlich erst seinen Aufstieg ermöglicht haben. Noch ein bezeichnender Zug seines Wesens: er hat es fertiggebracht, die Autorschaft seines berüchtigten Buches „The International Jew", das 1920 in Dearborn erschien und das ungeheures Aufsehen erregte, abzustreiten. Nicht etwa offen geradeheraus, sondern auf Schleichwegen und indem er die Autorschaft seiner Zeitschrift „TheDearbornlndependenfin die Schuhe schieben wollte. Ein Berner Prediger, J. M e s s i n g e r, der nicht glauben mochte, daß ein Mann von dem Rufe Fords sich zur Abfassung eines solchen Hetzwerkes herabgewürdigt habe, richtete an Ford 1924 eine „rekommandierte sachliche und höfliche Frage" hinsichtlich seiner Autorschaft. Ford ließ ihm durch die Redaktion des „Independent" antworten, daß die Redaktion die in dem Ford-Buche veröffentlichten Artikel, die zuvor im „Independent" erschienen seien, gesammelt und in Buchform herausgegeben habe; Ford sei nicht „der Autor" des Buches. Bedarf es erst einer näheren Beleuchtung dieser Art von „Dementi?" Daß Ford weder die Artikel, noch das Buch selbst geschrieben hat, ist ohne weiteres glaubhaft;, dazu fehlen ihm die Anfangsgründe der Bildung. Aber daß der „D e a r b o r n I ndependen t"> einvon Ford souteniertes, von ihm inspiriertes Blatt ist, das der Verbreitung seiner „Ansichten" dient, ist weltbekannt, ebenso, daß in jenem Blatte ganz selbstverständlich keineTendenzen vertreten werden, die nicht die ausdrückliche Billigung des Souteneurs gefunden haben, ja, die er nicht ausdrücklich vertreten haben will. §x &euiUeton Ehre und Arbeit. Wenn einer ein Rind oder ein Lamm stiehlt und es schlachtet oder verkauft, hat er das Rind fünffach und das Lamm vierfach zu bezahlen. II, 21, 37 Die immerhin auffallende Rechtsbestimmung, der zufolge ein Dieb für ein gestohlenes Rind den fünffachen Wert, für ein gestohlenes Lamm jedoch nur den vierfachen zu bezahlen hat, veranlaßte zwei bedeutende Talmudlehrer, den Beweggrund zu finden, der den Gesetzgeber zu dieser Verfügung bestimmt haben könnte. R. Jochanan b. Sakai sagt: „Gott berücksichtigt die Ehre eines jeden Menschen; für ein Rind, das man vor sich hertreibt, wobei sich der Dieb nicht soweit erniedrigt, daß er es selbst tragen muß, zahlt er fünffach; für das Lamm aber, das er auf seine Schultern lädt, um es heimzuschaffen, zahlt er nur vierfach, weil er sich selbst erniedrigt.*' R. Mei'r sagt: "Komm und sieh, wie hoch die Arbeitskraft gewertet wird*; für das Rind, das man der Arbeitsleistung entzieht, zahlt der Dieb fünffach, für das Lamm, das keine Arbeit zu leisten imstande ist, genügt die vierfache Schadenssumme." Dort sieht der Gesetzeslehrer in der persönlichen Ehre des Menschen, hier in der Arbeitsleistung das Wertobjekt, dessen Berücksichtigung in dem einen Falle dem Dieb, im anderen Falle dem Bestohlenen zugute kommt. Wollte man nun diese beiden Gesichtspunkte, Ehre und Arbeit, als miteinander unvereinbar ansehen, so hieße das nach dem Scheine urteilen. Denn die Arbeitsleistung, die den Dieb zwingt, das gestohlene Gut mühselig unter Preisgabe seiner persönlichen Ehre „auf seinen Schultern" heimzutragen, bedeutet eine Einbuße an Ehre, aber gleichzeitig auch Denen, die es noch nicht wissen sollten, möchte ich eine Mitteilung machen, die sie vielleicht interessiert: nämlich, daß Ford drüben im großen Publikum als der „amerikanische Don Quichotte" bekann tundberühmt ist. Der New Yorker Korrespondent des „B e r 1 i n e r T a g eb 1 a 11 s", der vor etwa einem Jahr eine Unterredung mit Ford hatte, eine Unterredung, die eine geradezu unglaubliche — Ahnungslosigkeit des Interviewten bloßlegte, schrieb am Schlüsse seines Berichtes sehr zutreffend: „Gute Kenntnisse im Automobilbau reichen offenbar doch nicht ganz aus, um den großen internationalen Problemen zu Leibe zu rücken. Und dasselbe gilt auch für verschiedene andere Gebiete des menschlichen Geisteslebens, mit denen Ford sich befaßt hat." So hat er einmal die Weltgeschichte in offener Gerichtsverhandlung als „Quatsch" bezeichnet; ein andermal hat er sich gegen die Einführung des metrischen Systems ausgesprochen, weil „man sich mit solchen ausländischen Methoden nicht abgeben soll"; und noch ein andermal ist er gegen das „überflüssige" Studium fremder Sprachen aufgetreten, weil man doch „die hohen Ideale der Menschheit am besten auf Englisch ausdrücken könne". (!) Habe ich nun Unrecht mit meiner Behauptung, daß ein Mann von dem Ansehen, von den Verdiensten Nathan Strauß', ein Mann, gegen den Henry Ford ethisch eine blanke Null ist, es nicht nötig hat, mit Kanonen auf — Ford zu schießen? Und was die Resolution des Abgeordneten Bloom betrifft: dergleichen Anträge, einem Ausschusse zur Beschlußfassung überwiesen, verlaufen erfahrungsgemäß gewöhnlich im Sande. In dem Ausschuß wird solchen Resolutionen fast immer ein Begräbnis erster Klasse bereitet. Schon gar, wenn es sich um so heikle Dinge handelt wie den Antisemiden Willen, nicht mühelos zu seinem — wenn auch unredlichen — Ertrage zu gelangen, und gibt darum Anspruch auf ein geringeres Strafausmaß. Erspart sich aber der Dieb jede persönliche Arbeit, bereichert sich sogar um die Arbeltskraft eines anderen, so wird trotz der Wahrung seiner persönlichen Ehre die Straffälligkeit größer und schwerer. Damit wird jene falsche Auffassung verurteilt, die sich erdreistet, persönliche Ehre in der Mißachtung persönlicher Arbeitsleistung zu sehen. Arbeitsscheu und Arbeitsflucht sind nie ehrenhaft, und keine Arbeit, schwere oder leichte, schädigt die Ehre des Menschen. So selbstverständlich solche Behauptung' heutzutage erscheint, so ferne lag derartige Einsicht früheren Zeiten und einer großen Gruppe von Menschen im allgemeinen. Als Rabbi Juda b. Iloi das von ihm selbst gefertigte Faß in das Lehrhaus trug, um darauf zu sitzen, und allen, die es sahen, immer wieder zurief: „Die Arbeit ehrt die Arbeiter", war er mit diesen wenigen Worten und mit seinem Tun der unentwegte Vorkämpfer für die gründliche Umstellung einer einseitigen Klassenanschauung. Der Begriff der persönlichen Ehre war Jahrhunderte lang Eigentum derer, d'dreui Hände sich am wenigsten mit der Arbeit befaßten. Der „Ehrstand" schritt untätig obenan und sah geringschätzig auf diejenigen herab, deren Arbeit und Leistung er brauchte. Lange hat es gedauert und schwerer Erschütterungen der staatlichen Ordnung bedurft, ehe das Anrecht auf „Ehre" jedem zuerkannt ward, der mit seiner Kraft — welcher Art immer — der Gemeinschaft dient. Aber es ist Gemeingut der Menschheit geworden: wer sich mit Einsetzung seinem Kraft für eine menschenwürdige Lebensführung anständig betätigt, ist ehrbar und hat Anrecht auf Ehre. Die Arbeit ist wiederum die Quelle, aus der jedermann die ehrlichen Mittel zum Leben erfließen, somit auch die indiirekte Quelle der Ehre. Darum ist auch eine niedrige Arbeit, wenn sie nur ehrliches Brot einbringt, nicht unehrenhaft, und konnten unsere Weisen sagen: „Besser ist es, du ziehst einem