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Die Wahrheit · 1927-01-28 · Heft 5 (28.1.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 5 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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€n3*fietnt Jeden &reita& (Preis dieser Jlummem: 30 $iosdleii 0/E WAHRHEIT Otesferreidiisdie IVocnenscnrift für Jüdisdke Interessen Veröffentfidkun&en der „Union deutsdkösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien II., J€emest*€äße Jt*. 13 Fernruf 42-2*16 XLIII. Jahrgang Wien, 28. Jänner 1927 Nummer 5 Allzuviel Lärm um Ford. Von C. A. Bratter. Im Unterhause des amerikanischen Kongresses hat der Abgeordnete Bloom in diesen Tagen eine Resolution eingebracht, die sich eingehend mit der publizistischen Hetztätigkeit Henry Fords befaßt. Der Beschlußantrag verlangt, daß der Kongreß einen Ausschuß einsetze, der die von Ford gegen die Juden im allgemeinen und die jüdische Finanzwelt im besonderen erhobenen Beschuldigungen prüfen soll. Es ist bekannt, daß Ford u. a. behauptet hat, die „neuen G e 1 d m e t h o d e n" seienvon Juden erdacht worden, um die amerikanische Volkswirtschaft in Abhängigkeit von den Juden zu bringen. Der Antrag ist einem Kongreßausschuß zur Beschlußfassung überwiesen worden. Eine weitere Meldung aus New York besagt, daß der greise Philanthrop Nathan Strauß, ein von Juden wie Christen hochverehrter Mann, den „Automobilkönig" öffentlich aufgefordert habe, seine A nwürfe gegen das Judentum durch eine unparteiische Kommission prüfen zu lassen, daß Ford aber — begreiflicherweise! — diese Aufforderung abgelehnt habe. Beide Schritte zur Verteidigung des Judentums, der des jüdischen Kongreßabgeordneten und der Nathan Strauß', sind an sich verständlich, sind aber — der Schreiber dieser Zeilen spricht aus seiner Kenntnis der amerikanischen Einstellung zu solchen Dingen — taktisch ganz überflüssig. Sie sind sogar schädlich; denn sie sind geeignet, dem Ford eine Wichtigkeit außerhalb seines Wagenfabrikberufs zu verleihen, die ihm in keiner Weise zukommt. Es heißt offene Türen einrennen, wenn man immer wieder daran erinnert, daß Ford, von seiner beruflichen Begabung abgesehen, ein — nun, sagen wir einmal, ein nicht ernst zu nehmender Mensch ist. Man entgegne nicht: das wissen wir Juden, aber Ford ist ein immens reicher Mensch und hat als solcher einen gewichtigen Einfluß auf die öffentliche Meinung seines Landes. Das ist nämlich grundfalsch. Henry Ford ist drüben nicht mehr und nicht weniger als eine komische Figur. Man hat eine ganze Literatur über sein berufliches Genie geschrieben, bezahlte Literaten blasen seinen Ruhm aus vollen Backen; aber Leute, die es „Gottlob nicht nötig haben" und die daher ihre Meinung frei äußern können, haben ganz anders gesprochen und geschrieben. Sie haben sich über seine „Selbstbiographie" lustig gemacht (die überflüssigerweise auch in deutscher Ausgabe erschienen ist), die natürlich nicht er, sondern ein Berufsschriftsteller, Samuel Crowther, kritiklos verfaßt hat; man spottet über die zahllosen grotesken Dummheiten, die er auf allen Gebieten außerhalb der Automobilerzeugung begeht: über seine der Lächerlichkeit verfallene „Friedensmission'4 vom Dezember 1915; über die Hunderte von verschrobenen politischen Aeußerungen, die er in Interviews und in seinem Leiborgan, dem „Dearborn Independent", von sich gegeben hat; über seine »Präsidentschaftskandidatur" 1923/24, die von jedem halbwegs erasten Politiker mit Entsetzen abgelehnt wurde; über seine Absicht, eine dritte Partei zu gründen (er hat beides, die Kandidatur, wie die Absicht bezüglich einer dritten Partei bezeichnenderweise ebenso oft dementiert wie bestätigt); über seine äußerst mangelhafte Bildung, einen Mangel, der bewirkt, daß er alles glaubt, was skrupellose Politiker und Demagogen ihm einreden, wenn sie es nur geschickt tun. Ein Ausfluß dieses für einen Mann von seiner wirtschaftlichen Bedeutung geradezu unbegreiflichen Bildungsmangels ist unter vielen anderen Dingen auch sein Antisemitismus. Oswald Garrison Villard, der Herausgeber der angesehenen New Yorker Wochenschrift „The Nation", der Sohn des verstorbenen Eisenbahnmagnaten Henry Villard (eines Deutschen), einer der Führer der amerikanischen Intelligenz, schreibt der „unglaublichen Ignoranz" Henry Fords seine Abneigung gegen die Juden zu; und in der Tat steht Ford in diesem Punkt geistig nicht um einen Zoll höher, als etwa die deutschen „Hepp-hepp"-Rufer früherer Jahre. Villard ist überzeugt: wenn Ford nicht an Ritualmorde glauben sollte (wafs übrigenskeineswegsfeststeht), so hätte das seinen Grund nur darin, daß er zufällig nichts davon gehört hat. Alles dies wissen in Amerika mehr Menschen, als man bei uns ahnt. Ford als „Politiker", Ford als „Sozialphilosoph" ist drüben ein Gegenstand des Gespöttes. Aber auch der M e n s c h Henry Ford ist ganz offen als „verächtlich" gebrandmarkt worden. Man erzählt von den zahllosen Ver-

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