Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 4 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064303--15141-3087908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 DIE WAHRHEIT im Ernste bezweifeln, daß ein echter Antisemit nicht auch fernerhin immer und überall, sobald ein Jude im Spiel ist, „die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Geistes" erkennen wird? Wem angeblich nur der „zersetzende" Geist mißfällt, der kann ruhig das „jüdische" »weglassen, denn so naiv und unwissend ist wahrhaftig kein Antisemit, daß er nicht genau wüßte, daß das sogenannte „jüdische" Kapital überwiegend in nichtjüdischen Händen sich befindet und daß ein Großteil der bolschewistischen, kommunistischen und sozialdemokratischen Führer aus — Christen »besteht. * * * Nun kommen wir, richtiger gesagt, nun kommt der Herr Bundeskanzler zur Entwicklung seiner Drei- Seelen-Theorie. Er unterscheidet, wie es scheint, gelegentlich in sich die Seele von drei Personen. Die erste ist der Bundeskanzler als Chef der Regierung. Wie verhielt sich dieser zu dem Programm mit der famosen antisemitischen Wendung? Hören wir Herrn Dr. Seipel selbst darüber: „Selbstverständ- 1 i c h" steht der Bundeskanzler als Regierungschef der Abfassung und Verlautbarung des christlichsozialen Programmes „vollkommen ferne." Bravo! ausgezeichnet! Wer würde denn nicht im ersten Augenblicke in diesem so kräftig ausgesprochenen „vollkommen ferne" zumindest eine leise Mißstimmung, eine wenn auch nur verschleierte vornehme Zurückweisung erkennen? Eine edle Seele verschmäht derbe Worte und bleibt darum docli oder darum erst recht eine edle Seele. * , * * « Doch ach, dem ersten „selbstverständlich" folgt alsbald ein zweites geradezu verblüffendes „selbstnehme Zurückweisung erkennen? Eine edle Seele spricht. Hören wir wieder Herrn Dr. Seipel selbst: „Der Bundeskanzler hat nicht aufgehört Mitglied seiner, d. h. der christlichsozialen Partei zu bleiben. Selbstverständlich bemüht er sich den Grundsätzen dieser Partei im öffentlichen Leben nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen". Das ist also schon die zweite Seele, die, wie mir bedünkt, im trüben Widerspruch zu all den schönen Erwartungen tritt, die wir nach der Enunziation der ersten Seele hegen dürften. Die erste Seele, die — auch nach den eigenen Worten des Bundeskanzler — das gleiche Recht aller Staatsbürger ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses will, stellte sich damit in den schärfsten Gegensatz zum Antisemitismus. Wie kann diese über konfessionelle Vorurteile erhabene Seele sich mit der zweiten Seele vertragen, die den Grundsätzen der christlichsozialen Partei, also einer (wie ebenfalls Dr. Seipel versichert) antisemitischen Partei im öffentlichen Leben Geltung zu verschaffen bemüßigt? Weiß der liebe Himmel; ich finde es absolut nicht für selbstverständlich, daß diese zwei „selbstverständlich", die die zwei Seelen des Herrn Doktor Seipel repräsentieren, so ruhig nebeneinander lagen, ohne sich jeden Augenblick sozusagen in die Haare zu fahren. Ich hätte es dann wirklich eher für selbstverständlich gehalten, wenn der Herr Bundeskanzler sich nicht so vollkommen ferne von der Abfassung des Parteiprogrammes gehalten hätte. Seinem sicherlich nicht ganz unbedeutenden Einfluß wäre es vielleicht gelungen, wenigstens das eine, den konfessionellen Unterschied statuierende Wort aus dem Parteiprogramm zu streichen. Dann hätte auch die andere Seele Ruhe gehabt. * * * Aber wo bleibt, wird man fragen, die dritte Seele, die denn doch zur erwähnten Drei-Seelen-Theorie des Herrn Dr. Seipel unerläßlich ist? Nun, dem Vertreter der „Jüdischen Telegraphen-Agentur" hat sich allerdings die dritte Seele des Herrn Dr. Seipel nicht offenbart. Aber wen braucht denn Dr. Seipel erst daran zu erinnern, daß aus seinen Worten und Taten zu jeder Zeit auch die Seele des Priesters sprechen muß? Wie oft schon ist die Frage aufgeworfen und erörtert worden, ob ein katholischer Priester ein Antisemit sein kann. Die Frage ist von den berufenen Vertretern der katholischen Kirche stets verneint worden und erst vor kurzem hat Pius XL, der gegen - wärtige Träger der Tiara, mit flammenden Worten den Antisemitismus als eine das Christentum schändende, die Grundlagen des Evangeliums verhöhnende Bewegung gebrandmarkt. Antisemit sein heißt, jeden Juden wegen seiner Geburt mißachten und man darf wohl jeden, der sich zu diesem, das Alte wie das Neue Testament gleichmäßig beschimpfenden Glauben bekennt, fragen, vor welchen Gestalten sein Antisemitismus Halt zu machen beliebe? Die Politiker mögen ja krampfhafte Versuche unternehmen, unmögliche Kompromisse zu rechtfertigen, aber dem gelehrten Professor der Moraltheologie würde es spielend leicht fallen, zu beweisen, daß der Antisemitismus vor dem Richterstuhl wahrer Moral und unverfälschter Theologie nicht bestehen kann. Die Ausbeuter des Judenhasses mußten nicht, wie Herr Dr. Seipel andeutet, warten, bis Kommunismus und Bolschewismus auch nur dem Namen nach bekannt waren, dem raub- und mordbereitem Pöbel genügte zwar schon zu allen Zeiten der schlichte Hepp-Hepp-Ruf, aber die Führer hielten es doch für angemessen, die scheußlichen Fratzen des Fanatismus und der Böswilligkeit hinter den verschiedenen Masken zu verbergen. Das behaupten nicht allein die Juden, dafür sprechen auch zahlreiche Zeugnisse wahrheitsliebender edler Christen. Man darf daher wirklich auch heute dem Antisemitismus, mag er wie immer dirigiert werden und t maskiert erscheinen, zurufen: „Schöne Maske, ich r kenne dich!" Wenn man bedenkt, wie verheerend in manchen Ländern die antisemitische Hetze wirkte, die schon die Gemüter der Kinder in der Schule vergiftete, dann könnte man vielleicht mitunter von der „Uebermacht des zersetzenden antisemitischen pniin^Hiiiiiiiiiiiii so' Wiener Beth-Hamidrasdt Verein Die Orient!: Generaluersommlung dieses Vereines findet am Dienstag, den 25. Jänner, halb 8 Uhr abends, im Sitzungssaale der Israel. Kultusgemeinde, Wien I., Seitenstettengasse 4, statt. Wien, 17. Jänner 1927. or. Josef Tlöio m. p. Julius Haber m. p.