Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 4 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT ■ Seite 7 zur Seite steht. Seine Gewissenhaftigkeit, sein Fleiß, seine Besonnenheit und seine Umsicht prädestinieren ihn zu der hohen Würde, welche ihm zuteil wurde. Dr. Glücksthal ist seit Jahren eines der tätigsten Mitglieder des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinschaft in Budapest und bekleidet das verantwortungsvolle Amt eines Obmannes der Unterrichtssektion. Die großen Erfolge, welche die Budapester Gemeinde in den letzten Jahren mit der religiösen Erziehung der Jugend aufzuweisen hat, sind nicht zum geringsten Teil der aufopfernden Tätigkeit Dr. Glücksthals zu verdanken. In der letzten Sitzung des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinschaft in Budapest wurde ein bereits vor Jahren gefaßter Beschluß betreffend Neugestaltung des Rabbinats-Statutes der endgültigen Erledigung zugeführt. Die Organisation des Rabbinates, mit welcher sich Punkt 10 Absatz 44 beschäftigt, erscheint nunmehr in der Weise geregelt", daß eine führende Rabbinerstelle (Ab-Beth- Din) geschaffen wird, für welche Würde der Vorstand Oberrabbiner Dr.. Simon Hevesi der Generalversammlung in Vorschlag bringen wird. Dr. M. K. Der Cherem von Munkacs. ii. Die außerordentliche Anhänglichkeit der Chassidim an ihre Rabbis, von deren Grad man sich keinen Begriff machen kann, findet nach der chassidischen Auffassung ihre Erklärung darin, daß in jeder Generation eine große Seele zur Welt komme, um die sich dann tausende und abertausende Seelen scharen. Die tausenden Seelen stünden in Abhängigkeit zu dieser großen Seele im Diesseits und im Jenseits. Diese große Seele wird dem Stamme eines großen Baumes verglichen, dem tausende von Aesten, Blättern und Früchte entspringen. Die kleineren Teile des Baumes verdanken ihr Leben der Vermittlung des Hauptstammes, der ihnen vermittelst seiner ausgebreiteten Wurzeln den von der Mutter Erde gespendeten Lebenssaft zuführt. Auch verirrte Seelen finden durch die Annäherung an diese große Seele die Gesundung ihres Gemütes. Diese Abhängigkeit besteht nach der chassidischen Auffassung in materieller Beziehung und um so mehr in geistiger transzendenter Hinsicht. Der Zadik ist die Hauptleitung, durch welche auch materielle Güter für die ihm anhänglichen Seelen zuströmen. Deswegen ist es von ganz besonderer Bedeutung, daß zu allen Unternehmungen die Chassidim den Segen ihres Rabbis für notwendig erachten. Aus dem bisher Gesagten geht War und deutlich hervor, daß der Zadik das Um und Auf seiner Chassidim ist; und je größer der Anhang, desto bedeutender der Zadik. Eine kurze Schilderung soll hier auch dem Laien das Leben und Wirken der beiden sich erbittert befehdenden Rabbi-Dynastien und ihrer Anhänger veranschaulichen. Die Dynastie Beiz: Der Begründer der Beizer Dynastie war der Großvater des jüngst verstorbenen Rabbi Schalom Rokach. Von ihm gilt in chassidischen Kreisen die Sage, er wäre in seiner Jugend ununterbrochen tausend Nächte hindurch dem Studium der heiligen Schriften oblegen, wobei ihm seine junge Gattin mit der Kerze geleuchtet habe. In der letzten dieser tausend Nächte sei die junge Frau vom Schlafe befallen worden und der Prophet Elia hu wäre dem Rabbi erschienen und hätte ihm erklärt, er sei nun würdig, das Geheimnis des Baues eines Beth Haknesses zu erfahren. Daraufhin unternahm der Rabbi den Bau der Beizer Schul, die einzig in ihrer Art ist und auch während des Krieges, wo ganz Beiz in einen Schutthaufen verwandelt wurde, unversehrt blieb. Diese Schul wurde nie ganz fertig gebaut und wird nach der Ansicht der Chassidim erst im Zeitpunkte des Eintreffens des Messias vollendet sein. Der jüngst verstorbene Beizer Zadik arbeitete noch bis zu seinem Lebensende an der Erweiterung und Ausbesserung. Chassidim erzählen hierüber folgende Geschichte: Als sich die Notwendigkeit ergab, Zubauten aufzuführen und die Wände der eigentlichen Schul durchbrochen werden mußten, fanden sich an den Durchbruchstellen blinde Fenster vor, da der große Zadik die Erweiterung vorausgesehen und für sie bereits vorgesorgt hatte. Auch besteht in diesen Kreisen der Glaube, daß die Luftlinie zwischen der Ostwand der Beizer Schul und der Stätte des Heiligtumes in Jerusalem keinen prophanen Bau durchdringe. Die Beizer Dynastie hatte also schon zur Zeit des ersten Zadiks einen großen Anhängerkreis. Sein Nachfolger, Rabbi Josua, gewann dann noch politischen Einfluß und die Anhängerschaft vermehrte sich weiter. Mit dem jüngst verstorbenen Beizer Zadik erreichte die Beliebtheit ihren Höhepunkt Zur Illustrierung seiner Persönlichkeit sei hier angeführt: In seiner Jugend wurde er einmal am Ausgange des Versöhnungstages bei der Tafel seines Vaters vermißt. Als man ihn, besorgt daß ihm etwas zugestoßen sei, suchte, fand man ihn im Beth Hamidrasch im Talmudtraktat „Sukah" vertieft; befragt, warum er nach dem langen Fasttag nicht etwas Erfrischung zu sich nehmen wolle, gab er schlicht zur Antwort, er habe das Bedürfnis nach einer geistigen Erfrischung gehabt die er nun in der zunächstfolgenden Mizwah, und das ist die Sukah, gefunden habe. In Beiz besteht auch ein Beth Hamidrasch, das seinesgleichen nicht findet. Dort sitzen zw jeder Tageszeit hunderte von Menschen, Jünglinge, Männer und Greise, über das jüdische Schrifttum gebeugt, denn die Gottesfrucht wird in Beiz mit Löffeln geschöpft. Junge Ehemänner verlassen ihre Frauen für längere Zeit, um in Beiz „zu sitzen". Die Joschwim (Sitzenden), so werden sie bezeichnet, die im Beizer Beth-Hamdirasch ihren Studien obliegen, stellen einen einzigartigen Anblick dar. Männer, die das ganze Jahr einen schweren Kampf um das tägliche Brot führen, fühlen die Notwendigkeit sich vom AUtagsgetriebe loszureissen, um in Beiz einige Wochen „zu sitzen". Der Hauptandrang dauert selbstverständlich von Rosch- Chodesch Elul bis über die Jörn im Noroim. Um diese Zeit wächst die Zahlder „Joschwim" in die Tausende, welche aus den entferntesten Gegenden zusammenströmen. Vor Beginn des Versöhnungstages pflegte der Beizer Rabbi in seiner Eigenschaft als Rabbiner des Ortes eine „Droscho" zu halten, und zwar vor den Frauen in der Weiberschul. Es wurde nie gehört was er ihnen sagte, denn das Schluchzen und Weinen der Frauen bei dem Anblick des Zadfik übertönte seine Stimme. Der Inhalt der Rede richtete sich in der Regel gegen den Unfug der Mode. Der Rabbi folgt dem Beispiel des Hohen Priesters, dessen Weg ins Allerheihgste über die „F r a u e n h a 11 e" führte. Ein großes Kontingent der anläßlich der hohen Feiertage nach Beiz strömenden Chassidim stellt die judenreiche Stadt Munkacs, woselbst eine Beizer Klaus besteht, die etliche hundert Mitglieder zählt Und da liegt düe Wurzel der Rivalität und des Hasses der Munkacser gegen die Beizer. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Von der Zwei-Seelen-Theorie hat schon jeder gehört, aber neu ist, daß unser Bundeskanzler Dr. S e i p e 1 sich im Besitze einer bisher vollständig unbekannt gewesenen Drei-Seelen-Theorie befindet und für ihn das wirklich schon sehr abgegriffene Zitat: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust'4 seine Geltung eingebüßt hat. Herr Dr. Seipel ist auf eine sehr merkwürdige Weise zu seiner Entdeckung gelangt. Er hat sie bei der Erläuterung des viel erörterten Absatzes gefunden,.in welchem das christlichsoziale Parteiprogramm die Bekämpfung „der Uebermacht des zersetzenden jüdischen Geistes" fordert. Der Herr Bundeskanzler behauptet nämlich, daß nicht das antisemitische Bekenntnis dieses Programmes eine Ueberraschung bedeute, sondern daß vielmehr die zarte Formulierung dieser ebenso menschenfreundlichen wie liebenswürdigen Gesinnung gütige Beachtung verdiene. Die christlichsoziale Partei sei ja als antisemitische bekannt, bekämpfe aber dermalen doch nicht, was man von einer solchen erwarten sollte, die Juden im allgemeinen, sondern bloß „die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses". # * * War es wirklich eine Ueberraschung für Herrn Dr. Seipel, wenn er nun von allen Seiten hört, daß diese diplomatische Formulierung schließlich den radikalsten Antisemiten ebenso befriedigen wie den zahmsten Juden verletzen muß? Kann denn jemand