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Die Wahrheit · 1927-01-21 · Heft 4 (21.1.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 4 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 treue Judentum ist daher seit Jahrtausenden eine der wertvollsten Kraftquellen für die Erhaltung und Erneuerung des Gesamtjudentums und als solche auch von jenen Juden stets verständnisvoll unterstützt worden, welche in der Frage der religiösen Vorschriften und Gebote keinem so rigorosen Standpunkte huldigen wie ihre strenggläubigen Glaubensbrüder. So kam es, daß in fast allen jüdischen Gemeinden der Welt, auch in jenen, in welchen die überwiegende Mehrheit der Gemeindemitglieder einer liberaleren Auffassung religionsgesetzlicher Bestimmungen huldigt, auch den religiösen Bedürfnissen der strenggläubigen Gemeindemitglieder in weitestem Ausmaße Rechnung getragen wurde. Gerade die Wiener jüdische Gemeinde, die als die zweitgrößte 'Judengemeinde Europas in vieler Beziehung richtung- und beispielgebend für alle übrigen Gemeinden wirkt, hat sich als Beschützerin der Rechte des orthodoxen Judentums stets bewährt und es ist sicher kein Zufall, wenn der Budgetreferent der Wiener Kultusgemeinde Regierungsrat Doktor Oppenheim in einer der letzten Sitzungen des Kultusvorstandes bekannte, daß er, wiewohl er persönlich nicht orthodox gesinnt sei, dennoch den Forderungen der strenggläubigen Judenschaft das größte Verständnis entgegenbringe. Gerade in einer Frage könnte dieses Verständnis sich segensvoll auswirken, nämlich in der Frage der Unterbringung religiös gesinnter junger Leute in kaufmännischen und industriellen Betrieben, und zwar unter Berücksichtigung ihrer reliliösen Vorbehalte. Die strenggläubige Jugend Wiens stammt größtenteils aus ehrbaren Kaufmannsfamilien und ist schon aus diesem Grunde zur kaufmännischen Laufbahn besonders prädestiniert. Der diese Genüsse habe sich Jethro gefreut, sondern über das Glück und das Gute, das dem ganzen Landie Israel erwuchs. Ja, es gibt noch Menschen — sie sind selten, aber sie sind noch da —, die sich freuen und freuen können, wenn die Wahrheit und das Recht siegen, wenn Gutes und Edles in der Menschheit vollbracht wird. Sie freuen sich für die Unterdrückten, denen Freiheit zuteil wird; sie kennen keine Schadenfreude über die Besiegten — sie haben nur die reine, selbstlose Freude darüber, daß in der Welt und Menschheit eine gute Tat gekostet wurde, und ein Elend, über das sich jedes gerechte Herz, jeder menschliche Sinn empören mußte, aufgehört hat. Diese Freude der Guten ist der schönste Ruhm und war Moses Lohn genug für sein ganzes Werk und all' das Mühsal, galt ihm als höhere, bessere Anerkennung für sein Wirken als alles, was Volk und Menge und er selbst davon hätte sagen können. Alle drei aber, Volk, Führer und Freund, sind einig in einem: „altes, was Gott getan hat" anzuerkennen. Ob es die Hilfe an Moses und Israel, ob es das Strafgericht an Pharao und Aegypten oder das Gute, das dem Volke Israel von Gott erwiesen ist, Ruhm und Anerkennung des Erfolges gehört unemgeschränkt Gott, dem Herrn. Das ist der wahre Ruhm, der sich immer und überall bewußt bleibt, von Gott Kraft und Erfolg erhalten zu haben. Darum aber sagen unsere Alten, es wäre beschämend für Moses und die sechshunderttausend Israeliten, daß erst Jethro das Wort gefunden bat: „Gelobt sei Gott, der euch errettet hat", daß erst der heidnische Priester zu Dank und Lob Gottes auffordern mußte. Deshalb leiten sie die Verpflichtung für ganz Israel einen Lobspruch für Gott zu sprechen, wenn man eine Stätte sieht, an der Israel göttliche Hilfe geschehen ist. von diesem Beispiel Jethros ab und sicherten seihen Enkeln einen Sitz im Rate der Quaderhalle. Anerkennung der berühmten Leistung ist auch e?n Ruhm und schönster Ruhm ist ehrliche, aufrichtige Dankbarkeit gegen Gott, „der Sieg verleiht den Königen". D. V. Kur rein. vollen Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse — die meisten haben auch eine gründliche theoretische Durchbildung in allen kaufmännischen Fächern genossen — stehen, abgesehen von der schweren Wirtschaftslage, in der sich die jüdische Geschäftswelt befindet, auch jene Hemmnisse entgegen, welche sich aus der strengen Beobachtung des heiligen Gebotes der Sabbathruhe und der Einhaltung der Feiertage ergeben. Die Zahl der an Samstagen und den hohen Feiertagen geschlossenen jüdischen Geschäfte ist in Wien keine so große, daß hier alle beschäftigungssuchenden strenggläubigen Jünglinge Anstellung finden könnten. So kommt es, daß ein hervorragender Teil unserer Jugend auf ihr vollkommen fernliegenden Gebieten sich betätigen muß, da sie auch um den Preis der allergrößten Opfer an ihrer religiösen Ueberzeugung unwandelbar fest hält, oder, wie dies in jüngster Zeit leider häufig der Fall war, zur Auswanderung gezwungen ist. So hat sich zum Beispiel in Paris eine ganze Kolonie strenggläubiger Wiener Jünglinge gebildet, da dort nicht nur amSabbath offenhaltende jüdische, sondern auch nichtjüdische Firmen diesen jungen Leuten unter Einräumung der Sabbathruhe Beschäftigung gegeben haben. Diese Unternehmer waren nämlich der Anschauung, daß Angestellte, die ihrer Religion in solchem Maße ergeben sind, daß sie auch vor den schwersten Opfern nicht zurückscheuen, auch ihren Dienstgebern die Treue bewahren werden, und tatsächlich haben sie mit den Wiener orthodoxen Jünglingen die allerbesten Erfahrungen gemacht. Warum sollte das, was in Paris möglich war, nicht auch in Wien möglich sein? In Wien dauert der Geschäftsverkehr am Samstag durchschnittlich nur fünf Stunden, welche besonders im Engrosverkehr keine so große Bedeutung besitzen, und doch war es bisher fast gänzlich ausgeschlossen, Anstellungswerber, die an Samstagen frei haben wollen, in Samstag geöffneten jüdischen Betrieben unterzubringen. Trotz noch so großer Vorzüge und noch so guter Eignung blieben die orthodoxen Anstellungswerber gegenüber den nicht strenggläubigen jüdischen und den nichtjüdischen Arbeitssuchenden in der Nachhand und waren deshalb — wie bereits erwähnt — zur Auswanderung gezwungen. Und dennoch wäre es nicht schwer, diesem für einen wertvollen Teil unserer Jugend sehr schmerzlichen und bedrückenden Zustand ein Ende zu bereiten. Ein Versuch würde so manchen Chef davon überzeugen, daß er seinem Unternehmen nicht nur nicht schadet, sondern ganz im Gegenteil nützt, wenn er unter seinen Angestellten auch einen jungen Mann besitzt, der mit dem nötigen Verständnis für die Bedürfnisse des kaufmännischen oder industriellen Betriebes auch das Gefühl tiefster Dankbarkeit seinem Dienstgeber gegenüber dafür verbinden würde, daß er es ihm ermöglicht hat, seinem Glauben und dem Galuben seiner Väter treu zu bleiben. Gern würde ein solcher junger Mann bereit sein — ja es erscheint fast überflüssig, diese Selbstverständlichkeit noch besonders hervorzuheben — die ihm am Samstag und an den Feiertagen freigegebene Zeit durch intensivere Arbeit und freiwillige Mehrarbeit an den übrigen Wochentagen nicht nur einzubringen, sondern sogar noch doppelt und dreifach zu ersetzen. Jeder Chef würde sich durch Einstellung

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