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Die Wahrheit · 1927-01-21 · Heft 4 (21.1.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 4 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT kriegsverwirrung entsprungen und erweckt, wenn sie wirksam verwertet wird, auf bloßer Halluzination beruhende Zwangsvorstellungen auch in den Kreisen des politisch indifferenten oder durch die letzten Enthüllungen von der Politik angeekelten Bürgertums, das auf diese Weise für die christlichsoziale Partei geködert werden soll. Auch hierin erweist sich Dr. Seipel als glänzender Taktiker: Kommunismus ist noch ärger als Korruption . . . Und die Juden sind Kommunisten .... Dr. Seipel verspricht, „den Grundsätzen seiner Partei im öffentlichen Leben nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen". Er wird demnach mit aller Entschiedenheit dem „zersetzenden jüdischen Einfluß" entgegentreten, in dessen „Uebermacht auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete" er sich schon im Voraus die Rechtfertigung eventueller judenfeindlicher Maßnahmen in Gesetzgebung und Verwaltung für alle Fälle zu sichern bemüht ist; allerdings nur im Rahmen der österreichischen Verfassung, die, wie Dr. Seipel zu betonen nicht unterläßt, allen Staatsbürgern ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses das gleiche Recht zusichert, natürlich auch das Recht, für die christlichsoziale Partei bei den kommenden Wahlen so viele Stimmen abzugeben, als sie nur wollen. „Die Juden", so schließt der Bundeskanzler seine Enunziation, „haben nicht zu erkennen gegeben, daß ihnen das christlichsoziale Parteibekenntnis irgendwelche Sorge eingeflößt hätte". Auch hierin hat Dr. Seipel recht. Sie haben sich alle Pauschalverdächtigungen ruhig gefallen lassen, sie haben in keiner Weise gezeigt, daß sie sich durch den frischaufgewärmten christlichsozialen Antisemitismus irgendwie beunruhigt fühlen, sie $eutlletoii Ruhm. Jethro freute sieb Uber all das Gute, das Gott Israel getan hatte, daß er es aus der Hand Aegyptens errettet hatte. 11, 18, 9 Als Moses, so sagen unsere Alten, noch ein armer, unbekannter, ruhmloser fiirte des Jethro war, hieß es: „er kehrte zu Jethro, seinem Schwiegervater, zurück; war Jethro der angesehene Priester von Midjan, sein Ruhm und seine Ehre, war er der unberühmte Schwiegersohn des berühmten Schwiegervaters. Als Moses nach glücklich vollbrachtem Beireiungswerke zurückkehrte, schreibt die Thora: .;es hörte Jethro, der Priester von Midjan, der Schwiegervater des Moses". Jetzt ist Moses nicht mehr „Schwiegersohn des berühmten Schwiegervaters", sondern Jethro ist der „Schwiegervater des berühmten Schwiegersohnes". Mit dem Ruhm und der Berühmtheit hat es eine eigene Bewandtnis. Anders offenbart er sich im Munde der Menge, anders im Munde des Berühmten selbst und anders im Munde des Freundes. Man braucht nur mit Aufmerksamkeit auf die Worte der Schrift zu achten, um sich seine Gedanken über Bewertung großer Taten und Leistungen machen zu können. Denn die Thora beginnt ihren Bericht mit den Worten: „Jethro der Priester Midjans, der Schwiegervater Moses, hörte alles, was Gott an Moses und seinem Volke Israel getan, daß Gott Israel aus Aegypten herausgeführt habe." Das Gerücht und Gerede, die Fama, stets schneller und schnellfüßiger als die Sieger und Helden, bringt eilfertig die Kunde, wie sie dem Schwiegervater erwünscht und angenehm sein muß, „Moses wie Israel, Israel wiö Moses." hebt Moses auf die Stufe von ganz Israel, und ganz Israel sehen dem kommenden Wahlkampf, der wie gewöhnlich auf ihrem Rücken ausgetragen werden wird, und allen Bestrebungen maßgebender Kreise, eine frisch-fröhliche Judenhetze zu entfalten, mit grenzenlosem Gleichmute und geradezu selbstmörderischer Passivität entgegen. Sie nehmen es widerspruchslos zur Kenntnis, wenn ein im öffentlichen Leben stehender getaufter Jude, Kommerzialrat Oskar B e r 1, just in dem Momente des Erscheinens des antisemitischen Parteiprogramms in einer öffentlichen Versammlung Propaganda für die Christlichsozialen betreibt und freimütig erklärt, „er habe trotz seiner jüdischen Abstammung schon bei den letzten Wahlen christlichsozial gewählt". Wohlgemerkt: Herr Berl spricht bloß von „jüdischer Abstammung", aber nicht von „jüdischer Gesinnung". Da aber die „Abstammung" allein noch nicht den Juden macht, sind wir überzeugt, daß Herr Berl mit seiner Anschauung ziemlich allein stehen wird. Das möge sich Herr Dr. Seipel gesagt sein lassen! Sabbathtreue Großstadtjugend. Die nachfolgende uns von orthodoxer Seite zugekommene Anregung bringen wir um so bereitwilliger der jüdischen Oeffentlichkeit zur Kenntnis, als sie ein wichtiges Problem aufrollt, für welches wir bei unseren Lesern volles Verständnis voraussetzen. Die Red. Welchen Standpunkt man auch persönlich zu den Bindungen der jüdischen Religionsgesetze einnehmen mag, man wird zugestehen müssen, daß der Nährboden für die kulturelle und geistige Entfaltung des Judentums seine Religion ist. Das r e 1 i g i o n sauf die Stufe von Moses, berichtet, was Gott diesen beiden getan, meldet den großen, siegreichen Erfolg — und schweigt über alles andere. Als Schwiegervater und Schwiegersohn mit einander zusammentreffen, als die Ereignisse der letzten Zeit zur Sprache kommen, heißt es iin der Schrift: „Moses erzählte seinem Schwiegervater all' das, was Gott dem Pharao und den Aegyptern getan wegen Israels, und all" das Mühsal, das sie am Wege betroffen, und daß sie Gott gerettet hat." Anders klingt der Bericht aus dem Munde Moses, dem gefeierten, berühmten Mann, dem Helden des Tages, der die Arbeit geleistet und vollbracht hat. Kein Wort von sich und über sich! Sein Name bleibt ungenannt. Gott, Pharao, Aegypten, Israel sind die Namen, die genannt werden. Moses, der Sendbote Gottes, der Sprecher und Führer, verschwindet als ein Ungenannter, Ungekannter in seinem Berichte!, aber eines vergißt er nicht: „all4 das Mühsal, das sie auf dem Wege betroffen". Schön ist der Sieg, schön der Erfolg, aber der Weg dahin ist steil und schwer. Die wahrhaft große Tat, der entscheidende Erfolg ist kein Glück, das Gott im Schlafe gibt, er will erarbeitet, mit Mühe, Sorge und Not errungen sein. Lorbeer ist ein bitteres Blatt! — Nachdem Moses seinen Bericht geendigt hatte, da schließt die Thora an: „Jethro freute sich über all' das Gute das Gott an Israel getan, daß er es aus der Hand Aegyptens gerettet hatte." So hört ein einzelner., ein Seltener, Kunde von großen Taten. Das Auge sieht nicht Fettnd noch Feind, das Ohr vernimmt nicht Klagen noch Anklagen — das Herz freut sich des Guten, das erreicht worden ist Er denkt nicht an den Ruhm des Schwiegersohnes, nicht an das Unglück und die Schande der Feinde — er sieht nur das Gute der Tat und der Hilfe Gottes. Sagen daher unsere Alten, Jethro habe sich über das Manna gefreut, das Gott geschickt hatte, das den Geschmack aller guten Speisen hatte, daß er sich über den Brunnen gefreut, dein Gott Israel in der Wüste geöffnet, und dessen Wasser bald wie Wedn, bald wie Milch, bald wie Honig labte und erfrischte, so hat R. Elieser fhre Worte mit Recht berichtigt, wenn 'er sagt, nicht über

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