Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 4 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£rs*fkeint Jeden STreitag (Preis dieser Jfflummev: 50 9vos<nen D/E WAHRHEIT Cestmeidkisdke Wo&ensdfaift für ßUüisdke Jnteressen ^gfr Veröffenttictkunüen der „Union deutscfiösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien ##., 3f€einestK€M0e Jtr. 13 Femruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang__Wien, 21. Jänner 1927_Nummer 4 Also sprach der Bundeskanzler . . . Wir haben in der vorletzten Nummer das neue christlichsoziale Parteiprogramm besprochen und auf die inneren Widersprüche im Manifest der österreichischen Regierungspartei hingewiesen; insbesondere wurde der antisemitische Anstrich, den das Programm aufweist, hervorgehoben und das Bedauern ausgesprochen, daß sich die führende Partei unserer Republik nicht von den Schlagworten der Gasse freimachen konnte und antisemitische Politik betreiben zu müssen glaubt. Wir haben auch die Schlußfolgerungen gezogen, die sich für die österreichische Judenschaft aus dieser Tatsache ergeben. Nunmehr hat sich Bundeskanzler Doktor S e i p e 1 bemüßigt gefühlt, einen Kommentar zum Judenpunkt im Programm seiner Partei herauszugeben, der, wie wir vorausschicken wollen, unsere seinerzeitige Auffassung über die Einstellung der Christlichsozialen uns Juden gegenüber durchaus bestätigt. Bundeskanzler Seipel stellte nämlich dem Wiener Vertreter der „Jüdischen Telegraphen-Agentur" nachfolgende Aeußerungen zur Verfügung: Es wäre zu verwundern, wenn die Juden der ganzen Welt durch diese programmatische Aeußerung tatsächlich beunruhigt worden wären. Denn die chrrstlichsoziale Partei, die seit Jahrzehnten besteht und ihr Programm in keinem wesentlichen Punkte geändert hat, ist ja ohnehin als eine antisemitische Partei bekannt. Es kann daher keine lieber raschung bedeutet haben, daß in ihrem jetzt veröffentlichten Programme ebenfalls eine antisemitische Wendung vorkommt. Wohl aber verdient die Art, wie der Antisemitismus den christWchsozialen Partei in der jetzt veröffentlichten Programmformulierung zum Ausdruck kommt, beachtet zu werden. Diese Partei bekämpft, wie sie selbst sagt, nicht die Juden und auch nicht den Einfluß, den die Juden auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete ausüben, sondern nur die „Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflüsse s". Daß es in manchen Teilen der Welt einen gewiß nicht im Charakter der jüdischen Nationalität oder gar im Wesen der jüdischen Religion, vielleicht aber in der Geschichte der Juden begründeten übermächtigen zersetzenden jüdischen Einfluß gibt, fühlen die Völker des europäischen Ostens, denen Oesterreich sehr nahe benachbart ist. Daß die Führer und Propagandisten des russischen Bolschewismus, des mit ihm zusammenhängenden Kommunismus in Deutschland und Oesterreich und auch des sehr radikalen, die materialistische Geschichtsauffassung vertretenden und, vom Standpunkte der konservativen christlichen Bevölkerung gesehen, kulturkämpferisch eingestellten österreichischen Sozialismus zum Großteil Juden sind, erklärt den antisemitischen Einschlag in der Volksstimmung wohl zur Genüge. Selbstverständlich steht der Bundeskanzler als Regierungschef der Abfassung und Verlautbarung des christlichsozialen Programmes zu Neujahr 1927 vollkommen ferne. Da wir aber eine parlamentarische Regierung haben, deren Mitglieder vom Parlament aus den Vertretern der politischen Parteien gewählt werden, hat der Bundeskanzler nicht aufgehört, Mitglied seiner, d. h. der christlichsozialen Partei zu bleiben. Selbstverständlich bemüht er sich, den Grundsätzen dieser Partei im öffentlichen Leben nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen. Niemals aber hat die Zugehörigkeit zu dieser Partei ihn gehindert, die Ordnung im Staate, also auch das gleiche Rech t aller Staatsbürger Oesterreichs, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, aufrecht zu erhalten. Die:-e Tatsache ist den österreichischen Juden wohl bekannt, sie wird von ihnen auch gewürdigt. Sie haben nicht zu erkennen gegeben, daß ihnen das christlichsoziale Parteibekenntnis des Regierungschefs irgendwie Sorge eingeflößt hat. „Die christlichsoziale Partei .... ist ja ohnehin als antisemitische Partei bekannt". Das stimmt; nur hat sich diese Partei, wenn es ihr aus taktischen Gründen gepaßt hat, sehr bemüht, ihre antisemitische Gesinnung — sagen wir — zurückzustellen, so daß sie beinahe ganz in Vergessenheit geraten wäre; nun ihr aber aus wahltaktischen und anderen Gründen der Antisemitismus gute Dienste zu leisten verspricht, erinnert sie sich dieser in Oesterreich leider noch immer brauchbaren Wahlparole; „Wir sind ja stets Antisemiten gewesen .. ." Man müßte eigentlich Herrn Dr. Seipel für dieses offenherzige Bekenntnis Dank wissen, denn es schafft Klarheit in der schwülen Atmosphäre der österreichischen Politik. „Diese Partei bekämpft, wie sie selbst sagt, nicht die Juden (man kann nicht wissen ....), sondern nur dieUebermacht des zersetzenden jüdischen Einflüsse s". Diesen „fühlen besonders dieVölker des europäischen Ostens, dem Oesterreich sehr nahe benachbart ist". Soll damit vielleicht das Bedauern des allerchristlichsten Bundeskanzlers ausgedrückt erscheinen, daß in Oesterreich punkto Antisemitismus nicht jene Zustände herrschen, wie etwa in U ng a r n und Rumänien, welche Länder „Oesterreich sehr nahe benachbart sind"? Doch Herr Seipel hält auch nicht mit seiner Meinung zurück, was unter „Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses" eigentlich zu verstehen sei: „B o 1 s c h c w i s m u s", „Komm unismu s'\ „S o z i a 1 i s m u s", Judentu m". Die Verbindung dieser Begriffe, die sich erst jüngst bei den ungarischen Wahlen als zugkräftige Wahlparole erwiesen hat, ist der Angstneurose der Nach-