Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Dflg WAHIttl&T Seite 9 VeTöffenttidkun&en der „Union «c Wim IX. 33erggasse % &o& fsparJkassen- JftonJo Jim. &eM. 10-2-77 Rumänien. Ein Wort zu den neuesten Ereignissen. Von Dr. Paul Nathan, Berlin. Mommsen, der unsterbliche Historiker des römischen Weltreiches, der; die Italiener ihren großen Theodor nannten, war nicht milde in seinen Urteilen. Voller Leidenschaft und spitz wie eine gute Klinge und machtvoll wie eine kräftige Keule kamen ihm die Worte, wenn er mißbilligte oder haßte. Als ich ihm einmal von den Judenmassakers in Rumänien erzählte, stieß er in seiner abgehackten Weise hervor: „Ja. was wollen Säe; die römische Verbrecherkolonie an der unteren Donau." Bs ist richtig. Das war das heutige rumänische Land vor rund.fast zweitausend Jahren. Seitdem sind über diese Gebiete immer erneut Völkerwellen hinweggeflutet: Germanen, Slawen, Türken. Mischungen und stets neue Mischungen haben sich ergeben. Ob die Verbrecherkoloniie aus Roms Zeiten, über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg, Teilen der Bevölkerung den Stempel immer noch aufgedrückt hat, ob Rumänien nur einen zurückgebliebenen Typus europäischer Staatsentwicklung darstellt, Vielleicht den zurückgebliebensten — die Wissenschaft gibt noch keinen Maßstab an die Hand, um hierüber eine endgültige Entscheidung treffen zu können. Zurückgeblieben ist dieses Land jedenfalls — obgleich sein politisches Leben sich scheinbar in ganz modernen Formen abspielt. — Rumänien verfügt über ein „konstitutionelles" Königtum und über den durchgeführten „konstitutionellen" Parlamentarismus, und es verfügt gleichfalls über ein völlig geknechtetes, ungebildetes, in Armut noch immer versunkenes Bauerntum; und dde Herrenmenschen dieses „parlamentarisch" regierten Landes belustigen sich an blutigen J uuleinfhieitzieni genau wie in den Zeiten des dunkelsten Mittelalters; die Juden werden getötet, verprügelt; diesmal nur ein bißchen blutig geschlagen, diesmal nur ein wenig ausgeraubt. Und die Regierung dieses „parlamentarisch regierten" Landes — mit Verlaub zu sagen — sieht diesem Schauspiel zu; tatenlos, tagelang, sogar wochenlang, bis dann schließlich der Belustigung genug ist, und das Leben erneut seinen langweiligen Alltagstrott einschlägt, ohne eingeschlagene Judenschädel. Oft genug hat das rumänische „Bürgertum" der Städte diesem abwechslungsreichen und auch einigermaßen einträglichen Sport obgelegen; diesmal war es die rumänische, jedenfalls hoffnungsreiche Universitätsjugend vor allem. Warum eigentlich? Die Zahl diec Juden in Rumänien ist eine geringe, eine kleine, man kann gewiß nicht sagen, daß die Universitätsjugend unter den Juden leidet; aber darum bleibt es doch spaßhaft, die Juden zu verprügeln, und jüdische Fenster, die eingeschlagen werden, klingen sehr lustig, und jüdische Waren, die in den Schmutz der Straße gestreut werden und hin und wieder auch gänzlich verschwinden, können doch wenigstens die Herrennatur rumänischen Studententums erweisen. Die rumänische Regierung sieht dem zu; rumänische Parlamentarier applaudieren diesen Vorgängen, und sollte eine Zeitung der vaterlandslosen Radikalen — Radikale, die für Fortschritt, für Entwicklung sind, gehören natürlich immer zu dem vaterlandslosen Gesindel — diese Nationalvergnügungen der gebildeten und büdungsbeflissenen Jugend verständnislos kritisieren, so erzieht man auch diese unverständigen Mißvergnügten durch Fenstereinwerfen — bei milderer Behandlung — und durch Zerstörung der Druckmaschinen bei ernsteren Verfehlungen, Prozeduren, dde der „gebildete" Universitätsmob und sein Anhang zur Hebung des nationalen Niveaus anwenden zu müssen glauben. Wir entarteten Westeuropäer — vorurteilslose Christen wte Juden.— stehen dieser Erziehungsmethode ohne das genügende Verständnis gegenüber. Wir fräsen uns zunächst: Was hat eigentlich den Haß der Universitätsiugend gegen die Juden entzündet? Die Zahl der Juden in Rumänien ist eine geringe; sie nehmen der studierenden rumänischen Jugend keine Plätze fort, denn Juden erhalten in diesem Staate „an der unteren Donau" keine Aemter; die Juden in Rumänien sind nicht reich; sie sind überwiegend Handwerker und kleine Kaufleute; nicht einmal, wenn man sie ausplündert, könnte für die plündernden Patrioten sich ein wesentlicher Gewinn ergeben. In Rumänien ist die Judenfrage keine soziale Frage; keine Frage der sozialen Umschichtung. In Rumänien gibt es nur zwei soziale Schichten von Bedeutung: die heute herrschende Herrenschicht und die breite Masse, die von der Herrenschicht bedrückt ist, vor allem die Bauern, und dann das Kleinbürgertum, in das auch die Juden eingeschlossen sind. In Rumänien ist die Judenfrage nicht eine Frage der sozialen Schichtung, der Klassengegensätze, sondern eine Frage der barbarischen Zurückgebliebenheit gegenüber der modernen Entwicklung. Die einen plündern diejenigen bereitwillig, die man zu plündern ihnen erlaubt oder doch gestattet, und die anderen, die Studenten, toben ihr jugendliches Kraftgefühl und ihren mißleiteten, überspannten Patriotismus gegen Menschen aus, die mit roher Gewalttätigkeit zu behandeln in der Enge osteuropäischer Zivilisationslosigkeit — dort, wo dia Zivilisation nur ein ganz dünner Firnis ist — gänzlich gefahrlos für die sogenannten Herrenmenschen sich darstellt Und in diesem Staatswesen sieht die Regierung, die ihre Gagner in die Gefängnisse wirft, sie halbtot oder auch mehr als halbtot piügeln und quälen läßt, erklärlicherweise tatenlos zu im besten Falle; vielleicht auch aufmunternd und billigend, denn ein bißchen Judenhatz und Judenkrawall und Judenplünderung und im scMimmsten Falle Judentotschlag ist immer noch bedeutungslos und etwas ablenkend von Bauernrevolten, bei denen die Gutshäuser der Bojaren in Flammen aufgehen, wie man es erlebt hat, und wo dann ganze Gehöfte und selbst Dörfer mit Artillerie zusammengeschossen werden mußten, um der Welt alsdann wieder das Schauspiel eines wohlgeordneten rumänischen monarchischen Staatswesens auf gesicherter friedlicher Grundlage vortäuschen zu können. In welchem Umfange der Völkerbund in Genf auf die Beseitigung der heutigen traurigen Judenkrawalle wird einwirken können, mag sehr zweifelhaft sein; gleichwohl soll man nicht höhnisch und systematisch den Völkerbund in der öffentlichen Meinung der zivilisierten Welt herabsetzen. Der Völkerbund leistet gewiß noch nicht alles das, was von ihm berechtigterweise erwartet werden kann. Er ist ein Anfang, keine Erfüllung. Aber Hohn über seine Unvollkommenheiten wäre geeignet, auch eine spätere Erfüllung weiter hinauszuschieben. Und eines steht fest, auch schon die Möglichkeit einer Intervention des Völkerbundes wird auf die rumänischen Politiker ernüchternd und abschreckend wirken. Die Aussicht ist nicht angenehm, von dem Aeropag der zivilisierten Mächte zur Ordnung, zur Beobachtung zivilisierten Handelns öffentlich aufgefordert zu werden. "Genf ist für barbarische Regierungen die Rute hinter dem Spiegel, die ihrer Wirkung selbst dann nicht vollkommen entbehrt, wenn sie nicht herabgenommen und nicht in Bewegung gesetzt wird. Auch unerfreuliche Möglichkeiten wirken schon erzieherisch. Ganz unmittelbar und sehr eindringlich kann hingegen ein anderes Mittel in Anwendung gebracht werden. Rumänien ist ein Staat, und in Rumänien herrscht eine Kaste, deren Geldbedürfnisse chronische und stets dringende sind; und zwar auch im Augenblick. Dieses Rumänien mit seiner barbarischen Bojarenherrschaft hat auch gerade jetzt wieder bei einer ganzen Reihe von Tresortüren angeklopft, um eine größere Anleihe zu bekommen. Es erhielt Abweisungen mit Rücksicht auf die allgemeine Lage des Geldmarktes; diesen Abweisungen ist eine perpetuierliche Fortsetzung zu wünschen, zugleich mit Rücksicht auf die innerpolitische Lag»