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Die Wahrheit · 1927-01-14 · Heft 3 (14.1.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 3 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAmOffilt Seite? Der Cherem von Munkaes. Der Bannfluch, der durch den rabbinischen Rat von Munkacz jüngst ausgesprochen wurde, hat die ganze jüdische und auch die nichtjüdische Welt in umso größere Erregung versetzt, als die Zeitungen, welche über das in der jüdischen Geschichte einzig dastehende Ereignis berichtet haben, zahlreiche Unrichtigkeiten und Uebertreibungen enthalten, welche geeignet sind, dem Vorfall eine ganz andere Bedeutung zu geben, als ihm tatsächlich zukommt. Deshalb haben wir uns an einen genauen Kenner der Verhältnisse- und des Sachverhaltes gewendet, der in einer Reihe von Artikeln, die fortlaufend in unserem Blatte erscheinen werden, den Sachverhalt aufklären wird, der geradezu an mittelalterliche Zustände grenzt. ' I. Am Fuße der Karpathen liegt das Städtchen, aus welchem in den letzten Tagen ein Ereignis gemeldet wurde, das überall in der jüdischen und nichtjüdischen Welt berechtigtes Auisehen hervorgerufen hat. Das Rabbinerkollegium (Bes Din) der orthodoxen Gemeinde Munkaes hat einen großen Bannfluch (Cherem) gegen nicht namhaft gemachte Personen ausgesprochen, welche beleidigende Flugschriften gegen den Oberrabbiner von Munkaes Chaim Eleasar Schapiro verbreitet haben, sowie gegen diejenigen, welche, sei es in Wort oder Schrift, sich noch weiterhin zu Beleidigungen gegen genannten Rabbiner hinreißen lassen würden. Als Grundlage dieses Cherems diente dem genannten Rabbinerkollegium vor allem eine Flugschrift anonymer Herkunft, in welcher Oberrabbiner Schapiro beschuldigt wurde, er hätte den jüngst verstorbenen Rabbi von Beiz noch im Tode geschmäht, welche Handlung nach dem talmudischen Gesetz die Verbannung nach sich zieht. Der Zweck des Cherems besteht darin, die Ehre des Munkacser Rabbis zu retten. Es gibt drei Abstufungen des Bannes. Der erste Grad wird Issur genannt, der zweite heißt Nidui, der dritte und schärfste Grad ist der Cherem. Der Issur findet heute noch häufige Anwendung im Judentum, und zwar bedienen sich desselben Gemeinden, die ihre Einnahmsquellen durch Verzehrungssteuern auf Koscherfleisch, aber auch auf andere Lebensmitteln sichern, um diejenigen Lebensmittel, von welchen keine Steuern entrichtet wurden, mit dem Verbote zu belegen („assern"). Hingegen kommt der zweite Grad Nidui seltener in Anwendung, und zwar pflegt er dazu zu dienen, die Autorität zu schützen. Mitglieder einer Gemeinde, welche sich den Anordnungen der Mehrheit oder den Bestimmungen des Rabbinates nicht fügen, werden in eine Art Verbannung getan, d. h. solange aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, bis sie sich fügen. Cherem, der schwerste Grad des Bannes, pflegt heute überhaupt nicht mehr vorzukommen und selbst zurzeit, wo er noch angewendet wurde, auch nur in den seltensten Fällen, und zwar gegen eine Partei oder Gruppe, die sich auf das schwerste gegen die Grundprinzipien des Judentums vergangen hat. Die Geschichte des Judentums verzeichnet den jüngsten Cherem vor etwa 60 Jahren, dessen Ursache ebenfalls in einem chassidischen Streit gelegen war. Vor ungefähr 160 Jahren wurde der Cherem gehandhabt, und zwar in dem großen Streit zwischen Rabbi Eibenschütz von Prag und Rabbi Emden in Altona um die Anhängerschaft an Sabbatai Zwi (Amulettenstreit). Auch der große Cherem gegen die griechische Philosophie, die seinerzeit als Gefahr für das Judentum angesehen wurde, hat nur prinzipielle Bedeutung gehabt. Ganz anders der jüngste Cherem, welcher in Munkaes ausgesprochen wurde, dem ausschließlich persönliche Motive zugrunde- Begen. Wenn sich das Rabbinerkollegium einer Stadt oder Gemeinde das Recht herausnimmt, den schwersten Bannfluch, den das Judentum kennt, gegen eine Partei auszusprechen, von welcher sie nur durch persönliche Feindseligkeit getrennt ist, so kann das nur als grenzenlose Ueberhebung gewertet werden. Denn dem rabbinischen Rat von Munkaes kann sicher nicht die Autorität zuerkannt werden, eine für die gesamte jüdische Welt entscheidende Maßregel aus persönlichen Motiven zu verhängen. Die in den Zeitungen wiedergegebene theatralische Aufmachung, unter welcher der Cherem ausgesprochen würde, entspricht nicht den Tatsachen und auch der Ausgangspunkt des Streites wurde von den verschiedenen Blättern falsch dargestellt Zunächst ist es unrichtig, daß der Beizer Rabbi bei Ausbruch des Wehkrieges nach Munkaes geflüchtet sei, er ist vielmehr nach Uj-Feherto beiNyir-Egyhäza geflüchtet, woselbst er sich mit seinem gesamten Gefolge wahrend des Weltkrieges aufgehalten hat. Erst nach dem Zusammenbruch der Monarchie, als die Räteregierung ihn, und zwar unter Anwendung militärischen Zwanges aus Ungarn ausgewiesen hat, nahm er notgezwungen seinen Aufenthalt in Munkaes, in welchem Ort ihm einer seiner Anhänger sein Haus bereitwilligst zur Verfügung stellte, während ihm ein zweiter Anhänger sein leerstehendes großes Geschäftslokal als Bethaus einräumte. Nun kam die Rivalität zwischen den- Anhängern des Munkacser und Beizer Rabbis, deren Ursprung schon auf Generationen zurückgeht, unmittelbar zum Ausdruck und äußerte sich in krassester Weise. Der selbstbewußte Rabbi Schapiro mußte ietzt mit eigenen Augen sehen, was er bisher nur vom Hören-Sagen erfahren und aus einer Entfernung von einigen 100 Kilometern gefühlt hat Die überragende Persönlichkeit des von Hunderttausenden verehrten Rabbi von Beiz, zu dem man von nah und fern pilgerte, beeinträchtigte die Autorität Rabbi Schapiros in seiner eigenen Gemeinde und bei seinen Anhängern, was er laut talmudischer Auffassung abzuwehren sich berechtigt glaubte. Die natürliche Folge hiervon war, daß die Anhänger der beiden Rabbiner in fortwährender Fehde miteinander standen. Als endlich der Rabbi von Beiz aus Munkaes in seine Heimat zurückkehrte, gestaltete sich seine Abreise zu einem wahrhaften Triumphzug, indem die tschechische Regierung ihm zu Ehren die Garnisonen ausrücken ließ und ihm einen Separatzug, den die Regierungsvertreter bis zur polnischen Grenze begleiteten, zur Verfügung gestellt hat; an der Grenze wurde der Rabbi von der polnischen Regierung mit allen Ehren empfangen und ebenfalls in einem Separatzug nach der für ihn bestimmten Wohnstätte gebracht. Diese vermeintliche Zurücksetzung konnte vom Rabbi Schapiro und von seinen Anhängern nicht verschmerzt werden. Der Beizer Rabbi hatte Munkaes wohl verlassen, doch haben sich die gegenseitigen Befehdigungen der Anhänger beider noch verschärft. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Dr. Seipel hat in einer ebenso rätselhaften wie vielerörterten Silvesterrede einen Rückblick auf seine Tätigkeit als Bundeskanzler geworfen. Seine erste Herkulesarbeit, die in der wenn auch nur oberflächlichen Reinigung eines Augiasstalles bestand, scheint der Herr Bundeskanzler als beendet zu betrachten und nun teilt er seinen Hörern das Geheimnis mit, daß man, wenn man keine Riesenschlange ist, eine Wurst so verzehren müsse, daß man immer ein Stück nach dem anderen abschneidet. Der Herr Bundeskanzler, der in dieser Erkenntnis das grundlegende Prinzip seiner Regierungstätigkeit erblickt, versicherte, daß sich dieses in so seltsamer, geheimnisvoller Sprache verkündete politische System gut bewährt habe. Man weiß, daß die Auflösung von Preisrätseln gegenwärtig zu den beliebtesten Gesellschaftsspielen zählt und so ist^es begreiflich, daß sich viele den Kopf darüber zerbrachen, worin denn eigentlich das Geheimnis des Herrn Bundeskanzlers gelegen sei. Einige dieser Auflösungen sind bereits in der Oeffentlichkeit ernsthaft diskutiert worden. Als neueste Version wird jedoch die Vermutung ausgesprochen, der Herr Bundeskanzler habe bloß andeuten wollen, daß er sich schließlich doch zum System des — Fortwursteins bekehrte. * * * Eine bewmderuirgswürdige Zurückhaltung, wie man sie kaum rar möglich halten sollte, hat der Rektor der Wiener Universität vor wenigen Tagen bekundet. Eine Abordnung deutsch-demokratischer

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