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Die Wahrheit · 1927-01-14 · Heft 3 (14.1.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 3 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 bezeichnet, der aber als hervorstechendste Eigenschaften aus der Summe derer, die unter diesem Begriffe zusammengefaßt sind, körperliche Bildung und geistige Haltung hervorhebt. Diese Grundeinstellung muß zu verschiedenen Folgerungen führen. Weil darum der jüdisch-nationale Mensch andere Bindungen in sich fühlt, als der jüdisch-religiöse, so sind auch zum großen Teil die Blickpunkte seiner Augen und die Beweggründe seines Handelns andere. Dies muß zur Ergänzung der Oppenheimerschen Ausführungen gesagt werden. Wie oft wirft der eine dem anderen vor, „du siehst ja ganz falsch", während er doch in Wirklichkeit nur vielgestaltige und vieldeutige Tatsachen anders sieht als der gegnerische Rufer im Streite. Wer den ehrlichen Willen hat, ganz im Vaterland und in seiner Kultur zu wurzeln, und dabei in innigster Verbindung mit dem Erbe jüdischer Religiosität steht, wer dabei aber erkennt, daß er dasjenige abstreifen muß, was uns an vermeintlichen nationalen Resten aus der unwürdigen Versklavung des Mittelalters verblieben ist, der wird und muß die Menschheit mit anderen Augen betrachten als der Andersgerichtete, der aus volklichen und stammlichen Restbeständen Staat und Volk zu bilden sich fähig denkt. IV. Und darum sehen die verschiedenen Richtungen auch das sogenannte Palästina-Problem so verschieden an. Gewiß, jeder seiner Religion und seiner Abstammung treue Mensch wird die Not der Armen und Bedürftigen in der ganzen Welt, aber besonders in seinem engeren Kreise erkennen und sie mit warmem Herzen zu lindern bestrebt sein. Darin gibt eskeinenUnterschied zwischen den verschiedenen Richtungen. Wer heute die Hiobsbotschaften aus Rumänien liest, wird helfen wollen und helfen müssen. Wer die liehe Buch immer lesen, stets von Neuem lesen, ohne seinen Inhalt zu erschöpfen, im Gegenteil immer neue Wahrheiten und Erkenntnisse erschließen sich dem fleißigen Leser. Die Thora Gottes ist eirie unversiegbare Quelle; und wie der Mensch, mag er auch ein Leben lang für seinen Durst nur das Wasser der Quelle haben, sich nicht überdrüssig trinkt, so ist auch der geistige Trunk aus der Quelle der Thora dem reinen, gesunden Geiste nie zuwider. Zahllos sind die, die in den Jahrtausenden unter alten Völkern und Religionen dieses Buch studiert, gedeutet und ausgefegt haben — ob gut oder schlecht, wahr oder falsch, geistvoll oder öde —, mit der Deutungskunst ist noch kein Ende und jede Zeit fördert neue Wahrheiten zutage, die einer früheren vielleicht entgangen sind. Um Wert und Bedeutung der Thora kundzutun, sind .viele Gleichnisse gewählt worden. Man hat sie verglichen mit dem Feuer und der Luft, mit dem Schwerte oder dem Weine oder anderen Dingen, die die Menschen Heben und schätzen, aber am treffendsten ist dar Vergleich mit dem Wasser. Wie wir das Wasser nicht schätzen, wenn wir es besitzen, von seinem Werte erst überzeugt sind, wenn wir es entbehren, und dankbar sind, wenn es in der Not uns zuteil wird, so geht es der Thora, dem Gottesworte. Die Wassernot lehrt uns die rfimmelsgabe werten und die Seelennot leider allzuoft erst den Wert der Gottesiiehire erkennen. Wir murren und hadern, sind unbotmäßig und widerspenstig auf dem Lebenswege, weil die Seele schmachtet nach dem Tinunke, den sie brauch} und nicht erhält. „Sie beschäftigten sich nicht mit dem Gottesworte", so deuteten einst die Weisen, und manche Unzufriedenheit, Trostlosigkeit, viel Murren gegen Gott und seine Worte würde aufhören, würden die Zufriedenen und Unzufriedenen nie drei Tage ohne den belebenden Trunk aus dem Borne der Thora bleiben. „Denn ich gieße Wasser auf Lechzendes und Rießendes auf das Trockene; so gieße Ich aus meinen Geist auf deinen Namen, und meinen Segen auf deine Sprößlinge , spricht Gott. Dr. V. Kur rein. Religion und die religiöse Entwicklung als das Entscheidende ansieht, wird mit dem Gefühl inniger Liebe zu Palästina, das jeder besitzt, der vom Judentum etwas weiß, eine Siedlung in Palästina wünschen und fördern unter Zugrundelegung nüchterner, volkswirtschaftlicher Gesichtspunkte. Für ihn wird der Volkswirt entscheiden: Ist eine solche Siedlung möglich, zweckmäßig, bald Erfolg versprechend? Er wird das Palästinaprojekt jedem anderen Projekt vorziehen, wenn zwischen den Möglichkeiten des Gelingens ein nicht allzu großer Abstand vorliegt; aber das Entscheidende für ihn wird die große Frage der Unterbringungsmöglichkeit und der segensreichen Zukunft einer möglichst großen Masse von Juden sein. Dieser Gesichtspunkt kann für den andersgesinnten Juden nicht maßgebend sein. Nach seiner Ueberzeugung erfordert der Erhaltungswunsch des jüdischen Gesamtkomplexes die Erhaltung und den Ausbau der im Laufe der Jahrhunderte angeblich niemals verlorenen nationalen Grundlage, das heißt derjenigen Grundlage, auf der das körperlich und geistig als spezifisch jüdisch erkannte, im wesentlichen außerreligiöse Gut erhalten und nach den Gesichtspunkten der heutigen Wissenschaft vermehrt werden kann. Daher wird auch diesem eine Siedlung der oben geschilderten Art als gut erscheinen, aber sie wird ihm keineswegs das Höchste bedeuten. Für ihn wird der wahre Sinn kolonisatorischer Sammlung erst dann erreicht sein, wenn diese Siedlung auch die außerreligiösen Bestandteile der vereinten jüdischen Menschen, zu fördern und auszubauen in der Lage ist. Ihre Existenz und ihr Wachstum sollen ihm den Befehl geben, die z. B. deutsche Heimatscholle als zufällig, als nicht endbestimmt anzusehen. Sie soll ihm den Wunsch eingeben, daß sein Gebet „Und führe uns zurück" anders aufgefaßt wird, als uns, ob wir orthodox oder liberal sind, der Glaube der Väter und die eigene Ueberzeugung es beigebracht haben. Wenn man uns darum fragt: „Seid Ihr gegen Palästina?", so werden wir diese Frage niemals bejahen können. Auch wir sind für Palästina. Aber wir halten die Art der Besiedlung, wie sie beabsichtigt und zum Teil schon vorgenommen wird, deswegen für unrichtig und sehr bedenklich, weil sie von politischen und kulturellen Gesichtspunkten getragen wird, die für eine solche Kolonisation beinahe gefährlich sind. Wenn wir sagen, politische Gesichtspunkte, so meinen wir eine Art bewußter Konzentration des Gesamtinteresses der Juden in der Welt nur auf Palästina. Und wenn wir von kulturellen Dingen sprechen, so meinen wir, daß es überflüssig ist, ein Kulturzentrum in Palästina zu schaffen. Vor einer unpoliti sehen, auf rein kolonisatorisch-wirtschaftlicher Grundlage beruhenden Arbeit für Palästina zu warnen, haben wir nicht im mindesten Anlaß. Im Gegenteil; auch wir wollen allen helfen, diesichinNotundElendbefinden. V. Wir hoffen, daß diese Auseinandersetzungen dem inneren Frieden dienen. Viele meinen, die Unter-

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