Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064302--15118-3087884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Bffi WAHRHEIT die Kreise ihrer Anhänger Unsicherheit hineintragen, weil diesen unklar werden muß, worin denn nun wirklich der Hauptinhalt der Arbeit ihrer Führer besteht. Wir verfolgen mit größtem Interesse die Prager „Selbstwehr", das Schwesterorgan der „Wiener Morgenzeitung" für die Tschechoslowakei. Man kann dort sehr vieles zur Erkenntnis des hier behandelten Problems lernen. Bedeutsam war vor kurzem ein Aufsatz, in dem auseinandergesetzt wurde, daß die ganze Erörterung über die Frage, ob in Palästina ein Judenstaat geschaffen werden soll, insofern zwecklos ist, als man unter Judenstaat so viel und so verschiedene Dinge verstehen kann, daß man sich erst über den Inhalt des Begriffes einigen muß, um zu einer wirklich fruchtbaren Diskussion zu kommen *). Professor Franz Oppenheimer bezeichnet in seinem Aufsatze den in die Tiefe verrutschten Adelsdünkel als Grundlage des heutigen Judenhasses. Er hat damit im wesentlichen recht, was beispielsweise an den heutigen, farbentragenden Verbindungen an den Universitäten jederzeit bewiesen werden kann. Und auch darin hat er Recht, daß er die Gegensätze zwischen uns und unseren innerpolitischen Gegnern damit kennzeichnet, daß er die Aufgaben derer, die sich allzu tief in ihrer Heimat verwurzelt fühlen, als *) Wir fragen: Was hätte die jüdisch-nationale Oeffentlichkeit über uns gesagt, wenn wir nur einen kleinen Teil der Ausführungen-gemacht hätten, welche der Führer der österreichischen Zionisten, Robert Stricker, über Weizmann unter dem Titel „Mit eingerollter Fahne" in der „Wiener Morgenzeitung" am 6. November v. J. schrieb? Siehe „Wahrheit" Nr. 50 vom 3. Dezember 1926. §^ Feuilleton p§ Wassernot. Mose ließ Israel vom Schilfmeere aufbrechen, and sie zogen in .die Wüste Schar: da gingen sie drei Tage in der Wüste nnd fanden kein Wasser. II, 15,22. Das große Ereignis am Schüfmeere hat sich vollzogen, der begeisterte Siegesgesang ist verklungen, Israel bricht auf, um weiter zu ziehen, und gelangt in die Wüste Schur. Mit knappen, kurzen Worten berichtet die Thora eine scheinbar geringfügige und dennoch schwerwiegende Tatsache: „sie gingen drei Tage in der Wüste und fanden kern Wasser". Wasseraot ist ein schreckliches Wort, ob es sich um die Not durch Wasser oder um dae Not au Wasser handelt, und niemand wird unterschätzen die Qualen des Durstes, dae Leiden des Körpers und der Seele bm Alt und Jung, Mensch und Tier, die der Mangel an Wasser hervorruft. \Vassernot ist schon in geordneten Verhältnissen, in Ruhe und Seßhaftigkeit ein schweres UebeJ, auf der Reise, bei der Wanderung durch die Wüste im glühenden Sonnenbrände wird sie ein furchtbares Geschick. In Erkenntnis und richtiger Beurteilung dieses Um- Standes wird man das Murren des Volkes, die Unbotmäßigkeit und Unzufriedenheit der wandernden Menge nachsichtiger beurteilen. R. Josua besteht darum bei der Erklärung der Heiligen Schrift auf der Betonung des Standpunktes, daß, es sich um Wasser und Wassernot tatsächlich gehandelt hat, und daß das Stöhnen der Greise und Kranken, das Wimmern der Kinder, das Bruiien der Tiere, die alle nach dem lebenspenden, den. erfrischenden Trünke lechzten, die Sinne aller verwirrten, Wildheit, Aufruhr, Aerger und Verdruß erzeugten. Andere Erklärer, die mit feinstem Spürsinn aus den Worten daß sie den Schwerpunkt ihrer Wesens in ein anderes Land verlegen könnten, der Auffassung jener änderen gegenüberstellt, die sich von der Heimat lösen und auf neuem Wege eine neue Heimat schaffen wollen. Man sollte nicht immer von einer Entjudung des Judentums, nicht immer von Würdelosigkeit und Heuchelei sprechen, sondern man sollte in klaren Ausführungen die wirklich vorhandenen Gegensätze aufweisen und die erwachsenen, denkfähigen Männer und Frauen zur leidenschaftslosen Prüfung der vorhandenen Gedankengänge anhalten. HL Dabei kann allerdings schon heute die Grundfrage nach dem, was dem einzelnen das Judentum bedeutet, in den Vordergrund des Interesses gestellt werden. Gewiß ist das Judentum nicht nur Religion, und man wird gut tun, wie wir vor Jahren einmal in einem Vortrage zu entwickeln versucht haben, und wie es auch Samuel im wesentlichen anzunehmen scheint, das Judentum als soziologischen Komplex zu betrachten, als eine Mischung der verschiedensten, im Laufe der Jahrhunderte zu einer gewissen Einheit gelangten Strömungen menschlichen Erlebens. Aber uns scheint es doch notwendig zu sein, das Religiöse als das für dieses Gesamterlebnis Wesentliche und Entscheidende zu bezeichnen. Dabei brauchen wir auf die Schattierungen, die namentlich die Frage der Verbindlichkeit des Zeremonialgesetzes mit sich bringt, hier nicht näher einzugehen. Die Vertiefung dieses religiösen Gutes ist die Arbeit für das Jüdische. Auf dfer anderen Seite glauben wir, einen Gedankengang sehen zu können, der zwar die religiöse Bindung auch als einen Bestandteil des Gesamtkomplexes Judentum des Textes Hinweise und Fingerzeige für die menschliche Natur und ihre Eigenschaften herauszulesen verstanden, wollen aber diese Stelle „sie fanden kein Wasser" in übertragenem Sänne gedeutet wissen: „sie beschäftigten sich nicht mit dem Gottesworte". Denn die Thora wird oft und gerne mit dem Wasser verglichen. Die reine Himmelsgabe, die Menschen weder erzeugen noch herstellen können, die durch nichts auf Erden ausreichend ersetzt werden kann, alles Wachstum und Gedeihen, alle Fruchtbarkeit und allen Segen hervorbringt, ist auf das geistige und sittliche Gebiet übertragen der treffendste Vergleich für das Gotteswort, das das rohe Herz veredelt, den Geist bildet und aus dem Geschöpfe „Mensch" den gottähnlichen Herrscher über die Kreaturen, die Krone der Schöpfung macht. Ist unser Leben eine Wanderung, unser Lebensweg mit seinem Ungemach, seinen Schwierigkeiten gleichsam ein Zug durch eine Wüste, der Mensch, des Paradieses verlustig, im steten Kampfe mit den Dornen und Disteln des Mißerfolges und der Not, so ist der Mangel an Wasser ebenso wie der Mangel an Beschäftigung mit dem Gotteswörte die Ursache für viel Murren, Unzufriedenheit, Kleinmut und Verzagtheit auf dem Wege. Der Mensch braucht , das Wasser, braucht aber auch den geistigen Trunk aus dem Borne des Gotteswortes. Darum haben unsere Alten bestimmt, daß Israel nicht drei Tage lang ohne Thora sei, und haben die Vorlesung aus der Thora im Gottesdienste am Sabbat, Montag und Donnerstag eingesetzt. Denn die Versorgung eines Volkes mit reiner geistiger Nahrung ist die Grundbedingung für dessen seelisches Wohlbefinden und Zufriedenheit auf dem Lebenswege. .Es ist daher ein hoher Ruhmestitel für den Gottesdienst Israels, daß er geistige Güter, die Erwerbung geistigen Reichtums jedem Beter vermittelt. Denn der Wert der Thorakenntnis für eine Weltanschauung, für die Bildung des Charakters, für die Läuterung des Gemütes ist nicht genug hoch zu veranschlagen, und ein Unrecht begeht der, der den Besitz solchen Wissens geringe achtet Man kann das gött-